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Fortsetzung der gefeierten Serie:Wie ein Tritt ins Gemächt

Mägde wie Offred (Elisabeth Moss) haben in dem fiktiven Staat Gilead nichts zu sagen. Für ihre Rolle bekam Moss 2017 den Emmy als beste Schauspielerin.

(Foto: Hulu)

Der Roman von Margaret Atwood ist auserzählt, aber die Serie "The Handmaid's Tale" geht jetzt mit der zweiten Staffel weiter. Kann das gelingen?

Bruce Miller ist einer, der nicht redet, sondern Geschichten aus seinem Mund purzeln lässt. Er ist wie ein junger Hund, der ein Stöckchen bringen soll, aber erst mal Schneeflocken jagt. Als Zuhörer muss man aufpassen, nichts zu verpassen, weil jede einzelne dieser Schneeflocken eine wunderbare Anekdote über die Unterhaltungsbranche, die "Me Too"-Debatte und manchmal auch übers Universum generell ist - und weil es Miller auf wundersame Weise gelingt, einem am Ende seiner Ausführungen das zu Beginn geworfene Stöckchen zu präsentieren.

Miller ist der Showrunner der Serie The Handmaid's Tale, die bei der Emmy-Verleihung im vergangenen Jahr unter anderem die Preise für die beste Hauptdarstellerin (Elisabeth Moss), die beste Nebendarstellerin (Ann Dowd), die beste Gastrolle (Alexis Bledel), die beste Regisseurin (Reed Morano), das beste Drehbuch (Miller), den besten Kameramann (Colin Watkinson) und die beste Dramaserie gewonnen hat. Kurz: The Handmaid's Tale hat abgeräumt - und bei keiner anderen Serie warten die Zuschauer so gebannt darauf, wie es in der zweiten Spielzeit weitergehen wird. In den USA ist sie seit Mittwoch beim Streamingportal Hulu zu sehen, in Deutschland läuft sie später im Jahr bei Entertain, dem Abrufangebot der Telekom.

Das Kostüm der Mägde - rote Kutte, weiße Haube - wurde in den USA zum Symbol des Protests

Das große Interesse hat auch damit zu tun, dass die erste Staffel die gleichnamige und sehr erfolgreiche Romanvorlage der kanadischen Autorin Margaret Atwood aus dem Jahr 1985 verarbeitet: In einer gar nicht mal so fernen Zukunft haben christliche Fanatiker in den USA den totalitären Staat "Gilead" ausrufen. Aufgrund von Umweltverschmutzung und Krankheiten ist die Geburtenrate stark gesunken, weshalb die misogyne Regierung die wenigen fruchtbaren Frauen, zu sogenannten Handmaids (Mägden), zu Sklavinnen, Vergewaltigungsopfern und Leihmüttern mächtiger Männer macht. Frauen haben in diesem Staat nichts zu melden.

Millers 13-Stunden-Version dieser verstörenden Geschichte über gewaltsamen Sexismus und religiösen Fanatismus funktioniert prächtig, jede Folge ist aufgrund der viszeralen Gewalt ein dumpfer Schlag in die Magengegend und eine knallharte Erinnerung daran, dass der Weg vom sogenannten besorgten Bürger zum fanatischen Vergewaltiger kein besonders weiter sein muss.

Am Ende der ersten Spielzeit gab es einen Cliffhanger, so wie das Ende des Romans offen bleibt: Die Protagonistin Offred (Moss), eine der Sklavinnen, wird nach dem gescheiterten Versuch einer Rebellion abtransportiert, sie sagt: "Ob das nun das Ende ist oder ein Neuanfang, ich kann es nicht wissen. Also ziehe ich nun los, entweder in die Dunkelheit oder ins Licht." Der Epilog im Roman deutet zwar an, dass Offred diese Fahrt überleben und das tyrannische Regime irgendwann mal gestürzt werden dürfte - es gibt für die Serie nun allerdings keine Vorlage mehr, was genau passieren wird und wie und warum. Was macht man da als Drehbuchautor?

