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Forbidden Stories:Geschichten, die nicht sterben

Das Wrack des Wagens, mit dem die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia 2017 auf eine Bombe fuhr. Illustration: Christian Tönsmann/Foto: AFP

Journalisten leben gefährlich: Sie werden beschimpft, bedroht und immer wieder auch ermordet. Das Netzwerk "Forbidden Stories" hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Arbeit getöteter Reporter fortzuführen - als Warnung und zur Abschreckung.

Von Aurelie von Blazekovic

Don Bolles hatte mehr als zehn Jahre als Investigativjournalist der Zeitung The Arizona Republic zugebracht, als er der Aufgabe langsam überdrüssig wurde. Wozu unablässig und entgegen allen Widerständen über Korruption, Bestechung und die Mafia berichten, wenn sich doch nichts zu ändern schien? Zumal Bolles wegen seiner Arbeit immer wieder bedroht worden war. Er plante eigentlich damals, Mitte der Siebzigerjahre, sich von nun an weniger heiklen Themen zu widmen. Das berichtete sein Vorgesetzter später. Am 2. Juni 1976 betrat Don Bolles, der 37-jährige Reporter, dennoch das Hotel Claredon in Phoenix, Arizona. Über die Hotel-Rezeption führte er ein Telefongespräch mit einem Informanten, es ging vermutlich um faule Grundstücksgeschäfte, und wie darin hochrangige Politiker und möglicherweise auch die Mafia involviert waren.

Zwei Minuten nur telefonierte Bolles, dann verließ er das Hotel wieder und ging zu seinem Wagen. Kurz nachdem der Journalist ihn gestartet hatte, explodierte das Auto. Eine ferngesteuerte Bombe klebte an der Unterseite, direkt unter dem Fahrersitz. Nach elf Tagen im Krankenhaus starb Bolles. Dass ein Journalist in den USA durch einen derartigen Angriff ums Leben kam, erschütterte nicht nur die Mitarbeiter der Arizona Republic. Nach Don Bolles Tod schlossen sich 38 Journalisten von 28 Zeitungen und Fernsehsendern aus dem ganzen Land zusammen und setzten seine Arbeit gemeinsam fort: mit dem "Arizona Project", das in einer Masse an Berichten lokal und national über Korruption und organisierte Kriminalität in Arizona aufklärte. Die Artikel waren die journalistische Antwort auf einen Angriff, der die Überzeugung, in den USA ohne Gefahr für Leib und Leben frei berichten zu können, stark erschüttert hatte.

Es war dieser Zusammenschluss, der dem französischen Investigativjournalisten Laurent Richard die Idee für das Netzwerk Forbidden Stories gab. Nach dem Vorbild des Arizona Project macht die Organisation heute in größerem Stil das gleiche: Sie übernimmt die Recherchen getöteter Journalisten und setzt ihre Arbeit fort. Bedrohten Journalisten bietet sie außerdem die Möglichkeit, ihre Geschichten durch die Organisation zu schützen. Als Reporter in Gefahr kann man Forbidden Stories eine Recherche abgesichert übergeben, für den Fall der Fälle. Dutzende Journalisten haben das laut Laurent Richard bereits getan. Im aktuellsten Projekt, das in diesen Tagen unter dem Titel "The Cartel Project" veröffentlicht wird, geht es um Mexiko: das derzeit gefährlichste Land für Journalisten.

2017 gründete Laurent Richard Forbidden Stories. Zwei Jahre, nachdem Richard in Paris persönlich erlebt hatte, wie prekär die Pressefreiheit ist. Er arbeitete für die Fernsehproduktionsfirma Premières Lignes, im selben Gebäude und auf demselben Stockwerk wie die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Am 7. Januar 2015 traf er dort nur wenige Minuten nach dem Attentat ein. In unmittelbarer Nähe seines Büros hatten zwei Terroristen soeben zwölf Menschen ermordet. "Nach diesem Tag wollte ich einen Weg finden, um die Geschichten getöteter Journalisten am Leben zu halten", sagt Richard.

"Cooperation is the best defense", heißt es auf der Webseite von Forbidden Stories. Schutz durch Zusammenschluss. Dahinter steht eine Logik, die so einleuchtend wie beklemmend ist: Wozu sollte jemand noch einen Journalisten töten, wenn gesichert ist, dass zehn, zwanzig, oder dreißig andere bereit stehen, um dessen Arbeit zu übernehmen? Und sie das, was dabei zutage kommt, mit noch mehr Aufmerksamkeit an die Öffentlichkeit bringen? Es ist ein Signal an jene, die Berichterstatter zum Schweigen bringen wollen: Journalisten können sterben, aber ihre Recherchen werden weiterleben.

Forbidden Stories baut ein Netzwerk auf der ganzen Welt auf. Auch die Süddeutsche Zeitung kooperiert mit Forbidden Stories. Bastian Obermayer, der Leiter des SZ-Investigativressorts, sitzt im Vorstand von Forbidden Stories. Die Organisation hat Partner in 60 Nachrichtenorganisationen aus 38 Ländern. Dazu gehören die New York Times, der britische Guardian, die französische Zeitung Le Monde und in Deutschland neben der Süddeutschen Zeitung auch NDR, WDR und Die Zeit. Forbidden Stories will sein Netzwerk in alle Länder ausbreiten, in denen unabhängige Medien bedroht werden.

Zu diesen Ländern gehören keineswegs nur Diktaturen. Das zeigte das erste große Projekt von Forbidden Stories, dessen Schauplatz die Mittelmeerinsel Malta ist. Das Daphne Project, an dem auch die SZ beteiligt war, beleuchtete die Hintergründe des Mordes an der maltesischen Journalistin Daphne Caruana Galizia. Sie war eine öffentliche Größe des Inselstaats, eine bestens informierte Journalistin, die Politiker hart kritisierte, exklusive Recherchen über Korruption und Geldwäsche vorantrieb. Sie machte sich dabei viele Feinde, zuletzt vor allem mit ihren Recherchen zu den Panama-Papers-Verstrickungen einiger Regierungsmitglieder. 1996 brannte der Fußabstreifer vor ihrer Haustür, als Nächstes lag dort einer ihrer Hunde mit durchgeschnittener Kehle. 2006 rollten Unbekannte nachts Lastwagenreifen an die Hauswand und setzten sie in Brand. Am 16. Oktober 2017 starb die 53-Jährige schließlich in ihrem Auto, getötet von der Explosion einer ferngesteuerten Bombe.

Es war nicht das Ende ihrer Recherchen, sondern der Anfang internationaler Berichterstattung über Korruption auf Malta, die bis heute andauert.

© SZ/kit
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