Fernsehen Tadel und Faden

Hart zu anderen so wie zu sich selbst: Ein zweiteiliges Biopic in der ARD erzählt die Geschichte der Wirtschaftswunder-Verlegerin Aenne Burda.

Von Claudia Fromme

Ende der Neunziger hatte sich ein Sprayer mit einer besonderen Botschaft an einer Betonwand in Offenburg verewigt. "Aenne, ich möchte mit Dir Aufzug fahren" stand da, und es dauerte erstaunlich lang, bis die Stadt das Ding entfernte. Wer den Kosmos Offenburg nicht kennt, wird nicht viel damit anfangen können; wer doch, für den ist es eine schöne Miniatur zu Aenne Burda, die einiges über sie aussagt. Die Verlegerin legte vor allem im Alter Wert auf Status, und es war sonnenklar, dass sie im Verlag allein Aufzug fuhr. Wenn einer drin war, stieg er bitte aus, wenn die Chefin kam.

Solche Geschichten zu Aenne Burda, die mit Schnittmustern berühmt wurde, gibt es in Offenburg viele. Bei Wutanfällen flogen Telefone, einen Bauunternehmer ließ sie Teile ihrer Villa wieder einreißen, weil er eine Treppe zu eng gebaut hatte. Sie wollte eine, auf der man zu zweit gehen kann, "keinen sozialen Wohnungsbau", zürnte sie.

Nahaufnahme Der ewige Verleger
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Der ewige Verleger

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"Ich ändere, was ich ändern kann: mich", sagt Katharina Wackernagel als Aenne Burda im gleichnamigen Zweiteiler des SWR. Auch zum Selbstschutz wird sie härter, zu anderen, zu sich selbst. Wer den Film gesehen hat, versteht, entschuldigt vielleicht sogar die Marotten einer Frau, die sich nie Schwäche erlaubte. Auch nicht als Kind. Zu Ute Dahmen, auf deren Biografie der Film beruht, sagte sie: "Ich habe nie geweint, höchstens einen Zornausbruch gekriegt."

Die Patriarchin wird als Anna Magdalena Lemminger in der ärmlichen Gaswerkstraße in Offenburg geboren, ihr Vater ist Heizer bei der Bahn. Nach der Klosterschule und einer kaufmännischen Lehre im Elektrizitätswerk lernt sie 1930 den Drucker und Verleger Franz Burda kennen. Sie heiraten, Franz, Frieder und Hubert kommen zur Welt. Frau Dr. Burda hätte ein feines Leben im Ennui führen können.

Keine Option für Aenne, die da noch Anna hieß. Der Film von Francis Meletzky (Regie) und Regine Bielefeldt (Buch) setzt 1949 ein, Anna will endlich das Heft machen, um das sie ihren Mann Franz (Fritz Karl) schon lange bittet. Das Frauen anleitet, Mode zu nähen. "Die Frauen träumen von Sinnlichkeit, dass Schönheit und Eleganz zurückkommen", wirbt sie. Franz sagt nur: "Offenburg ist nicht Paris." Keiner brauche Schnittmuster. "Die Menschen brauchen Brot und vielleicht etwas drauf." Die frühe Szene spielt im warmen Ehebett, und sie wird den Rahmen für den Film setzen.

Herrin der Schnittmuster für jede Frau, in Größen, die nicht nur der ranken Oberschicht passen: Katharina Wackernagel (2. von links) als Aenne Burda.

(Foto: Hardy Brackmann/SWR)

Dass Anna Burda Mode für jede Frau machen will, in Größen, die nicht nur der ranken Oberschicht passen, sondern auch deren Zugehfrauen, hat nicht nur damit zu tun, dass sie selbst arm war. Der Motor ist vor allem eine tiefe persönliche Kränkung. Früh im Film sieht man, wie Franz seiner Sekretärin in die Arme fällt, sie haben ein Kind miteinander. Alle im Ort wissen das, nur Anna nicht. Sie sieht die intimen Szenen durch Zufall. Der Tag ändert alles.

Der Schmach nicht genug, erfährt sie, dass die Geliebte längst das Heft macht, das sie immer machen wollte, finanziert von Franz. Anna stellt ihn vor die Wahl: Scheidung oder den Verlag ihrer Nebenbuhlerin. Er brüllt: "Dann mach's halt!" Er will, dass es misslingt. "Du bist meine Frau, und meine Frau arbeitet nicht." Der Verlag ist hoch verschuldet, der Vertrag sieht Gütertrennung der Eheleute vor. Anna Burda unterschreibt - und beginnt mit 40 Jahren ein neues Leben. Sie nennt sich Aenne, nach ihrem Lieblingslied "Ännchen von Tharau", und arbeitet hart. Der Rest ist Geschichte. Sofort ist Burda Moden ein Erfolg, es trifft den Nerv der Zeit, heute erscheint es als Burda Style in 100 Ländern. 45 Jahre steht sie ihrem Verlag vor, gründet weitere Zeitschriften, dann übernimmt ihr Sohn Hubert. 2005 stirbt sie im Alter von 96 Jahren.

