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Journalismus:"Von der schwierigen Sorte"

Karikaturistin Franziska Becker

Pikst oft das feministische Selbstbild an: Cartoonistin Franziska Becker, 69. Ihr erstes Werk für die Emma erschien 1977.

(Foto: Oliver Berg)

Franziska Becker soll für ihre Cartoons ausgezeichnet werden. Darum ist eine Debatte entbrannt, in der die einen von Islamophobie reden, die anderen von Zensur. Alice Schwarzer streitet eifrig mit.

Wenn man in den Achtzigerjahren ein vom Feminismus bewegter Teenager war, kam man an Franziska Becker und ihren Cartoons nicht vorbei; das hätte man auch gar nicht gewollt. Denn der Feminismus ist nicht immer eine besonders humorvolle Veranstaltung und konnte Franziska Beckers Karikaturen gut gebrauchen. Die meisten erschienen seit 1977 in der Emma, es gab aber auch Bücher, Weiber beispielsweise. Becker pikst oft das feministische Selbstbild an, und überhaupt war sie fast einzigartig. Weibliche Karikaturisten waren früher nicht vorgesehen, und gegen diese gesellschaftliche Fehlplanung wehrten sich nur Franziska Becker und Marie Marcks so richtig erfolgreich.

Der Journalistinnenbund hat nun Anfang Juni verkündet, Franziska Becker mit der Hedwig-Dohm-Urkunde für ihr Lebenswerk auszuzeichnen. Zu diesem Lebenswerk gehören auch Karikaturen, die in den vergangenen Tagen Gegenstand einer hitzigen Debatte wurden. Die Journalistin Sibel Schick hat die Preisvergabe für die "islamfeindlich-rassistischen Comics" vor ein paar Tagen auf Twitter kritisiert. Daraufhin witterte Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer Diffamierung und versuchte Zensur. Beim Journalistinnenbund hat man überlegt und sich zur eigenen Entscheidung bekannt. Die Vorsitzende, Rebecca Beerheide, sagte dem Deutschlandfunk, die Kritik habe sie überrascht; die umstrittenen Cartoons habe sie vorher nicht gekannt, sie seien "von der schwierigen Sorte", und sie gefielen ihr auch "nicht hundertprozentig". Bei der Preisvergabe bleibe es aber.

Als Beckers Cartoons noch ganz analog in Büchern erschienen, schaute man sie sich mehrfach an und sah nicht jedes Mal dasselbe. Was aber ist das eigentlich, ein Cartoon von der schwierigen Sorte? Beispielsweise gibt es eine Becker-Zeichnung, auf der eine Polizistin mit Kopftuch im Hintergrund jemandem eine Hand abhackt, während sich im Vordergrund einer freut, das mit dem Ladendiebstahl sei zurückgegangen, seit "die bei der Polizei sind". Es gibt eine mit ganz vielen Burkinis im Hallenbad. Und einige, in denen sehr viele von oben bis unten verschleierte Frauen den öffentlichen Raum dominieren.

Die Cartoons sind nicht neu, aber die Vorstellung von den vielen Burkas auf der Straße bedient heute ein rechtes Narrativ, das die Wirklichkeit nicht spiegelt. Sie sehen für einen Teil der Bevölkerung aus wie das Gegenteil von Solidarität. Dass Sibel Schick das als verletzend empfindet, kann sie sehr gut begründen. Mitten in einer Debatte über rechtsextremistischen Terror sehen Cartoons "von der schwierigen Sorte" tatsächlich ausgesprochen unglückselig aus.

Viele der Bilder haben mindestens zwei Türen zur Interpretation

Das heißt nicht, dass Franziska Beckers Zeichnungen ein Angriff auf Sibel Schick sind - einer auf Verschleierung sind sie aber schon. Jede Art von religiösem Eifer sah Becker schon immer kritisch. Nehmen wir doch mal diesen Cartoon: Lümmeln ein paar leicht bekleidete Frauen - das Tragen von Büstenhaltern lehnen Beckers Weiber grundsätzlich ab! - auf dem Sofa und unterhalten sich darüber, dass Männerkörper echt zu aufreizend sind, während ein von oben bis unten in Schwarz abgehängter Typ das Geschirr abräumt.

Die Karikatur mit der Polizistin wurde in den vergangenen Tagen als islamophob diskutiert; die mit dem verschleierten Hausmann natürlich nicht. Für Franziska Becker passen Gleichberechtigung und Verschleierung nicht zusammen. Es ist ein alter, wunderbarer feministischer Grundsatz, als sexistisch zu betrachten, was man nicht umdrehen kann, ohne in lautes Gelächter auszubrechen. Die Schleier von Frauen im Islam haben keine vollständige Entsprechung in der Kleiderordnung für Männer, und Verstöße gegen die Kleiderordnung für Männer - ja, die gibt es! - werden nicht genauso geahndet.

In diesem Sinne entspricht es einer feministischen Logik, Verschleierung sexistisch zu finden (und das ist noch lange nicht dasselbe, wie ihr Verbot zu fordern). Viele von Beckers Cartoons haben mindestens zwei Türen zur Interpretation. Busfahrerin im Niqab - Busfahrerin?

Das steht über Alice Schwarzers Artikel, den sie auf der Webseite von Emma veröffentlicht hat: "Die Cartoonistin Franziska Becker ist im deutschsprachigen Raum das erste Opfer eines selbstgerechten Furors im Namen des Islam. Wehret den Anfängen! Becker erhält am 29. Juni den Hedwig-Dohm-Preis in Berlin. Sie hat ihn verdient. Doch es läuft eine Diffamationskampagne. Ihr Ziel: Zensur!"

Was selbstgerechten Furor angeht: Bedeutet das, Schwarzer sieht einen Tweet, eine Kritik in Textform, gleich als Vorstufe zu mörderischen Angriffen wie den auf die Redaktion des Charlie Hebdo? Die logische Folgerung wäre dann, dass auch Kritik an Verschleierung ein latenter Aufruf zur Gewalt ist. Wie überhaupt jegliche Kritik.

© SZ vom 28.06.2019
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