Focus Wer bin ich?

Das Heft aus dem Burda-Verlag war einmal ein viel verkauftes Nachrichtenmagazin. Heute sorgt es nur noch selten für Erfolgsmeldungen. Auf Ursachensuche bei einem Debattenabend in Berlin.

Von Katharina Riehl

Die Veranstaltung hat erst vor ein paar Minuten begonnen, als Christian Lindner einen Satz über die Lage des Euro sagt, den man ohne Weiteres auch auf seinen Gastgeber anwenden kann. Der FDP-Politiker Lindner ist an diesem Abend gemeinsam mit dem Unternehmensberater Roland Berger zu Gast beim Nachrichtenmagazin Focus , das in einer schicken Berliner Galerie ein "neues Format kreieren" will, einen politischen Salon. Christian Lindner also redet sich gerade warm, als er seine Sicht auf die Lage der europäischen Währung folgendermaßen erklärt: Es sei leicht, aus einem Aquarium Fischsuppe zu machen, aber andersherum sei es nun einmal schwer.

Die Fischsuppe in diesem Bild wäre dann natürlich der Focus, das einst verlegerisch sehr erfolgreiche Magazin des Münchner Burda Verlags, das Helmut Markwort 1993 gründete und bis 2010 auch leitete. Noch 2005 lag die insgesamt verkaufte Auflage bei 775 000 Stück. Wenn in den vergangenen Monaten, vermutlich eher Jahren über den Focus berichtet wurde, dann meistens über gefeuerte Chefredakteure, Minusrekorde am Kiosk oder aktuell wieder über Entlassungen. Ende März, ziemlich genau ein Jahr nach dem Antritt des aktuellen Chefredakteurs Robert Schneider, hatte der Verlag mitgeteilt, endgültig sein Focus-Büro in München zu schließen und auch noch das in Düsseldorf; "voraussichtlich neun Mitarbeitern" solle betriebsbedingt gekündigt werden, hieß es. Aus dem großen Stolz des Verlegers Hubert Burda ist längst ein Problemfall geworden.

Für die Lage des Focus gibt es eine Menge Gründe, und viele davon haben mit dem Focus selbst wenig zu tun. Printprodukte haben es schwerer als früher, auch die Konkurrenz spürt das. Und das, was den Focus mal besonders machte, etwa Tipps gegen den fiesen Rückenschmerz oder den Trend zum E-Bike auf dem Cover, das machen heute viele. Und wenn sich der preisgekrönte und einflussreiche Spiegel aus Hamburg schon so viel schwerer tut als vor 15 Jahren - wie könnte sich der einstige Gegenentwurf zum Spiegel nicht auch schwerer tun?

Wahr ist aber auch, dass die Krisenmeldungen beim Focus noch ein bisschen häufiger sind als anderswo, die Zahlen noch ein bisschen schlechter - und dass das Heft publizistisch bei vielen aus der Wahrnehmung gerutscht ist. Eine Medienkolumne ätzte kürzlich, dass nicht einmal mehr die Fachpresse etwa optische Änderungen beim Focus zur Kenntnis nehme. Zitiert wird das Magazin, glaubt man den einschlägigen Rankings, nur noch selten. Natürlich muss man, wenn man über die Situation des Focus schreiben möchte, mit Robert Schneider, 40, sprechen, der im vergangenen Jahr von Burdas Ostblatt Super Illu zum Focus kam und das Verlässliche des Blattes betont ("Die Seele von Focus, neugierig und optimistisch auf die Welt zu blicken, hat sich nie verändert und wird sich nie ändern") und der erklärt, dass man heutzutage Geschichten vor allem über Menschen erzählen müsse.

Die Krise des Focus ist verständlicherweise nicht sein Herzensthema, lieber rechnet er ein paar Erfolge vor und ist eher zurückhaltend mit der großen Interpretation der Lage. Er ist, verglichen mit seinen Vorgängern, der mit dem am wenigsten ausgeprägten Sendungsbewusstsein. Keiner, der wirkt, als wisse er alles am besten; eher einer - und das erzählen auch die Kritiker - der immer mitten im Geschehen ist, hart an jeder Ausgabe arbeitet.

Ein paar Vermutungen zu den Ursachen kann man stattdessen anhand des Settings an diesem Abend in Berlin anstellen, an dem Schneider gemeinsam mit Focus-Geschäftsführer Burkhard Graßmann in die hippe Galerie mit den imposanten Gemälden geladen hat, um die eigene politische Präsenz in Berlin ein wenig sichtbarer zu machen.

