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Medienkolumne "Abspann":Eine Liebe, so rein

Friede Springer Mathias Döpfner

Der enttäuschte Romantiker im Zuschauer merkt bald, dass es hier um Geld geht, um ziemlich viel Geld.

(Foto: imago/Uwe Steinert)

Friede Springer und Mathias Döpfner reden in einem Youtube-Video über die Schenkung des Jahres, aber es geht nicht um Geld, nein, es geht um große Gefühle.

Von Willi Winkler

Kann denn Liebe Sünde sein? Nein, nein, das kann sie nicht, und bestimmt nicht, wenn sie so rein, so unschuldig auftritt wie in dem Film, der sich seit vorgestern in der großen Märchentruhe von Youtube findet. Ein Mann in den besten Jahren tauscht mit einer Frau in noch besseren Jahren zwar nicht Ringe, aber schöne Gedanken aus. Die Situation ist sehr intim, doch wir dürfen dabei sein, dürfen sehen und hören, wie der Mann stammelt. Seufzend fast gesteht er seiner Angebeteten, dass ihm "ein bisschen die Worte fehlen", aber er bringt ihn dann doch vollständig heraus, den erzpoetischen Satz: "Ich wollte immer diesen unruhigen Schlaf des Verliebten."

Doch ach, das stimmt ja gar nicht, das war ein Hörversehen, der Mann sagt etwas ganz anderes: "Ich wollte immer diesen unruhigen Schlaf des Unternehmers." So liebevoll sich die beiden in die Augen schauen, so aufmunternd sie ihm den Arm tätschelt und versichert "Wir schaffen das, Mathias!", der enttäuschte Romantiker im Zuschauer merkt bald, dass es hier um Geld geht, um ziemlich viel Geld. Friede Springer, die Hauptaktionärin von Axel Springer, schenkt ihrem jugendlichen Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner, 57, Anteile im Wert von mehr als einer Milliarde Euro und überträgt ihm dazu noch die eigenen Stimmrechte. Und doch muss Liebe im Spiel sein, die beiden strahlen so von diesem Schenkungsakt begeistert in die Welt hinaus (das Video ist zusätzlich englisch untertitelt), dass niemand mehr an das schnöde Geld denkt. Alle sollen es wissen, alle erfahren, wie glücklich sie ist. "Ich fühle mich sehr wohl", erklärt die 78-jährige Friede Springer, jetzt, wo "die Verträge so weit" sind. Man müsste schon mit dem Gemüt eines Bismarck-Denkmals geschlagen sein, um von diesem wie gemeißelten Satz nicht angerührt zu werden: "Mathias, du wirst mein Nachfolger."

Es ist, Göttin sei's geklagt, einfach zu wenig Liebe in der Welt, umso tröstlicher für uns, dass wir diesem Schauspiel zarter Innigkeit beiwohnen dürfen. Da ist viel Holz im Hintergrund, und sähe man nicht die bibliophilen Bände am rechten Bildrand, könnte man vermuten, die beiden hätten in der Finnischen Sauna zueinandergefunden. Vor Jahren hat Döpfner erklärt, unter Kollegen schwitze er als Letzter, aber hier wirkt er doch ein bisschen überwältigt. Vom Geld oder nicht doch vom Glück?

Liebe ist nämlich nicht "dieses Rein- und Rausvögeln", wie uns Franz Josef Wagner, der poeta laureatus von Bild, gerade wissen ließ, sondern "wenn mich mein Lebenspartner im Rollstuhl schiebt, wenn ich ihm treu bleibe in Krankheit und Not". Es muss also doch Liebe sein, wobei so eine hübsche, kleine Milliarde als Morgengabe sicherlich nicht zu verachten ist.

© SZ/tyc
TAZ

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