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Filmkritik:Mein Schweinchen pfeift

Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho hat mit Hollywood schlechte Erfahrungen gemacht. Sein Märchenfilm "Okja" über eine größenwahnsinnige Fleischfresserin läuft deshalb bei Netflix.

Von David Steinitz

Ein Märchenfilm für vegetarische Streaming-Fans, so könnte man die Netflix-Produktion Okja beschreiben. Der südkoreanische Regisseur Bong Joon-ho erzählt in seinem zweiten amerikanischen Film, für den er auch das Drehbuch geschrieben hat, die Geschichte eines Riesenschweins, das vor der Schlachtbank gerettet werden muss. Wobei man eigentlich verniedlichen muss, das computeranimierte Riesenschwein ist mehr ein Riesenschweinchen, weil es zwar nahezu Nilpferdgröße hat, mit seinen treuen braunen Augen und den Dackelschlappohren aber auch Kuscheltierqualitäten besitzt.

Okja heißt es, und ist das Ergebnis des Laborexperiments einer New Yorker Firmenbesitzerin namens Lucy, die von Tilda Swinton als größenwahnsinnige Fleischfresserin gespielt wird. Lucy hat gleich eine ganze Herde Riesenschweinchen aus dem Reagenzglas fertigen und die Babys auf der ganzen Welt verteilen lassen, um zu sehen, wo sie am prächtigsten gedeihen. Sie will mit den gewaltigen Speckpolstern nicht weniger, als den Welthunger stillen.

OKJA

Lucy (Tilda Swinton) will den Welthunger stillen. Aber Mija (Ahn Seo-hyeon) will ihr Zuchtschwein retten.

(Foto: Barry Wetcher/Netflix)

Okja ist im südkoreanischen Hinterland bei einem Bauern und seiner kleinen Nichte Mija (Ahn Seo-hyeon) aufgewachsen, und die monströse Schweinelady ist über die Jahre die beste Freundin des verwaisten Mädchens geworden. Deshalb setzt sie sich erbittert zu Wehr, als Okja in den Schlachthof abtransportiert werden soll. Es beginnt eine skurrile Flucht durch Südkorea und die USA, bei der das Mädchen von einer Bande überdrehter Anarchos unterstützt wird, die Fleischkonsum für eine Todsünde halten. Immer auf ihren Fersen: die Firmenpatriarchin und deren wahnsinniger Laborarzt, gespielt von Jake Gyllenhaal.

Die Geschichte ist eine Verneigung vor dem klassischen amerikanischen Abenteuerkino

Regisseur Bong Joon-ho ist seit Jahren ein ziemlich erfolgreicher Genre-Hopper, der 47-Jährige hat in seiner koreanischen Heimat mit dem Thriller Mother den vermutlich besten Hitchcock-Film seit Hitchcocks Tod gedreht und vor vier Jahren mit der Science-Fiction-Groteske Snowpiercer sein Hollywood-Debüt gegeben. Damals musste er aber auch die bittere Erfahrung machen, dass im amerikanischen Studiosystem die Regisseure nicht ganz oben in der Nahrungskette stehen. Das grantige Produzentenurvieh Harvey Weinstein kaufte Snowpiercer für den amerikanischen Markt und schnitt den Film nach seinen Vorstellungen um.

Nach diesem Erlebnis kam Bong Joon-ho die Carte blanche vom Streamingdienst Netflix wohl gerade recht, denn er hatte durchaus Lust, weiterhin mit amerikanischen Stars zu arbeiten. Nur eben nach seinem Filmverständnis, das in der Tradition des Autorenkinos verankert ist, das nur den Regisseur als verantwortlichen Künstler eines Films kennt.

Okja ist eine Verneigung vor dem klassischen amerikanischen Abenteuerkino geworden, in denen kindliche Helden eine große Reise unternehmen müssen. Und natürlich ist der Film auch eine kleine Reminiszenz an Elliot, das Schmunzelmonster, den bekifftesten Disneyfilm aller Zeiten, in dem ein kleiner Junge seinen psychedelischen Zauberdrachen vor einem wütenden Menschenmob retten muss.

Ganz reibungslos lief aber auch dieses Projekt nicht ab für Bong Joon-ho. Okja hatte im Mai seine Premiere im Wettbewerb des Festivals von Cannes, an sich eine große Ehre für jeden Regisseur. Da der Film aber eine Netflix-Produktion ist, protestierten die französischen Kinobetreiber: Das traditionsreiche Festival solle gefälligst nur Filme einladen, die auch eine Kinoauswertung erfahren werden, worauf die Verantwortlichen um Festivalchef Thierry Frémaux künftig tatsächlich achten wollen. Das ist allerdings ein recht konservatives Verständnis von Filmkunst, dem Festival dürfte das mittelfristig schaden. Denn einige der spannendsten Regisseure weltweit, zu denen Bong Joon-ho zweifelsfrei zählt, sind derzeit eben vor allem im Streaming-Bereich zu finden.

Okja, abrufbar bei Netflix.

© SZ vom 28.06.2017
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