bedeckt München 25°

Filmproduktion in der Krise:Die Pandemie führt Regie

Dreharbeiten sind durch Corona schwierig geworden. Viele Produktionsfirmen wollen das Risiko möglicher Ausfälle nicht auf sich nehmen. Damit überhaupt gedreht wird, fordern Sender einen Ausfallfonds.

Christine Strobl

"Da ist man schnell bei einer Ausfallsumme im sechsstelligen Bereich", sagt Christine Strobl, Geschäftsführerin der ARD-Filmeinkaufsorganisation Degeto.

(Foto: Laurence Chaperon/ARD Degeto)

Schauspieler sind es gewohnt, anderen Menschen körperlich nahe zu kommen. Filme und Serien ohne Kuss? Eher die Ausnahme. Ohne Protagonisten, die sich in zerknitterten Laken wälzen? Da könnte die Quote leiden. Nach wochenlangen Drehpausen in der Coronakrise nehmen nun immer mehr Film- und Fernsehproduktionen ihre Arbeit wieder auf - natürlich unter strengen Arbeitsschutzstandards. Dazu gehört die Wahrung des Mindestabstands genauso wie das Tragen von Schutzmasken. Wer nun aber schlussfolgert, dass in den kommenden Monaten ein durchweg züchtiges Fernsehprogramm bevorsteht, irrt: Kuss- und Liebesszenen werden weiterhin gedreht, die Darsteller müssen zuvor allerdings in Quarantäne.

Die Kreativwirtschaft steht gerade vor vielen Herausforderungen. Die größte liegt sicher in der Entscheidung, ob überhaupt gedreht wird. Denn wenn es wegen Corona zum Drehstopp kommt, haftet keine Versicherung, sondern der Produzent. "Da ist man schnell bei einer Ausfallsumme im sechsstelligen Bereich", sagt Christine Strobl, Geschäftsführerin der ARD-Filmeinkaufsorganisation Degeto. Über solche Rücklagen verfügten die wenigsten Produktionsfirmen. Das bestätigt auch Christoph Palmer, Geschäftsführer der Allianz Deutscher Produzenten: "Wir sprechen hier von erheblichen finanziellen Risiken, die im Ernstfall den finanziellen Ruin bedeuten können." Zwar wurde seitens der ARD bereits Mitte März beschlossen, dass man sich an etwaigen Mehrkosten zur Hälfte beteiligt, doch laufen diese freiwilligen Maßnahmen zunächst nur bis 30. Juni.

Im Mai kam es daher zu einer seltenen Allianz zwischen privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern. Auf Initiative der Mediengruppe RTL trafen sich Vertreter aus der Branche mit der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), um über Lösungen zu beraten. Fazit: Ein Ausfallfonds soll finanzielle Defizite durch Drehstopps auffangen. "Ein solcher Fonds würde die Dreharbeiten absichern und das einseitige finanzielle Risiko mindern", sagt Palmer. Wie bei einer Versicherung flössen Gelder nur, wenn es am Set tatsächlich zu einem Corona-Ausbruch käme. Der Fonds wäre ein entscheidendes Signal dafür "dass in Deutschland wieder produziert werden kann", meint auch Henning Tewes von RTL Deutschland.

Mit Grütters stehe man hierzu derzeit in engem Kontakt. Alle Betroffenen sind sich einig, dass die Hilfe schnell kommen muss. Palmer geht davon aus, dass ohne den Fonds viele Unternehmen aus Angst vor dem Risiko nicht produzieren werden. Mit der Folge, dass spätestens ab nächstem Jahr kein neues Material mehr gesendet werden könne, prognostiziert Christine Strobl. Zudem fürchtet sie die Konkurrenz: "Große, potente US-Anbieter mit viel Kapital im Rücken wie etwa Netflix würden in den Markt drängen". Deshalb lohne der Blick nach Österreich. Dort gab die Regierung vergangene Woche bekannt, dass sie durch Covid-19 bedingte Ausfallkosten bis Ende 2021 übernimmt.

© SZ vom 02.06.2020
Zur SZ-Startseite