Süddeutsche Zeitung

Bezahlung von Frauen in den Medien:Auf den billigen Plätzen wird es unruhig

In der Amazon-Serie "Good Girls Revolt" kämpfen Journalistinnen in den USA der Siebzigerjahre um Gleichbehandlung. Lange her? Na ja! Gerade spielt sich beim ZDF eine sehr ähnliche Geschichte ab.

Warum kommt eigentlich kein dringender Solidaritätsappell von allen Medienfrauen, nein, überhaupt von Frauen und von ein paar Männern ruhig auch? Wieso unterstützen jetzt sofort nicht sehr viele die Frontal 21-Reporterin Birte Meier, die ihren Sender verklagt hat, weil sie genau so viel verdienen will wie ein Mann, der die gleiche Arbeit macht.

So heftig? So zornig? Nun, vielleicht hätte man diese sehr große Serie nicht anschauen sollen: Zehn Folgen Good Girls Revolt hintereinander weg bei Amazon. Vielleicht nicht ausgerechnet, während sich in Amerika dieser offen frauenverachtende, sexistische, aber trotzdem von Frauen freiwillig gewählte Grab-them-by-the-pussy-Politik-Amateur ans Werk macht. Vielleicht auch nicht, während in Deutschland die preisgekrönte Reporterin Birte Meier über ein unmoralisches Vergleichs-Angebot des ZDF nachdenken muss.

Good Girls Revolt ist die gelungene Fiktionalisierung einer wahren Begebenheit aus dem Jahr 1970. Damals reichten 46 Frauen eine Sammelklage gegen ihren Arbeitgeber Newsweek ein wegen "systematischer Diskriminierung".

In der Serie, die seit Anfang November zu sehen ist, heißt das Magazin News of the Week. Ein Top-Team von Produzentinnen, Autorinnen und Schauspielerinnen erzählt an Muster-Blondinen wie Jane Hollander (Anna Camp) oder dem Hippiemädchen Patti (Genevieve Angelson) mit großartigen Sechzigerjahre-Konflikten und -Klamotten, dass Kulturrevolution, sexuelle Befreiung und Kiffen noch lange nicht automatisch die Gleichstellung von Mann und Frau bedeutet hat.

Nicht, solange Ehemänner heimlich Löcher ins Diaphragma stechen, damit ihre Cindy schwanger wird und endlich aufhört, Journalistin sein zu wollen. Nicht, solange Frauen mit hervorragender Ausbildung als Rechercheassistentinnen zwar telefonieren, recherchieren, denken, Termine machen und die misslungenen Texte umschreiben dürfen für Männer, die Reporter heißen, das zigfache verdienen und ihre Namen unter die Artikel setzen dürfen.

Ist die Arbeit gleichwertig, muss die Frau den gleichen Lohn erhalten - und basta

Lange her? Heutzutage gehen die Geschichten so: Im Gespräch mit einem Kollegen, der die gleiche Arbeit macht, hat Birte Meier erfahren, dass der netto mehr verdient als sie brutto. Über Jahre hat sie offenbar versucht, diese Ungerechtigkeit innerhalb des ZDF zu thematisieren. Ohne Erfolg. Dann hat sie geklagt.

Ihr Anwalt beruft sich nicht nur auf das deutsche Antidiskriminierungsgesetz, sondern auf die europäische Rechtsprechung, nach der für die Gleichbehandlung von Mann und Frau in Fragen der Bezahlung ein Job-to-Job-Vergleich angestellt werden muss: Ist die Arbeit gleichwertig, muss die Frau den gleichen Lohn erhalten. Und basta.

Der Richter, der laut Berliner Zeitung in der ersten Verhandlung noch damit argumentierte, dass Frauen ja schließlich schwanger werden können und Männer vielleicht einfach besser verhandeln, rief die daraufhin ihren Unmut bekundenden "Damen auf den billigen Plätzen" zur Ordnung, und merkte nicht einmal, dass er damit eine feine Überschrift geliefert hat.

Drohung nach innen

Damals, im Jahr 1970 haben die Klägerinnen - Achtung: Spoiler aus der Geschichte - ihren Prozess gewonnen. Das sollte aber erst in der zweiten Serienstaffel erzählt werden. 47 Jahre später in Deutschland bietet das ZDF offenbar einen Vergleich an, mit dem Birte Meier zwar Recht bekäme und auch das ihr zustehende Geld, aber nur, wenn sie den Sender verlässt.

