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Fest für "Spiegel Online":Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Büchner

Du bist auf dem Holzweg, bedrucktes Papier: Wolfgang Büchner vor Festgästen.

(Foto: dpa)

Auf dem vermeintlichen Höhepunkt der Krise um Chefredakteur Büchner feiert der "Spiegel" ein rauschendes Fest. "Spiegel Online" ist 20 geworden. Und besonders Büchners Rede wurde mit Spannung erwartet.

Von Claudia Fromme und Ralf Wiegand, Hamburg

Wenn man sich in einem Boxkampf befände, würde jetzt die zwölfte Runde eingeläutet. Beide Kontrahenten belauern sich nur noch: Steht die Deckung des anderen? Oder ist da noch eine Lücke für den Lucky Punch? Das Publikum sitzt längst nicht mehr, es kaut auf den Fingernägeln, unsicher, was als Nächstes passiert und wann. In der nächsten Sekunde? In der Ewigkeit von einer Minute?

Aber vor allem ist in einer solchen letzten Runde eines Boxkampfs Respekt zu spüren: Einer hat in den Runden zuvor ja immer mehr eingesteckt als der andere. Aber er steht noch.

Wolfgang Büchner hat Nehmerfähigkeiten. Sein Kampf mit dem Spiegel dauert nun schon mehr als 14 Monate. So lange ist Büchner, 48, Chefredakteur des Hamburger Magazins, und so lange wartet die interessierte (Medien-)Öffentlichkeit darauf, dass er das Handtuch wirft oder jemand für ihn das tut. Aber er steht noch.

Wird gepfiffen? Fliegen Gläser?

Die letzte Runde in diesem Fight wurde vermutlich am Montagabend eingeläutet. Mindestens 1500 Menschen dürften dabei gewesen sein, als Spiegel Online, das Internettöchterchen des Spiegel, 20. Geburtstag feierte und Büchner eine Festrede hielt. Die Gäste, aber vor allem die Belegschaft waren gespannt: Steht seine Deckung? Greift er an? Wird gepfiffen? Fliegen Gläser?

Es war ein rauschendes Fest mit, wie man so schön sagt, illustren Gästen. Regierungssprecher Steffen Seibert war angereist, Finanzminister Wolfgang Schäuble hielt eine launige Festrede, Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz besuchte das Kind der Stadt. Schöne Frauen balancierten Speisen durch die Menge, und Ulrich Wickert, Stefan Aust, Olli Dittrich und Cherno Jobatey griffen zu. Später gaben die Fantastischen Vier ein Hauskonzert. Sie sangen Lieder von der neuen CD und Klassiker wie "MfG". Der Spiegel hat es mal wieder richtig krachen lassen. Mit freundlichen Grüßen.

Oft sind solche Feiern auf dem Höhepunkt der Krise die besten. Was kann schon noch passieren, wer kann noch aus der Rolle fallen? Die Meinungen, vor allem die veröffentlichten, stehen ohnehin seit Monaten fest. Sie gehen so: Wolfgang Büchner ist ein Chefredakteur auf Abruf und der Spiegel ein Haus des Stillstands, voller papierner Zukunftsverweigerer auf der einen und digitaler Wichtigtuer auf der anderen Seite, die jetzt auch noch so gut verdienen wollen wie die anderen. Für sie alle, Print und Online, hat Büchner eine Idee entwickelt. Er nennt sie "Spiegel 3.0".

Eilmeldung des Irrsinns: "Es ist nichts passiert. Mehr dazu in Kürze."

Das klingt so digital, dass sich die papiernen unter den Spiegel-Leuten zerknüllt in den Schmollwinkel zurückziehen und von dort aus seit Monaten streuen, der Wechsel in der Chefredaktion sei nah. Morgens heißt es, abends sei es so weit, samstags, dass es montags so kommen werde. Jede Gesellschafterversammlung wird zum Jüngsten Gericht erklärt, auch wenn sich nur drei Mitarbeitervertreter auf eine Schorle in der Panton-Bar im Spiegel-Haus treffen. Der erträgliche Grad an Irrsinn ist erreicht, wenn Mediendienste Eilmeldungen des Inhalts verbreiten: "Es ist nichts passiert. Mehr dazu in Kürze."

Wolfgang Schäuble sprach in seiner Rede von einem "Zustand permanenter Aufgeregtheit", der die Leute "neurotisch macht". Das bezog er zwar auf die zuweilen unvernünftige Schnelligkeit im Online-Journalismus, der "Gier nach Breaking News", wie er es formulierte. Passt aber irgendwie auch auf den Spiegel und die ihn beobachtende Branche. Jeder will die Eilmeldung: "Spiegel trennt sich von Büchner."

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