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Filmproduzentinnen Ziegler:Muttermord ist nicht ihr Hobby

Tanja und Regina Ziegler

"Fassbinder war nun kein Mensch, mit dem man als Kind irgendwas anfangen konnte":Tanja Ziegler.

(Foto: Julia Terjung/Ziegler Film)

Die Mutter ist die Berühmtheit, die Tochter Mehrheitseignerin der gemeinsamen Produktionsfirma: Die Filmproduzentinnen Regina und Tanja Ziegler führen eine Erfolgsbeziehung. Eine Geschichte von Ruhm, Komödie und Gewaltenteilung.

Es war bei einer der Senderpartys vor Weihnachten, die für Schauspieler, Moderatoren und andere Handlungsreisende des Fernsehens wie Bilanzpressekonferenzen des eigenen Marktwerts sind. Ein Abend der Selbstinszenierung, weil sich der Marktwert auch daran bemisst, wie glücklich das Lächeln für die Fotografen ist und wie tadellos die Figur.

In diesem Bussiblitzlicht-Advent saß an einem der Tische eine etwa vierzigjährige Frau mit streng aus dem Gesicht genommenen und hochgesteckten braunen Haaren. Sie stellte sich als Tanja Ziegler vor, trug etwas Dunkelblaues oder Schwarzes, war bis auf die Wimperntusche ungeschminkt. Nicht der kleinste Firlefanz, das Styling hätte man klösterlich nennen können, wenn die Frau, die es trug, dabei nicht so vergnügt und mädchenhaft gewesen wäre. Es kann doch nicht sein, dass das die Tochter und Geschäftspartnerin der flammend rothaarigen, unübersehbar schrillen Berliner Filmproduzentin Regina Ziegler ist, dachte man. Und wurde neugierig.

Aberwitziges Lieblingsprojekt

Tanja Ziegler aß vegetarisch, hatte etwas Entspanntes wie wenige an dem Abend. Dabei war sie konzentriert und zugewandt, sehr souverän und lustig. Das Geplauder drehte sich um Frühstücksrituale zu Hause, von ihrer heiß geliebten kleinen Tochter Emma war die Rede, und davon, wie die wundervolle Erfindung der Videokonferenz der Work-Life-Balance einer Produzentin guttut, weil sie ein paar Reisen weniger bedeutet. Gelegentlich hob sie eine schmale Augenbraue hoch und fabrizierte ein eigentümlich amüsiertes Stirnrunzeln. Sie freute sich, weil man ihr damals neues Filmprojekt kannte und toll fand: Ein skurriler Krimi mit Bastian Pastewka, der seine unübersehbar schrille Mutter um die Ecke bringen lassen will. Das ist blutig und fies - ein aberwitziges Lieblingsprojekt in der flachen TV-Landschaft, das sie so sehr wollte, dass sie jahrelang trotz aller Widerstände dranblieb.

Die Komödie, um die Tanja Ziegler am härtesten gekämpft hat, heißt Mutter muss weg, und wenn man das bedenkt, macht das natürlich noch neugieriger.

Regina und Tanja Ziegler

"Fassbinder war nun kein Mensch, mit dem man als Kind irgendwas anfangen konnte": Tanja Ziegler (r.) mit Mutter Regina.

(Foto: Julia Terjung)

Es ist wie bei einer Liebesgeschichte, die Tochter kriegt man nicht ohne die Mutter. Allerdings sagt Tanja Ziegler gar nicht Mutter, damit fängt es schon mal an. Sie sagt "Regina".

Leuchtendes Zieglerrot

Ein paar Monate später am Firmensitz. Ein Berliner Altbau am Lietzenseeufer. Verabredung mit den Damen Ziegler, so werden sie hier genannt. Die Damen Ziegler, das klingt nach Kessler-Zwillingen oder Trapezturnen unter der Zirkuskuppel im gleichen Glitzertrikot. Welche Nummer erwartet einen jetzt?

Regina Ziegler, 69, setzt sich an den Kopf des großen Konferenztisches. Sie ist nicht nur die berühmteste deutsche Produzentin, sondern auch die mit dem höchsten Wiedererkennungswert. Wenn jemand eine Regina-Ziegler-Puppe herstellen wollte, müsste er über die Ausstattung nicht lang nachdenken. Auch an diesem Tag fällt um die opulente Figur wie auf vielen Fotos von ihr in der Bunten ein wallendes, schwarzes Gewand, der große Stein an ihrem Ring ist lila. Die Haare sind, natürlich, zieglerrot. Viel altes West-Berlin, ein bisschen Hollywood. Spuren von vielen langen Nächten im Gesicht. Die Tochter, 46, sitzt an der rechten Tischseite, trägt Pullover und Rock aus dunkelblauer Wolle, winzigen Schmuck und um den Hals einen karierten Kinderschal gebunden.

Ohne Wimpernzucken

Gelegentlich werfen sich die beiden Frauen Blicke zu, die schwer zu deuten sind. So ganz ohne ein Wimpernzucken. Wie beim Poker. Es gibt Kuchen und neben dem Kuchenteller liegt ein ziemlich großes Messer, das unbenutzt bleibt. Bei Zieglers haben sich alle lieb.

Nur: wie kommt das? Muss man nicht zumindest als Halbwüchsige anrennen und sich abschotten gegen diese Übermutter des deutschen Fernsehens, die Millionenschulden in Kauf nahm für ihre Filme und jahrelang unter Work-Life-Balance verstand, dass die Geschäfte laufen?

"Soll ich rausgehen?", fragt Regina Ziegler und es ist sofort klar, was das Problem bei einer Puppe wäre. Eine Puppe hätte keine Regina-Ziegler-Stimme, nicht diesen schnoddrigen Basston von ganz tief unten. Die Tochter schaut sie voll an und sagt: "Das Irre ist, ich hatte eigentlich nie das Bedürfnis, mich abzugrenzen. Das ist immer der Blick von anderen. Auch dieses: Wie kannst du bloß neben deiner Mutter arbeiten. Ich habe mich oft gefragt, was die Leute von mir wollen".