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Truffaut-Reihe auf Arte:Der Mann, der den Film liebte

Auf Liebe und Tod - François Truffaut

Fanny Ardant und Jean-Louis Trintignant in "Auf Liebe und Tod".

(Foto: Arte)

Mit einigen seiner besten Werke würdigt Arte den französischen Filmregisseur François Truffaut. Erinnerung an einen, der seine Obsessionen so offen wie kaum ein anderer pflegte und doch damit von der Gesellschaft verstanden werden wollte.

Von Tobias Kniebe

Es ist still in Antibes, selbst die Zikaden der Riviera schweigen, und Jean-Paul Belmondo steht im Dunkel der Nacht auf der Straße. Er beobachtet ein schmales Haus in der Altstadt, hoch oben ist Licht im Zimmer, dort bewegt sich Catherine Deneuve, die er überraschen will. An der Fassade leuchten Buchstaben in Neon, "Hotel Monorail" in Rot und Blau. Deneuve tritt auf die Straße, bemerkt den Beobachter nicht und geht in den Nachtclub gegenüber, wo sie arbeitet. Belmondo aber wartet, schaut sich um und klettert dann wie eine Katze die Fassade hoch - drei Stockwerke bis zu ihrer offenen Balkontür.

So unvergesslich elegant diese kleine Sequenz erdacht ist, und so schön sie die verstohlenen Manöver der Liebenden beschwört, bis hin zu Romeo und Julia auf ihrem Balkon, so doppelbödig ist sie bei François Truffaut. Das Geheimnis der falschen Braut / La sirène du Mississippi heißt der Film, er läuft am Sonntag in einer Truffaut-Reihe, die Arte sich gerade gewissermaßen selbst zum Geburtstag gönnt und die eine herrliche Form der Vergegenwärtigung eines Werks ist, wie sie außer den Cinematheken sonst kaum noch jemand wagt. Die ganz kanonischen Filme wie Jules und Jim oder Fahrenheit 451 sind diesmal nicht dabei, aber doch einige Juwelen - wie dieser Film mit dem Fassadenkletterer, den man nicht mehr vergisst.

Belmondo nämlich hat gar nichts Romantisches vor, er will Rache nehmen an dieser Frau, die ihm sein ganzes Vermögen gestohlen hat, durch Heiratsschwindel und Komplizenschaft mit einem Mörder. Und wird ihr dann doch vergeben, als sie zurückkommt und keinen Widerstand leistet, ihre böse Vergangenheit offenbart und ihre Gefühle gesteht. So verstricken sich diese beiden immer mehr, ohne dass er ihr jemals ganz trauen kann, und ohne dass ihn das aufhalten würde. Zwei Verfallene, die nicht mehr voneinander loskommen und eine letzte Reise antreten, immer auswegloser und surrealer im Lauf der Zeit.

Und ja, im Grunde ist schon der ganze Truffaut in dieser kleinen Szene, die Liebe genauso wie ihre Unmöglichkeit, die Direktheit genauso wie die Komplexität, die Verträumtheit genauso wie sein immer wieder staunenswerter, lebendiger Pragmatismus. Vor allem aber will dieses Kino mit den Betrachtern kommunizieren, will auch die Sehnsucht der Zuschauer aufleuchten lassen in Neonrot und Neonblau, will zeigen, wohin der Mann klettern muss, bevor er es tut, und beglaubigen, in einer einzigen, eleganten, ungeschnittenen Kamerabewegung, dass kein Stuntman hier einspringen musste, dass wirklich Belmondo selbst die Katze ist in dieser Aktion.

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François Truffaut, Schulabbrecher, genialer Filmemacher, immer auf der Suche nach Revolte - und Anerkennung.

