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Post an Franz Josef Wagner:Lieber Brief an Deutschland,

Franz Josef Wagner, Kolumnist der "Bild"-Zeitung, hat einen "Brief an Deutschland" verfasst. Hier kommt die Antwort - Post an Wagner.

Lieber "Brief an Deutschland",

Franz-Josef Wagner wird 65

"Beatnik, der sesshaft wurde" - Franz Josef Wagner, Kolumnist der Bild-Zeitung.

(Foto: dpa)

findest Du, "hier schreibt ein Beatnik, der sesshaft wurde", wäre ein starker erster Satz? Oder hältst Du für besser: "Ein guter Reporter ist jemand, der Tote lebendig macht und hinter Lebenden die Toten sieht"? Ich frage Dich das, weil Du auf Deinen 160 Seiten immer auf der Suche bist nach diesem einen ersten großen wunderbaren Satz. Du findest keinen. Aber immerhin schöne zweite Sätze.

Dein Autor Franz Josef Wagner ist ein verzweifelter, melancholischer Suchender. 1985 fiel es ihm schwer, den Aufschlag zu finden bei jenem jungen Mann, der Boris Becker war. Der gerade Wimbledon gewonnen hatte und am liebsten über die dicken Adern der Martina Navratilova ("wie ein Pferd") redete. Damals, als Boris noch Bobbele war und dem Reporter von Bild erlaubte, ihn zum Prinzen eines Märchens zu erheben. Und der heute, auf wagnerianisch, der "Rote-Teppich-Junkie auf Sat1" ist.

Lieber "Brief an Deutschland", Du bist so übervoll mit Erinnerungen, dass Du ein Büchlein geworden bist. Was da alles ist! Das Kind sudetendeutscher Eltern, ein Kriegsflüchtling, zunächst "Polack" genannt. Die ersten fünf Jahre ohne Vater, der erst später aus dem Krieg nach Hause kommt. Die Scham, arm zu sein und Kornähren hinter Mähdreschern aufzusammeln, weil es dafür Milch gab (noch heute wird Franz Josef Wagner schlecht von Milch).

Der Vielleser und Möchtegern-Dichter, der mit 17 Jahren abhaut aus dem Lehrer-Reihenhaus, erst mit Schlafsack und Hemingway in den Wald, dann in die Schweiz (Flaschen sammeln, Flugzeuge säubern) und nach Paris (Möbel schleppen, Jean-Paul Sartre im "Café de Flore" treffen). Der Junge, der Bob Dylan auswendig kann, den die Mutter "Goldfasan" nennt und der schließlich Volontär bei Bild in München wird, weil man so am besten Schriftsteller werden könne, wie ein Journalist ihm erklärt hat. "Wir waren Strolche", sagt Franz Josef Wagner heute.

Lieber deutscher Brief, Du zeigst das Leben vor Generation Golf und Generation Praktikum. Du zeigst die Generation Angstschweiß. Man machte die Schwabinger Nächte mit dem schlaflosen Andreas Baader durch und stieg ohne Abitur auf. Dein Held FJW hat Skrupel vor dem "Witwen-Schütteln", also Informationen über Verstorbene zu besorgen, und kommt doch mit dem bizarrsten Stoff in der Bild-Redaktion an. Und schreibt tatsächlich sein Buch ( Das Ding) und bringt es zum Porsche, über den sich die Reihenhaus-Eltern leider auch schämen. Unter den Reichen der Republik ist in Deiner Welt, der Wagner-Welt, nur Axel Springer junior ein Vorbild. Dein Autor wärmt sich mit dem Fotografen, der Sven Simon hieß, 1973 im Jom-Kippur-Krieg an Panzern und wird in Zürich mit einem Kaschmir-Pullover beschenkt. Später bringt sich der Verlegersohn um und regt Wochen vorher ironisch einen gemeinsamen Postkartenverlag an: Der eine schreibt, der andere fotografiert.

Man kann nicht sagen, lieber langer Brief an Deutschland, dass Du geschwätzig bist. Du meinst es ernst. Du siehst im Gestern das Morgen. Du betrittst mit Deinen Erinnerungen "die Landschaft der gelebten Zukunft", wie Du selbst schreibst. Du vergleichst Deutschland alt mit Deutschland neu. Du machst es Dir schwer, unendlich schwer. Du bist sogar ins Misslingen verliebt. Dein Mond ist mal Mond, mal Poesie. Wenn Du an Deutschland denkst, siehst Du die Mörder der SS und die DDR-Grenzer.

"Bild"-Chef Kai Diekmann

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