Wer in den vergangenen Monaten Kontakt hatte zu Redakteuren, hörte immer wieder dieselbe Klage: dass man gar nicht mehr wisse, wofür der Focus stehe, dass man nicht mehr wisse, wo der Focus publizistisch eigentlich hinwolle. Soll das Blatt, wie früher, noch Nutzwertjournalismus bieten für, sagen wir, einen schwäbischen Mittelständler? Mit "news to use" hatte Marktwort das Heft einst groß gemacht, im Gegensatz zum in dieser Lesart "elitären" Spiegel sollte der Focus zwar sauberen Journalismus bieten, aber eben auch Tipps für gesunde Gelenke, den richtigen Urlaub oder Telefonanbieter. Oder soll sich das Heft, dessen Redaktion seit 2014 nach und nach und inzwischen endgültig nach Berlin umgezogen ist, an junge Großstädter richten, die sich den günstigsten Telefonanbieter halt im Internet suchen?

Zu jung, zu alt, zu politisch, zu irrelevant? Deutungen gibt es viele, bisher aber keine Lösung

Der Focus sei auf dem besten Wege, ein Hipster-Magazin zu werden, sagen manche Mitarbeiter, und das ist nicht als Lob gemeint. Der Focus solle sich doch lieber auf das beschränken, was er kann. Eine der erfolgloseren Ausgaben unter Robert Schneider war jene, die "40 Menschen unter 40" auf den Titel nahm. Andere in der Redaktion sehen es genau anders: Man könne den Focus eben nicht mehr machen wie im Jahr 1997, als die Heftklammern all die vielen Anzeigen nicht mehr zusammenhalten konnten. Man brauche eine jüngere Ansprache, Personalisierung, all das.

Jeder der vielen Chefredakteure, die der Focus in den vergangenen Jahren hatte, verkaufte dem Verlag und der Welteine große Idee: Wolfram Weimer (2010 - 2011) predigte Relevanz und wollte mehr Debatte im Heft; Jörg Quoos (2013 - 2014) wollte exklusive Stoffe und in den Agenturen auftauchen. Ulrich Reitz (2014 - 2016) wollte wieder mehr Debatte und gerne ein paar Journalistenpreise. Keiner von ihnen konnte den Fall der Auflage bremsen, auch Robert Schneider konnte das bisher nicht. Aktuell verkauft das Heft am Kiosk, die härteste Währung, etwas weniger als 70 000 Exemplare pro Woche, beim Stern sind es 170 000, beim Spiegel 211 000 Stück.

Als Robert Schneider antrat, befürchteten viele, er könne aus dem Heft eine Illustrierte machen, eine zweite Bunte, auch deshalb, weil er die Bedeutung der Optik betonte. Auch auf die Frage, ob der Focus im Jahr 2017 noch ein politisches Magazin sein will, soll der Debattenabend in Berlin wohl eine Antwort geben. Geschäftsführer Graßmann jedenfalls betont auf die Frage nach seinen Wünschen an den Focus die "Deutungsmacht" als wesentlichen Bestandteil des Magazinkonzepts, Kommentare, Analyen und Debatten.

Wer Schneiders Focus durchblättert, sieht ein optisch besseres Heft mit vielen gut lesbaren Geschichten und mit Formen, die man vor zehn Jahren dort nicht gefunden hätte; bei einem Interview mit dem Schriftsteller Tom Wolfe etwa sind die Fragen nach dem Alphabet geordnet. Kaum etwas ist misslungen, kaum etwas ist brillant. Und ob zur Titelgeschichte "Patient Knie", ein Klassiker, fünf Seiten Berliner "Gallery Weekend" passen? Ein Heft für Hipster und schwäbische Mittelständler? Vielleicht nicht, und einige Titel Schneiders wie der zur "Zukunft des Sex" gingen am Kiosk daneben. Aber: Die Erfolgsformel hatte auch keiner seiner zahlreichen Vorgänger gefunden.

Vermutlich verrät die Geschichte des Focus vor allem etwas über die Ratlosigkeit eines Verlages, der offenbar nicht recht weiß, was er mit seiner ehemals so starken Marke (von der die Ableger Focus Money und Focus Diabetes profitieren und die Focus Online mit klickgetriebenen Geschichten eher noch beschädigt) heute anfangen soll. Philipp Welte, Vorstand bei Burda, soll kürzlich in der Redaktion das zu politische Heft kritisiert haben; andere Kräfte im Verlag, so hört man, sorgen sich gerade um die politische Relevanz des Magazins.

Der aktuelle Titel jedenfalls, der Klassiker mit dem Knie, soll sich ersten Prognosen zufolge gut verkaufen.