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Filmproduzentinnen Ziegler:Im VW-Bus zur Smoking-Party

Die Zeiten waren jedenfalls anders früher, das ist Teil der Familiensaga: Wie die zieglerrote Jungproduzentin Regina mit ihrem Mann Wolfgang Gremm im verbeulten orangefarbenen VW-Bus zur Abendeinladung der Sender anrollte - um diese Fernsehwelt zu erobern, über die ältere Männer herrschten, die bei Partys Smoking trugen.

Regina Ziegler sagt es unleidenschaftlich: "Ich hatte ja keinen Förderer und keinen Ratgeber. Keine EZB. Keinen Weltwährungsfonds. Ich konnte mich nirgendwo anlehnen." Und sonst? Großes Lächeln. "Wenig Schlaf. Im Stehen geträumt. Und viel Action."

Auf die Unterarme gestützt durchsucht sie ihre Erinnerung. ,,Meine Abendgarderobe hatte nichts mit dem zu tun, was ich heute so trage, das waren High Heels hoch zehn und meistens ein langer Samtmantel, weil Gremm und ich das damals toll fanden, dass wir immer anders aussahen als andere. Ich merkte immer die Blicke und habe es genossen, aber natürlich haben die sich in Wirklichkeit Gedanken gemacht, schafft die das oder schafft die das nicht?''

Mehr geht nicht

Frechheit war damals ihr einziges Kapital, davon hatte sie aber eine Menge, als sie 1973 die Firma gründet. Sie produziert Filme wie Kamikaze 1989 mit Rainer Werner Fassbinder in seiner letzten Rolle. Für Fabian nach Erich Kästners Großstadtroman erhält sie den Deutschen Filmpreis. Es folgen auch Im Schatten der Macht von Oliver Storz und viele, viele quotenträchtige Frauenfilme mit Christine Neubauer. Zieglerfilm, das war immer Mischkalkulation. Von 17. September an zeigt die ARD die dritte Staffel der sehr besonderen DDR-Saga Weissensee, im November kommt die Romantic-Comedy Im Weißen Rössl ins Kino. 2006 hat das Museum Of Modern Art Regina Ziegler eine Retrospektive gewidmet. Mehr geht nicht in einem deutschen Produzentenleben. Kein Mann hat in der Branche erreicht, was sie sich erkämpft hat.

Sie hatte es schwer. Sie hat sich durchgesetzt. Das macht es für die Tochter schwer. Und das ist die andere Geschichte. Die braucht keine schrillen Auftritte, um sich bekannt zu machen. Bekannt ist der Name Ziegler ja schon, als Tanja Ziegler anfängt, an der Filmhochschule Potsdam Produktion zu studieren, eine eigene Firma gründet, sich demonstrativ absetzt. Und doch mit 34 Jahren bei der Mutter einsteigt, als Geschäftsführerin und Gesellschafterin. Die Tochter steht unter Beobachtung. Ein Vorwurf aus ihrer Umgebung in den ersten zwei Jahren war: Man nimmt dich gar nicht wirklich wahr. Gemeint war: Neben dieser Mutter. Der Frau, die heute so etabliert ist wie einst die Smokingträger der alten Fernseh-Bundesrepublik.

Es bleibt die Komödie

"Ich bin hier nicht angetreten, weil ich wahrgenommen werden möchte, sondern weil ich produzieren wollte", hat Tanja Ziegler dann geantwortet. Aber der Vorwurf war trotzdem hart; es war die Aufforderung, gegen die Mutter anzutreten, sie zu überflügeln, das Alte einzureißen. Es bedeutet: sie oder du. Mutter muss weg. Es ist der Auftrag zum Killen.

Freud schrieb vom Vatermord, ohne den die Söhne nicht frei werden. Erst wenn der Alte aus dem Weg geräumt ist, beginnt die eigene Kulturschöpfung der Söhne.

Und was, wenn Frauen - nur einmal angenommen - da anders sind? Wenn Mord nicht ihr Hobby ist?

Dann bleibt immer noch die Komödie. Die Damen Ziegler haben ihre Firma jedenfalls verblüffend effektiv nach dem Prinzip organisiert, dass keine der anderen wirklich weh tun kann. Jede produziert ihre eigenen Projekte autonom und steht finanziell für ihren Bereich ein - fast so als wären es zwei Firmen. Zum Gleichgewicht gehört, dass Regina Ziegler die Berühmtheit ist und Tanja Ziegler Mehrheitseignerin.

Notfalls Kartoffelsuppe

Und die blutigste Sache im Geschäft der vergangenen Jahre war auch nicht Mutter muss weg. Nein, richtig schmerzvoll war das von Regina Zieger produzierte aufwendige Historien- und Schlachtenepos Henri 4, das floppte. Das ist ihr aber ganz egal. Sie betrachtet den Film als Aufruf zu religiöser Toleranz und als ihr Vermächtnis. Nach dem Finanzloch, dass der französische Henri in der Firma riss, verzichtete sie auf ihr Geschäftsführergehalt und löste ihre Altersvorsorge auf. Die Tochter witzelte, notfalls gebe es für die Mutter immer eine Kartoffelsuppe bei ihr. In Wirklichkeit lieben natürlich beide das Filmemachen viel zu sehr, als dass sie nicht doch Konkurrentinnen wären.

Und dann ist da noch Emma, die dritte Generation der Ziegler-Frauen. Als Emma ein halbes Jahr alt war, wiegte Regina Ziegler das Baby lange im Arm und flüsterte und sang und säuselte ihm leise zu: du wirst Produzentin. Tanja Ziegler hat darüber gelacht, aber sie kann sich vorstellen, dass Emma etwas ganz anderes wird, Naturwissenschaftlerin. Vielleicht.

Fröhlichkeit als natürlicher Seinszustand

Sie selber wuchs mit viel Auslauf und Freiraum im alten Westberlin heran. Keiner, sagt sie, hat auf ihr draufgesessen und gesagt du musst das so oder so machen. Also entscheidet sie selbst. Mit 15 will sie weg aus dem Filmhaushalt. "Icke sag mal liebevoll"', sagt Tanja Ziegler wenig liebevoll, "es hört sich immer toll an wenn man hört, bei euch hat doch Fassbinder im Keller gewohnt. Aber Fassbinder war nun kein Mensch, mit dem man als Kind irgendwas anfangen konnte." Sie findet in dieser Zeit auch West-Berlin eng, will ins Internat und kommt nach Salem am Bodensee. Mehr Entfernung geht in Deutschland gar nicht. Vielleicht hat das alles geändert.

"Man musste begreifen, dass ich anders bin", sagt die Tochter. Das Recht nimmt sie sich heraus. Und wenn sie nicht jeden dritten Tag, nachdem sie ihr Kind zur Schule gebracht hat, eine ordentliche Runde um irgendeinen See laufe, dann sei sie nicht fröhlich, sagt sie - ganz so als wäre Fröhlichkeit ihr natürlicher Seinszustand wie bei einem Böcklein oder Vögelchen.

Natürlich, sagt Tanja Ziegler, gebe es zwischen Mutter und Tochter manchmal Empfindlichkeiten, Seelenschubläden mit altem Zeugs. Die gehen manchmal auf, dann schaut sie rein und macht sie wieder zu. Welche zum Beispiel? Regina Ziegler raunzt: "Hat sie vergessen." Tanja Ziegler sitzt ganz schmal am Tisch, das Licht fällt durch die Altbaufenster auf die schöne blaue Wolle und bringt sie sanft zum Leuchten. Sie hebt eine Augenbraue und sagt: "Hab ich vergessen."