Film von Jennifer Fox In Wahrheit Missbrauch

Wir erzählen uns selbst Geschichten, um zu überleben - aber als erwachsene Frau befragt Jennifer (Laura Dern, l.) das Kind, das sie einmal war (Isabelle Nélisse), zu dem, was passierte. Die Versionen dessen, was Bill und sie verband, unterscheiden sich erheblich.

(Foto: Sky Atlantic)
  • Jennifer Fox wurde als Kind missbraucht, doch in ihrer Erinnerung war es eine Liebesbeziehung.
  • Jetzt hat die US-amerikanische Filmproduzentin ihre schockierende Geschichte verfilmt: "The Tale".
  • Die Missbrauchsszenen des Films sind schon in der gespielten Fassung kaum zu ertragen.
Von Karoline Meta Beisel

Filme und Erinnerungen arbeiten mit denselben Tricks: Was wir sehen, halten wir für wahr; und zwar auch das, was wir nur vor unserem inneren Auge sehen. "Die Geschichte, die Sie jetzt sehen, ist wahr - soweit ich weiß", heißt es denn auch zu Beginn des Films The Tale . In den ersten Szenen erinnert sich Dokumentarfilmerin Jenny an ihre erste Liebe. Bill, Leichtathletiktrainer, etwas älter als sie; sie ein junges Mädchen an der Schwelle zum Erwachsensein. In einem Fotoalbum findet Jenny ein Bild aus dieser Zeit. "Nein, auf diesem Foto bist du schon 15", korrigiert sie ihre Mutter, und sucht ein anderes Bild heraus: "So sahst du mit 13 aus." Und dann zeigt The Tale Jennys Erinnerungen noch einmal, allerdings mit einer deutlich jüngeren Schauspielerin.

In seinen ersten 15 Minuten ist The Tale eine Erzählung, der man nicht trauen kann, wie auch Jennys Erinnerung diese Beziehung vor allem als etwas Schönes gespeichert hat: Dieser Sommer im Jahr 1973 auf dem Reiterhof bei der attraktiven wie enigmatischen Trainerin Mrs. G (Elizabeth Debicki); Mrs. G's guter Freund Bill, der so aufmerksam und ihr so zugewandt war und das Gefühl gab, der wunderbarste Mensch der Welt zu sein; wie sie endlich jemand wirklich sah. Jeder Außenstehende dagegen würde das Verhältnis zwischen Bill und der jungen Jenny sofort als sexuellen Kindesmissbrauch bezeichnen. Ein mutiger filmischer Trick, der den Zuschauer einlädt, Jennys Perspektive einzunehmen, also ihre Sicht auf die Dinge jedenfalls für einige Minuten in den Mittelpunkt zu stellen, und nicht das, was die Erwachsenen dazu sagen würden, oder Psychologen oder ein Staatsanwalt. Ohne den Täter zu entschuldigen, richtet dieser Trick den Fokus auf das eigentliche Thema dieses außergewöhnlichen Filmes: Die Macht der Erinnerung und die Geschichten, die wir uns selbst erzählen, um zu überleben.

"Ich nenne mich eine Überlebende, aber ich war auch ein Opfer"

Beim Treffen anlässlich des Münchner Filmfests, wo The Tale Anfang Juli gezeigt wurde, bekräftigt Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin Jennifer Fox: "Ich bin froh, dass das Kind, das ich damals war, das Gefühl hatte, stark zu sein", sagt sie. "Sonst wäre ich heute nicht hier." Jennifer Fox hat in The Tale ihre eigene Geschichte verarbeitet. Manches hat sie verfremdet und anderes hinzuerfunden, in einer Szene treffen sogar die junge und die erwachsene Jenny aufeinander. Aber beide Jennys im Film sind sie. Wie die erwachsene Film-Jenny (Laura Dern) hat auch Fox erst als erwachsene Dokumentarfilmerin begonnen, ihre Version der Geschichte zu hinterfragen. "Ich arbeitete damals an einem Film, in dem viele Frauen über sexuellen Missbrauch berichteten - obwohl es in dem Film um etwas ganz anderes ging", sagt sie. "In ihren Erzählungen klangen viele dieser Geschichten wie meine erste Beziehung. Das hat bei mir einen Schalter umgelegt. Mir wurde klar, dass das, was ich immer eine Beziehung genannt habe, in Wahrheit Missbrauch war."