(Foto: Roy Cummings/imago/Cinema Publishers)

François Truffaut ist ein Regisseur, der von sich selbst redet, egal was er tut, weil es der einzig wirklich ehrliche Weg ist, vom Leben zu sprechen. Darüber aber sucht er den Dialog, will sein Publikum verführen und überzeugen von Anfang an. Gleich in seinem berühmten Erstling Sie küssten und sie schlugen ihn erfindet er Antoine Doinel, ein Alter Ego, das viele seiner eigenen Erfahrungen teilt. Der damals 14-jährige Jean-Pierre Léaud spielt ihn, und diese Figur, genau wie ihr Darsteller, wird Truffaut nun über Jahre begleiten. Drei weitere Spielfilme und eine Kurzepisode gibt es mit Doinel, er erlebt eine unglückliche Liebe, dann eine glückliche, er heiratet und kann doch nicht treu sein, er lässt sich scheiden und findet doch keine Ruhe bei den Frauen.

All das spiegelt Truffauts Leben, mit der Schauspielerin Claude Jade, die Doinels Frau spielt, war er selbst zusammen, nur vor dem Schritt der Heirat schreckte er im letzten Moment zurück. Seine erste Ehe war da schon gescheitert, und das Muster, dass er sich praktisch in jede seiner neuen Hauptdarstellerinnen verlieben würde, was meist auch erwidert wurde, war da schon nicht mehr zu übersehen. Schlecht gesprochen haben all diese Frauen kaum über ihn, vielleicht kann man jemandem, der so ungeschützt auf der Suche ist, nicht dauerhaft böse sein.

Ob daraus dann irgendwann zu sehr ein Programm wird, wie schon der Filmtitel Der Mann, der die Frauen liebte / L'homme qui aimait les femmes später anklingen lässt? Auch dieser Film läuft in der Arte-Reihe, das wird man also noch mal überprüfen können. Aber den männlichen Blick mit all seinen blinden Flecken zu verschleiern und zu verbiegen, für den guten Zweck mit dem Lügen zu beginnen, kann eigentlich auch nicht das Ziel sein. Das Problem ist eher, dass es zur Antoine-Doinel-Reihe kein Pendant gibt aus weiblicher Sicht, und keines mit Wurzeln im frankophonen Afrika, wenn das in Zukunft anders wird, wäre schon viel gewonnen. Sich Moden anzupassen war für Truffaut jedenfalls das Schlimmste, schon als Filmkritiker bei den Cahiers du cinéma, wo er jene Regisseure verehrte, deren Leidenschaften und Obsessionen immer erkennbar blieben, so unterschiedlich ihre Filme auch waren. Die anderen traf seine tiefe Verachtung, so wurde er zum Außenseiter und Erneuerer, als der dann selbst zu filmen begann, und zur Galionsfigur der Nouvelle Vague neben Jean-Luc Godard.

Der Gestus der Revolte eint die beiden Freunde in den ersten Jahren, was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass ihre Bewegungen gegenläufig sind. Godard, das verwöhnte Schweizer Großbürgersöhnchen, klaut und vertickt seltene Bücher aus dem Familienbesitz, um das Geld in Filme zu stecken, die ein großes Nein formulieren, erst popkulturell noch zugänglich, dann immer radikaler. Truffaut aber, der Schulabbrecher, das uneheliche, herumgeschubste Kind, will verstanden werden, durch seine Filme in der Gesellschaft ankommen, er selbst bleiben dürfen und geliebt werden und Erfolg haben obendrein.

Ehrlich sein wollen sie beide, weshalb es umso trauriger ist, dass sie sich nach ihrem endgültigen Zerwürfnis im Jahr 1973 gegenseitig immer wieder der Lüge bezichtigen. Cineasten tun seither gern so, als verlaufe hier eine endgültige Bruchlinie, als müsse man sich als Filmmensch entscheiden zwischen Team Truffaut oder Team Godard. Muss man aber nicht. Eine Wahrheitssuche kann näher zum Publikum hinführen oder weiter von ihm weg, und doch exakt mit derselben Dringlichkeit betrieben werden.

© SZ/hy/tyc
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