Film über Stéphane Hessel im TV Occupys Opa

Ganz so, als sei sein Buch die Bibel: Der Regisseur Tony Gatlif inszeniert Stéphane Hessel, den Autor von "Empört Euch!", als Chefideologen der neuen politisierten Jugend. Sein Film, der jetzt auf Arte gezeigt wird, ist ein bisschen zum Fürchten.

Von Claudia Tieschky

Als im vergangenen April der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy um jede Stimme für seine Wiederwahl kämpfte, erhielten die französischen Staatsbürger in Israel Post. Der Brief war unter anderem unterzeichnet vom Generalsekretär der Sarkozy-Partei UMP. François Copé teilte den potenziellen Briefwählern seine Sorge mit, dass eine Wahl des Sozialisten François Hollande für den Staat Israel gefährlich sei. Unter anderem deshalb, so berichtete der Nouvel Observateur, der das Schreiben ans Licht brachte, weil zu den Unterstützern Hollande "einer der Hauptinitiatoren von Boykott-Aufrufen gegen Israel in Frankreich" zähle - gemeint war der hochbetagte Stéphane Hessel, Autor des Bestsellers Empört Euch!.

Der Lyriker und frühere Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel.

(Foto: ARTE France)

Sarkozys Partei war zu diesem Zeitpunkt arg in Not und die Briefwurfsendung ziemlich durchsichtig, aber tatsächlich unterstützte Hessel im vorigen Jahr eine Initiative, die zum Boykott Israels wegen der Palästinenser-Politik der Regierung aufrief. Es war die weitaus umstrittenste Aktion des stets so freundlichen früheren Résistance-Kämpfers und Spitzendiplomaten Hessel, 94, der seine Worte bedächtig wählt und langsam ausspricht. Eigentlich ist Hessel der gute Mensch der Pariser Linken. Auf einer Karikatur, die im französischen Fernsehen einmal anlässlich einer weiteren seiner notorisch kurzen Buchveröffentlichungen zu sehen war, bedanken sich sogar zwei sprechende Bäume herzlich bei ihm, nämlich fürs nette Papiersparen: "Danke, Stéphane Hessel, wieder nur 30 Seiten!"

Stéphane Hessel war 1948 an dem Redaktionsteam beteiligt, das bei den Vereinten Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte formulierte, und er wusste, wovon der schrieb, denn er hatte gerade erst Gestapo-Folter und Nazi-Lager überlebt. Nach einer langen diplomatischen Laufbahn abseits der Öffentlichkeit hat er dann im Alter von 93 Jahren gewissermaßen als Vermächtnis seines Lebens eine Botschaft an die Jugend formuliert: An diese Jugend der globalisierten Welt, in der die alten Gewissheiten verschwinden und die Älteren sonst eben so gar keine brauchbaren Botschaften mehr parat haben. "93 Jahre, das ist schon die allerletzte Etappe", heißt es im Buch, "die letzte Gelegenheit, die Nachkommen teilhaben zu lassen an der Erfahrung, aus der mein politisches Engagement erwachsen ist".

Das Land praktisch lahmgelegt

Hessel rief also zum Widerstand auf, zum "Aufstand der Friedfertigen" gegen Ungerechtigkeit und die "internationalen Diktatur der Finanzmärkte", wie es in Empört Euch! heißt. Das bedeutet für die Jungen natürlich auch: zum Widerstand gegen die Konsumwelt der Elterngeneration. Es ist im übrigen bemerkenswert, dass Empört Euch! genau in dem Jahr zum Bestseller wurde, als in Frankreich über 60-Jährige und viele von Arbeitslosigkeit bedrohte Schüler und Jugendliche gemeinsam gegen die Rentenreform von Präsident Sarkozy auf die Straße gingen und das Land praktisch lahmlegten. Den Kontakt zur Jugend hat auch der Résistance-Veteran Hessel stets gesucht, zum Beispiel in der Gesprächsreihe mit dem jungen Gilles Vanderpooten, die 2011 unter dem Titel Engagiert Euch! als Nachfolgeband zu Empört Euch! erschien. Hessel ist inzwischen so etwas wie der Opa von Occupy, das Maskottchen der neuen politisierten Jugend Europas.

In dieser Rolle inszeniert ihn nun der französische Regisseur Tony Gatlif in einem langen Dokumentarfilm für Arte. Gatlif ist nun keiner, der seine Meinung dezent in den Hintergrund nimmt. Er ist ein politischer Regisseur, der dem Finanzkapitalismus den Kampf erklärt und ein "Kino des Aktuellen" fordert. In den Sechzigerjahren kam er aus Algerien nach Paris, in Frankreich wurde er vor allem bekannt mit seinem Film Exils, für den er 2004 den Regiepreis in Cannes erhielt. Jetzt fürchtet er, wie er bei Arte mitteilt, einen Krieg der Zivilisationen. Gatlif ist in diesem Jahr regelrecht der Chronist der empörten Jugend Europas geworden. Sein Projekt Indigniados war in diesem Jahr bei der Berlinale zu sehen und die wirklich eindrücklichen Szenen in Empört Euch! kommen ebenfalls genau daher: Aus den Zeltcamps in Spanien, einem Protestmarsch nach Brüssel, einem von entschlossenen jungen Menschen besetzten im Foyer eines Bankhauses.

Junge Frauen und Männer mit schneidender Stimme

Sein neuer Film ist genau genommen die Lesung des Hessel-Textes mit verteilten Rollen. Zu sehen ist Hessel, als Ruhepol in Schwarzweiß, der langsam und gemessen seinen Buchtext rezitiert. Worum es aber dem Regisseur geht, wird klar, wenn Gatlif die jungen Empörten aus Madrid, Brüssel und Paris dagegenschneidet. Sie sagen ebenfalls ihren Hessel her - aber bei ihnen ist es eine Kampfschrift.

Man sieht junge Frauen und Männer mit schneidender Stimme und wehenden Haaren wild entschlossen duch Alleen schreiten, während sie Hessel zitieren; die Gesichter hoffnungsfroh der Zukunft zugewandt. Nicht mal Bert Brecht hat das eindeutiger hinbekommen. Dann sieht man eine junge Geigerin mit aufs Gesicht gemalten Herzen musizieren, später fährt sie auf einem Kahn aus Kanälen ans Licht. Auf einem ähnlichen Kahn malen bald darauf frohe junge Menschen die Plakate für die nächste Demo.

Man kann das alles natürlich einfach banal finden, aber Gatlif schreckt auch nicht vor Szenen zurück, in denen er eine düster beleuchtete, gequält aussehende Menschenmenge gemeinsam mit gedämpfter Stimme Sätze aus Empört Euch! hersagen lässt, ganz so als feierten sie die Liturgie und Hessels Buch wäre ihre Bibel. Das ist dann etwas zum Fürchten. Zumindest dann, wenn man als vernünftiger Mensch der Macht der Masse misstraut und Stéphane Hessel bisher nicht für einen Chefideologen gehalten hat. Oder für den lieben Gott von Paris.

Empört Euch!, Arte, Mittwoch, 22.05 Uhr

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