Wie die Jenny im Film beginnt sie, als Dokumentarfilmerin in eigener Sache, in ihrer Vergangenheit zu recherchieren. Dass The Tale ein Spielfilm ist und keine Doku, liegt auch daran, dass Fox wusste, dass viele der Beteiligten nie bereit wären, vor der Kamera mit ihr zu reden. Den Zuschauer schützen die Form und die oft mit weichem, artifiziellen Licht gezeichneten Bilder aber auch: Die Missbrauchsszenen sind schon in der gespielten Fassung kaum zu ertragen. Bei der Premiere auf dem Sundance Film Festival hätten viele Leute den Saal verlassen, heißt es.

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Wenn in anderen Filmen sexueller Missbrauch vorkommt, wird an diesen Stellen gnädig ausgeblendet. Für Fox kam das nicht in Frage: "Wenn wir das nicht gezeigt hätten, wären die Details der Vorstellungskraft der Zuschauer überlassen gewesen, und ich glaube nicht, dass man sich diese Szenen überhaupt vorstellen kann", sagt Fox. "Ohne diese Szenen hätte ich den Film nicht gemacht."

Isabelle Nélisse, die in Rückblenden Jenny als Kind spielt, war elf, als der Film entstand. Gedreht wurde im Stehen, nichts sollte an eine Bettszene erinnern. Nélisses Haare wurden so um den Kopf drapiert und fixiert, dass es im Film später so aussieht, als würde sie liegen. "Als Regieanweisung habe ich ihr gesagt, sie soll sich vorstellen, eine Biene hätte sie gestochen; ein Hund sei hinter ihr her, oder sie hätte etwas Saures im Mund", sagt Fox. Schlimmer als das, was man sieht, ist aber, was Bill (Jason Ritter) zu Jenny sagt - beim Dreh sagte er seine Sätze denn auch nicht der jungen Nélisse, sondern nur zu dem erwachsenen Körperdouble.

Während der Dreharbeiten vor drei Jahren habe sie selbst Sorge gehabt, dass all das für den Zuschauer einen Schritt zu weit gehen könnte, sagt Fox. Aber bis der Film fertig war - unter anderem auch mit Hilfe von Arte, ZDF und dem Medienboard Berlin-Brandenburg - hatte die "Me Too"-Debatte die Welt erfasst. Seit The Tale im Mai beim US-Sender HBO erstmals im Fernsehen zu sehen war, wird er als Film zur Stunde gefeiert, als Film, der Opfer von sexuellem Missbrauch nicht zum Objekt, sondern zum Subjekt ihrer eigenen Erzählung macht.

Bei der Emmy-Verleihung im September könnte er den Preis als bester Fernsehfilm gewinnen, und Laura Dern den für die beste Hauptdarstellerin. Verdient hätte der Film, der nach der Ausstrahlung bei Sky voraussichtlich im kommenden Jahr auch bei Arte zu sehen sein wird, beide Preise. Nicht nur wegen der schauspielerischen Leistungen des Ensembles (in Nebenrollen sind Ellen Burstyn und Frances Conroy zu sehen), sondern auch, weil es fast einer Revolution gleichkommt, beim Thema Kindesmissbrauch nicht nur zu mahnen und zu warnen, sondern auch die Version des Kindes zuzulassen - ohne den Missbrauch dabei zu verharmlosen.

Mit dem Wissen von heute würde Fox Dinge anders machen. "Wenn ich zurückgehen könnte, würde ich dieses junge Mädchen stoppen", sagt Fox. Aber dass sie sich damals selbst nicht als Opfer gesehen habe, sei ihre Rettung gewesen. "Deswegen finde ich es so wichtig, den Leuten ihre Version zu lassen, und sie nicht zu zwingen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, bevor sie selbst so weit sind", sagt Fox. Auf der Homepage zum Film findet sich eine Liste mit Hilfsangeboten für Betroffene, die durch den Film getriggert werden.

"Ich nenne mich eine Überlebende, aber ich war auch ein Opfer", sagt Fox, und wenn sie dann davon spricht, dass sie misshandelt wurde, aber "auch etwas bekommen" habe aus dieser Beziehung, dann ist das für einen Außenstehenden nur sehr, sehr schwer nachzuvollziehen - aber das ist eben ihre Version der Geschichte.

The Tale, Sky Cinema, Freitag, 20.15 Uhr.

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