"Es ist furchterregend!", sagt Miller beim Gespräch in Beverly Hills: "Jeder, der das Buch gelesen hat, fragt sich seit mehr als 30 Jahren, wie es wohl weitergehen könnte und was mit Offred passieren wird. Es ist wichtig ist, dass die Handlung weiterhin in dieser Welt von Margaret Atwood existiert und die Serie weiterhin diesen ganz besonderen Ton verfolgt, den sie im Buch gesetzt hat."

Er spricht dann über Schneeflocken, nämlich erst über Atwood ("Wenn ich mal groß bin, dann will ich so sein wie sie.") und ihren Einfluss auf die Serie ("Sie liest jedes Drehbuch und sieht jede Rohfassung, sie ist unglaublich präsent - auch wenn sie quasi nie Zeit hat."), dann übers Geschichtenerzählen und über nur scheinbar wahnwitzige Wendungen in einer Serie ("Das überrascht einen doch nur, weil es eine Serie ist; dabei würde genau das im wirklichen Leben passieren."), um am Ende wieder zum Stöckchen zu kommen, zur Fortsetzung der Serie: "Wir dürfen kreativ sein. Atwood ermuntert uns ständig, uns nur ja nicht von ihren Gedanken einschränken zu lassen."

Es gibt derzeit einige beliebte Serien, die sich von ihrer Vorlage lösen müssen. Game of Thrones zum Beispiel. Dem Fantasy-Epos ist in der vergangenen Spielzeit eine erstaunliche Emanzipation von George R.R. Martins noch immer nicht vollendeten Buchreihe gelungen, die Science-Fiction-Serie Under the Dome dagegen, die auf dem gleichnamigen Roman von Stephen King basiert, hat das in den Fortsetzungsstaffeln nicht geschafft. Beim Drama Big Little Lies wird es im kommenden Jahr eine zweite Staffel mit einer neuen Geschichte geben, obwohl die ursprüngliche Romanvorlage der australischen Autorin Liane Moriarty mit Staffel eins auserzählt ist und der Regisseur der ersten Staffel, Jean-Marc Vallée, zunächst gewarnt hatte: "Es gibt keinen Grund dafür, wir würden eine schöne Sache kaputt machen."

Ohne zu viel von der Handlung der zweiten Spielzeit zu verraten: The Handmaid's Tale behält ihren Zauber, weil aus dem Schlag in die Magengegend ein Tritt ins Gemächt wird. Die Serie ist, was so viele Serien sein wollen und doch nur sehr selten sind: unterhaltsam und relevant zugleich. Ein Staat schottet sich ab, die Regierung legitimiert ihre Macht über Angst, die Bibel und Gesetzbücher werden gefährlich rigoros interpretiert, Frauen systematisch unterdrückt - es ist kein Wunder, dass bei Protesten gegen die Trump-Regierung, gegen Sexismus und gegen Rassismus viele Menschen im Handmaid-Kostüm auf die Straße gegangen sind, mit roter Kutte und weißer Haube. "Ich wünschte, wir wären weniger relevant", sagt Miller über den gesellschaftlichen Einfluss seiner Serie: "Die #metoo-Debatte hat uns allerdings auch geholfen, einige Aspekte der Geschichte noch besser zu verstehen."

Der Epilog im Buch legt nahe, dass die Regentschaft der Fanatiker sehr lange dauert; das bedeutet aber nicht, dass dies auch für die Serie gilt. Sie ist düster und knallhart, bisweilen nur schwer zu ertragen - und all zu viel davon wird unerträglich. "Ich würde gerne das Leben von Offred zu Ende erzählen und auch den Fall des Regimes beschreiben, bis hin zu den 'Nürnberger Prozessen' von Gilead", sagt Miller: "Ich mache so lange weiter, bis sie mir den Schlüssel wegnehmen".

© SZ vom 27.04.2018

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