Franken-"Tatort" Fremdheit wird hier nur behauptet

Kommissar Voss empfindet bald so intensiv mit den Geflüchteten, dass er den Gruß "Ziegenficker" auf sich bezieht und anfängt, sich zu prügeln.

(Foto: BR/Rat Pack Fimproduktion GmbH/Bernd Schuller)

Aus Franken kommt ein weiterer Flüchtlings-"Tatort", der nicht so eindimensional sein will wie die bisherigen. Aber das Thema ist auch für diesen Film zu groß.

TV-Kritik von Holger Gertz

Es gibt eine Szene, in der ein Geflüchteter den anderen das präsentiert, was er gerade zusammengeklaut hat. "Hier Bruder, Handyhülle, guckst du, für disch", sagt er. Ein anderer sagt: "Ist nicht gut für uns, dann bist nicht nur du schuld, es sind gleich alle Flüchtlinge, die klauen." "Zappzarapp, musst du nur hier Etikett wegmachen" sagt der eine. "Du beißt aber die Hand, die dich füttert", sagt der andere, und diese Dialoge erzählen vom Anspruch des Tatorts aus Franken (Regie Markus Imboden, Buch Holger Karsten Schmidt): Er gibt sich Mühe, der Ambivalenz des Themas gerecht zu werden.

"Der Kannake arrrbeided für billicher"

Ja, es ist ein weiterer Flüchtlings-Tatort. Nein, so eindimensional wie die bisherigen will er nicht sein. Ja, das Elend der Flucht muss beklagt werden. Nein, verschwiegen werden darf deshalb nicht, dass auch Ganoven unter den Geflüchteten sind. Ja, die deutschen Beamten sorgen für Ordnung. Nein, das hindert den einen oder anderen nicht daran, sich auch mal für ein schönes Stück aus dem Altkleidersack zu interessieren. Ja, das Thema Verlorengehen ist mit entsprechendem Ernst zu behandeln. Nein, deswegen muss man nicht verzichten auf den Witz, der sich aus dem Stimmklang der Provinz ableiten lässt. Was er gegen Ausländer hat? Sagt der fränkische Polier: "Der Kannake arrrbeided für billicher."

Bei einem Brand in einer Gemeinschaftsunterkunft ist eine Frau aus Kamerun umgekommen, Kommissarin Ringelhahn (Dagmar Manzel) ermittelt mit dem Deam Frankn, Kollege Voss (Fabian Hinrichs) schleicht sich undercover in die Unterkunft. Ringelhahn und Voss sind angenehmerweise kein bisschen abgedreht, es geht bei ihnen menschlich zu und manchmal zu menschlich. Voss empfindet bald so intensiv mit den Geflüchteten, dass er den Gruß "Ziegenficker" auf sich bezieht und anfängt, sich zu prügeln. Das ist dick aufgetragen, auch die Kotztütenhaftigkeit eines Baulöwen ist überzeichnet, es gibt einen - verglichen mit dem ruhigen Fluss der Handlung - überdramatischen Showdown. Und die Ausländer sprechen praktisch alle dieses ulkig gebrochene Filmdeutsch, Fremdheit ist nur behauptete Fremdheit, denn eigentlich kann sich jeder mit jedem bestens unterhalten. Und man kann sich das gut ansehen - was bei einem Stoff wie diesem nur bedingt ein Lob ist.

Der Sonntagabendkrimi ist nun mal ein Unterhaltungsformat. Aber das Thema Flucht ist am Ende zu groß, auch für diesen so betont anspruchsvollen Tatort.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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