Film "Neun Tage Wach":Wie Jesus und Terminator

Lesezeit: 2 min

Zwischen Tanzfläche und Klinik: Ein Film mit Heike Makatsch und Jannik Schümann erzählt schonungslos vom Rausch und Entzug des GZSZ-Schauspielers Eric Stehfest.

Von Nina Mohs

Vier junge Erwachsene quetschen sich in eine graffitibeschmierte Klokabine, kristallenes Pulver zerknackt unter einer Kreditkarte, für jeden eine Line, im Hintergrund dröhnt der Bass durch den dreckigen Raum. Dann zurück auf die Tanzfläche, T-Shirts fallen, ekstatischer Tanz zu hämmernder Elektromusik. So beginnt der Film 9 Tage wach, und so viel vorweg: Die große Party endet nicht gut.

Der Morgen danach. Eric Stehfest (Jannik Schümann) muss erst mal runterkommen von den Drogen, sein bester Freund (Matti Schmidt-Schaller) verliert die Kontrolle über seinen Darm, alle lachen. Später wird es Eric sein, der in seinem eigenen Kot liegend in einer Entzugsklinik abgeduscht wird. Nur lacht dann keiner mehr.

9 Tage wach

Vor dem Absturz: Für Jannik Schümann (rechts) als Eric Stehfest ist die Party bald vorbei.

(Foto: Stephanie Kulbach)

9 Tage wach erzählt die wahre Geschichte des Schauspielers Eric Stehfest, bekannt geworden durch seine Rolle als Chris Lehmann in der Fernsehsoap Gute Zeiten, schlechte Zeiten. 2015 bekannte er sich zu seiner jahrelangen Crystal-Meth-Sucht, 2017 veröffentlicht er seine Biografie - jetzt wurde sie verfilmt. Und man kann sagen: Sie beschönigt nicht.

Erzählt wird unter der Regie von Damian John Harper nur ein kleiner Teil Stehfests zehnjähriger Suchtgeschichte, von seinen ausgiebigen Partynächten in der Heimatstadt Dresden, von seinem Schauspielstudium, das alles verändern soll, seinen Versuchen, clean zu werden, seinen Rückfällen, unter denen seine ganze Familie und seine Beziehung leidet. Jannik Schümann versucht, mit rasiertem Kopf und etwas abgemagerter als sonst, in den knappen zwei Stunden den Zerfall von Stehfests Körper und Persönlichkeit darzustellen - das gelingt nicht immer. Besonders am Anfang kauft man ihm den Junkie nicht ab - zu weit die Augen nach jedem Konsum aufgerissen, zu klischeehaft sein Spiel der Drogenabhängigkeit. Dann aber, nach den ersten persönlichen Rückschritten der Figur, finden Schümann und Stehfest zueinander: Die Momente, in denen er realisiert, wie sehr er andere mit seiner Sucht belastet, die kläglichen Versuche, sich zu entschuldigen und die Erkenntnis über die Macht, die die Drogen über sein Leben haben - das alles klingt lange nach. "Wenn ich's nehme, dann fühl ich mich wie Jesus und der Terminator gleichzeitig", sagt er ganz leise in der Entzugsklinik. Wissend, dass ihm schwere Zeiten bevorstehen.

Mit einer Rolle in "GZSZ" wurde der Schauspieler Stehfest bekannt. 2015 sprach er über seine Sucht

Dass Damian John Harper eine ungewöhnliche Wahl für die Regie dieser Eigenproduktion von Pro Sieben ist, zeigt die Bildsprache von 9 Tage Wach. Dynamische, verwackelte Aufnahmen begleiten die Figur, wie in einem Rausch. Oft wirkt es, als liege ein grau-blauer Filter über den Bildern, die ganz und gar nicht nach romantisiertem Fernsehfilm aussehen. Ähnlich wie in seinem vorherigen Kinofilm In the Middle of the River gelingt es Harper, besonders düstere, gewaltige Szenen aus der Entzugsklinik oder in Stehfests Familie einzufangen - wenn Eric nach einem tagelangen Rausch mit Verfolgungswahn auf die Türe seiner Mutter (Heike Makatsch) einhämmert, und sie sie mit aller Kraft verschlossen halten muss.

9 Tage wach, Pro Sieben, Sonntag um 20.15 Uhr, und bei Joyn

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