Hauptdarstellerin Katharina Wackernagel versteht es, diesen Vulkan sehr präsent umzusetzen

Der Fernsehfilm konzentriert sich auf die Gründungsjahre 1949 bis 1954 und ist ein Spiegel der Gesellschaft jener Zeit, für die Aenne Burda eine Zumutung ist. Sie hat ein Konto, einen Führerschein - und einen Liebhaber. Im Film gibt es eine schöne Szene, in der sie sich bei einer Sizilienreise in die Arme des schönen Massimo drückt. Unerwartet tritt Franz auf. Aenne stellt vor: "Das ist Franz, mein Mann. Und das ist Massimo Russo, mein Liebhaber." Im echten Leben hieß er Giovanni, 30 Jahre wird die Liaison halten. Franz und Aenne führten eine offene Ehe. "Hätte ich einen Mann gehabt, der mich so geliebt hätte, wie ich ihn zu Beginn geliebt habe, nie hätte ich Burda Moden gemacht", sagte Aenne Burda einmal. Sie wäre in der Familie glücklich gewesen.

Blättert man in der Biografie von Ute Dahmen, sieht man, dass der SWR sehr den Weichzeichner bemüht. Aenne Burdas harte Seiten, die das Buch nicht ausspart, kommen im Film kaum vor. Ab und an ist sie im Film streng mit Mitarbeitern, aber nie zu sehr. Im echten Leben sagte sie: "Mit Kindern spielen war nicht mein Ding. Dafür hatte ich Personal"; im Film streichelt sie den schlafenden Jungs über den Kopf, wenn sie spät heimkommt. Klar, es ist keine Dokumentation, sondern ein Biopic, und da darf sich jeder herauspicken, was der Story dient. Der Untertitel gibt den Ton vor: "die Wirtschaftswunderfrau".

"Ich ändere, was ich ändern kann: mich": Aenne Burda (1909-2005).

(Foto: dpa)

Manchmal schrammt der Film nah an der Schmonzette vorbei, Kameras gleiten über grüne Schwarzwaldlandschaften, in Italien wird viel gekocht, geliebt und Vespa gefahren, auch gerät der Schluss, der nicht verraten werden soll, aber auch nicht zu überraschend ist, sehr casablancahaft.

Manchmal wünscht man sich mehr Subtilität in der Dramaturgie. Etwa, wenn Aenne Burda ihren Schmuck zum Pfandleiher bringt, um die Löhne auszahlen zu können, und in der Szene drauf Franz der Geliebten Geschmeide umlegt. Als Franz in Baden mit dieser Schluss macht, wirft sich Aenne in Italien etwa zur gleichen Zeit in die Arme Massimos. Herrlich aber die Szene, in der weinselige Oberschichtsfrauen befinden: "Nur weil man betrogen wird, muss man doch nicht gleich arbeiten gehen."

Der erste Teil, der sich der Nachkriegstristesse widmet, ist ein wenig länglich, der zweite Teil mit Szenen von der Berliner Modewoche und aus Sizilien ein schöner Bilderrausch. Vielleicht hätte aus beidem ein dichter Einteiler werden können.

Katharina Wackernagel spielt die Verlegerin, wie sie das Drehbuch vorsieht, großartig. Sie versteht es, diesen Vulkan, der befeuert wird durch Leidenschaft, Ungeduld und Eigensinn, sehr präsent umzusetzen. Man hat sie vor allem im energischen Laufschritt in Erinnerung. Fritz Karl gelingt es, Franz Burda als Unsympathen zu spielen, der sich aber doch nur als waidwundes Machoprodukt seiner Zeit entpuppt. "Ohne mich bist du nichts, ich habe dich zu dem gemacht, was du bist", bellt er. Spätestens da solidarisiert sich der Zuschauer mit Aenne, die in Luise Wolfram als Assistentin Edith Schmidt einen mokanten Sidekick findet.

Offenburg mag nicht Paris sein, aber die Premiere feierte der Film natürlich dort. In der Oberrheinhalle, aus der einst Wetten, dass ..? gesendet wurde, sahen 1400 Zuschauer den Film, darunter Sohn Hubert. Er lobte das Werk, beschwor den "Geischt von Aenne": Immer das zu machen, wofür man brennt. Als Frau sowieso. Die Welt zu erkunden, aber der Heimat treu zu bleiben. Auf der Bühne stimmte Burda das Badnerlied an, wie er es oft in Offenburg tut. Und er verriet noch das Thema seines Abituraufsatzes: "Mit der Heimat im Herzen hinaus in die Welt." Für Aenne Burda wäre das auch eine schöne Losung gewesen.

"Aenne Burda - Die Wirtschaftswunderfrau", Das Erste, 5. und 12. Dezember, 20.15 Uhr. Nach Teil zwei folgt um 21.45 Uhr die Dokumentation Aenne Burda - die Königin der Kleider.

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