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Studie zur Geschlechtergerechtigkeit:Zu Gast: Der Virologe

Titel: Zwischen Hysterie und begründeter Angst: Wie gefährlich ist das Corona-Virus?; Frank Plasberg

Eine Frau, vier Männer im Studio- da stimmt doch was nicht.

(Foto: Oliver Ziebe/WDR)

Eine neue Studie analysiert die Berichterstattung in der Coronakrise - und bestätigt eine gefühlte Wahrheit.

Befüllen Sie dieses Kreuzworträtselfeld: berühmter deutschsprachiger Virologe. Sofort hat man ein Bild, einen Namen, eine Stimme im Kopf. Was aber, wenn man dieses Kreuzworträtselfeld anders befüllen müsste: berühmte deutschsprachige Virologin. Vielleicht fällt manchen noch das Bild einer Expertin ein, aber der Name dazu? Die Stimme gar?

Seit etwa drei Monaten ist die Diskussion um das Coronavirus das dominierende Thema in deutschen Talkshows. Zu Wort kommen Menschen, die über Risiken und Gefahren sprechen, über medizinische Prognosen, Impfstoffe, mögliche Vorgehensweisen, wirtschaftliche Gefahren und sich langsam ausweitende wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Menschen, die zu Wort kommen, sind hauptsächlich Männer.

Bislang war das nur eine gefühlte Wahrheit. Jetzt hat eine am Donnerstag veröffentlichte Studie der MaLisa-Stiftung Gewissheit gebracht. Die Stiftung, hinter der die Schauspielerin Maria Furtwängler und ihre Tochter Elisabeth stehen, hat sich schon in der Vergangenheit mit der Rollenverteilung und Darstellung von Frauen und Männern in deutschen Medien beschäftigt.

Die neuen Ergebnisse, die auf der Webseite der Stiftung abrufbar sind, zeigen die Geschlechterverteilung in der aktuellen Corona-Berichterstattung. Es handelt sich dabei um die Erkenntnisse zweier separat geführter Studien: Einerseits wurde zwei Wochen lang die Berichterstattung in Informationssendungen seit Mitte April betrachtet, sowohl im Öffentlich-Rechtlichen als auch im Privatfernsehen. Durchgeführt wurde diese Studie von der Medienwissenschaftlerin Elizabeth Prommer, Direktorin des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock.

Auf eine Frau kommen in der Berichterstattung zwei Männer

Über den gleichen Zeitraum betrachtete der Schwede Max Berggren die Geschlechterverteilung in der Corona-Berichterstattung in Online-Auftritten deutscher Printmedien. Der Datenforscher Berggren ist Erfinder von "Prognosis", einem Tool, das Online-Auftritte von Zeitungen scannt und auswertet, wie oft in den Texten Frauen und wie oft Männer genannt werden. Für die aktuelle Studie wurden 79 807 Zeitungsartikel untersucht.

Beide Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. In den Fernsehformaten war unter fünf Experten nur eine Frau (22 Prozent). In der Online-Berichterstattung wurden Frauen sogar nur zu etwa sieben Prozent als Expertinnen erwähnt. Und: Insgesamt wurden sowohl im Fernsehen als auch in den Online-Berichten mit Corona-Bezug pro Frau, die zitiert oder befragt wurde, zwei Männer zitiert oder befragt. Auch die Experten im Medizinbereich waren vor allem Männer.

"Seit unserer ersten großen Studie von 2017 hat sich nicht viel geändert", sagt die Leiterin der MaLisa Stiftung, Karin Heisecke. "Der Anteil von Expertinnen in der TV-Berichterstattung war damals 21, heute ist er 22 Prozent." Man sei ergebnisoffen an die Untersuchung herangegangen, sagt Heisecke, aber dass es immer noch ein so starkes Ungleichgewicht gebe, habe sie selbst überrascht. "Für die Medienschaffenden stellt sich die Frage, ob sie mit dieser Situation zufrieden sind - Frauen sind die Hälfte der Gesellschaft, aber sie kommen nur zu einem Fünftel als Expertinnen zu Wort. Wenn gerade jetzt, in dieser Krisenzeit, wo es darum geht, die besten Lösungen zu finden, ihre Expertise nicht gefragt ist, dann stimmt etwas nicht", sagt Heisecke.

Eine andere Frage der Untersuchung: Über welche Themen wurde gesprochen? Die häufigsten Gesprächsthemen in Sendungen mit Corona-Bezug waren laut der MaLisa-Studie Politik, Wirtschaft oder Finanzen, Soziales und Medizin. Gewalt gegen Kinder und innerhalb der Familie kamen am seltensten vor. Das Thema Gewalt gegen Frauen wurde im Erhebungszeitraum im Fernsehen sogar nur ein einziges Mal thematisiert - und zwar nicht in einer Sondersendung oder einer Talkshow, sondern in einem Nachrichtenbeitrag, in dem Familienministerin Franziska Giffey über das Thema sprach. Die Sendung lief auf RTL.

Warum Frauen derart unterrepräsentiert sind, lässt sich aus der Studie nicht ablesen. Aus der Redaktion der Talkshow "Anne Will" hieß es kürzlich, Frauen würden wesentlich häufiger absagen als Männer. Heisecke meint jedoch, die Gründe für die mangelnde Anzahl an Frauen - inklusive der Gründe, warum sie häufiger absagen - seien vielfältig und bedürften einer tiefergehenden und längerfristigen Untersuchung.

© SZ.de/cag
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