Wahrscheinlich soll das auch als Drohung nach innen funktionieren: Damit nicht noch mal eine wagt, einen Mann zu fragen, was er eigentlich verdient.

Der Chef von Amazon mochte die Serie angeblich noch nie

Falls Birte Meier sich auf den Vergleich nicht einlässt, urteilt das Gericht am 1. Februar dieses Jahres. Birte Meier will sich in dieser Situation verständlicherweise nicht äußern. Auch das ZDF schickt "mit Dank für Ihre Anfrage" noch einmal ein Statement vom 10. Dezember.

Alles noch schlimmer als damals? Manches wird besser: Die Good Girls von 1970 mussten die Personalakten der Männer noch heimlich kopieren. Das ist vorbei. Bald. Im Oktober des vergangenen Jahres hat sich die Große Koalition in Deutschland auf einen Gesetzentwurf geeinigt, der unter Hinweis auf die europäischem Normen einen individuellen Auskunftsanspruch auf vergleichbare Gehälter vorsieht bei Unternehmen, die mehr als 200 Beschäftigte haben.

Kann sein, dass es viele ähnliche Fälle gibt im ZDF. Wahrscheinlich zählen sie in anderen Häusern, in den Medien und anderswo, auch schon bang nach, ob sie mehr als 200 Mitarbeiter haben.

Dass der Prozess für die Good Girls ein positives Ende nahm, wird der Zuschauer wohl nicht erfahren. Die Serie wurde abgesetzt. Weltweit hatte Good Girls Revolt zwar eine durchschnittliche Amazon-Zuschauerbewertung von 4,5 Sternen, Superkritiken sowieso, fast nur von Frauen geschrieben übrigens. Newsweek, der Schauplatz der Geschichte, nennt die Good Girls "eine der besten Serien 2016".

Trotzdem: Abgesetzt. An der Entscheidung bei Amazon, das hat die Showrunnerin Dana Calvo öffentlich gemacht, war keine einzige Frau beteiligt. Weil keine Frau im Raum war. Weil es auf dieser Entscheidungsebene bei Amazon gar keine Frauen gibt.

Megyn Kelly geht zu NBC, wo eine mutige Journalistin nicht mehr so auffällt

Roy Price, Chef der Amazon-Studios, mochte die Serie von Anfang an einfach nicht, heißt es, dabei hat er sie angeblich nicht einmal gesehen. Vielleicht mochte er den Gedanken nicht, dass eine Serie über das Jahr 1970 Frauen in seinem eigenen Laden im Jahr 2017 auf naheliegende und gute Gedanken bringen könnte. Man wünscht Amazon von Herzen, dass Netflix oder wer auch immer die zweite Staffel macht, und dass es der Erfolg des Jahrhunderts wird.

Und dann ist da noch der Fall von Megyn Kelly. Die wird zwar vermutlich gut bezahlt, wurde im Sommer aber auch in eine kleine Frauenrevolte gezwungen. Kelly ist die Journalistin, die gewagt hat, Donald Trump vor der Kamera zu fragen, ob seiner Meinung nach jemand Präsident in Amerika werden kann, der Frauen, die er nicht mag, "fette Schweine" nennt, "Hündinnen", "Schlampen" und "widerliche Tiere".

Der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika nannte Megyn Kelly einen Tag später "Bimbo" und sagte, aus ihren Augen und auch aus ihrer "Wo-auch-immer" habe Blut getropft. Megyn Kelly verlässt nun, das ist seit Dienstag bekannt, den Sender Fox News und geht zu NBC, wo eine gute, mutige Journalistin nicht mehr so sehr auffällt.

Was wäre eigentlich, wenn im neuen Jahr die Debatte darum, welcher Feminismus richtig reinknallt und welcher gar nicht, ersetzt würde durch: Solidarische Aktion? Der 1. Februar könnte dann schon mal im Kalender markiert werden. Und es ist egal, ob der Hashtag SaveGoodGirlsRevolt heißt, WirsindBirteMeier oder - noch einmal - Aufschrei.

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Quelle:
SZ vom 05.01.2017/pak
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