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Fernsehserien:Schau mich an!

Liz Days betet für einen Emmy für Plant: The Second Coming. Kennen Sie nicht? Könnte der Jury auch so gehen.

(Foto: OH)

Vor der Bekanntgabe der Emmy-Nominierungen an diesem Donnerstag buhlt die US-Fernsehbranche um die Gunst der stimmberechtigten Mitglieder der Television Academy. Nur: Haben die wirklich alles gesehen, was sie jetzt bewerten sollten?

Von Jürgen Schmieder

Wer derzeit die Melrose Avenue in Los Angeles hinabfährt, der fühlt sich wie immer zu dieser Jahreszeit persönlich angesprochen von den überdimensionalen Werbeplakaten. "For Your Consideration" steht über der Reklame für TV-Serien, scheinbar als freundlicher Hinweis an den unbedarften Autofahrer, dass er dringend Unbreakable Kimmy Schmidt, The Night Of oder The Good Fight gucken sollte. Der bekommt sogleich ein schlechtes Gewissen, weil er von all den grandiosen Geschichten der vergangenen Spielzeit - auf einem Teilstück zwischen Highland und La Brea Avenue werden auf knapp 400 Metern neun Serien beworben - mal wieder die meisten verpasst und womöglich noch nicht einmal davon gehört hat. Bei der Verleihung der Primetime Emmy Awards vor zwei Jahren sagte Moderator Andy Samberg bereits: "So viele Shows, so wenig Zeit."

An diesem Donnerstag werden die Nominierungen für den bedeutendsten Serienpreis der Welt verkündet - und der Zuschauer fragt sich natürlich: Wie machen die das nur? Diese For-Your-Consideration-Plakate sind ja exklusiv an die 22 000 Mitglieder der Television Academy aus allen Bereichen der Branche gerichtet, die nun über Nominierte und später über die Sieger entscheiden. In dieser Spielzeit sind 450 fiktive Formate ausgestrahlt worden. Eine Staffel besteht aus durchschnittlich 16 Episoden, die im Schnitt jeweils 36 Minuten dauern. Das sind 259 200 Minuten. 4320 Stunden. Wer jeden Tag knapp zwölf Stunden geguckt hat, der hat alle Folgen aller Serien gesehen und kann eine verantwortungsbewusste Entscheidung treffen. Die müssen also ordentlich Zeit haben, diese Mitglieder der Television Academy.

Wer schneller und präziser schießt, gewinnt - wie im Wilden Westen

Die Sender und Streamingportale wollen freilich nicht, dass die Wahlberechtigten aus allen Bereichen der TV-Branche - die nicht öffentlich bekannt sind - vor lauter Seriengucken nicht mehr zum Produzieren kommen, also helfen sie ein bisschen bei der Selektion. Sie verschicken aufwendig gestaltete Pakete mit DVDs (und womöglich noch anderen Sachen) an die Academy-Mitglieder und bepflastern Los Angeles mit diesen Plakaten. Und das Branchenmagazin The Hollywood Reporter vermeldet einen Emmy-bedingten Anzeigenanstieg von 20 Prozent.

"Es ist absolut lächerlich und zehn Mal so verrückt wie sonst", sagt John Landgraf, Chef des TV-Senders FX. Bei den Oscars mag es mittlerweile Regeln für Werbekampagnen geben, bei den Emmys, die seit 1949 vergeben werden, gelten die Gesetze des Wilden Westens: Wer schneller zieht und präziser schießt, der gewinnt. Das zeigt sich in diesem Jahr vor allem bei den Veranstaltungen, die zwischen April und Juni stattfanden und, natürlich, "For Your Consideration"-Abende genannt werden. Gewöhnlich sitzen Schauspieler und Showrunner auf einer Bühne und besprechen eine Staffel oder auch mal nur eine Episode, danach gibt es Schnittchen und Champagner und vielleicht auch Fotos mit den Stars. Die Television Academy regelt die Vergabe der Termine.

In diesem Jahr allerdings hat Netflix in Beverly Hills eine 2200-Quadratmeter-Wahlkampfzentrale installiert, in verschiedenen Räumen gab es Ausstellungen für Stranger Things, The Crown und selbst das bereits abgesetzte The Get Down. Eigentlich koordiniert die Academy, dass jede Firma einen exklusiven Abend bekommt,für ihre Serie zu werben. Netflix feierte darum Partys, die offiziell nichts mit den Emmys zu tun hatten, wie etwa jene für Master of None am 1. Juni: Just an dem Abend, an dem der Sender FX seine Serie The Americans bewarb. Es gibt Leute in Hollywood, die bezeichnen die Partys von Amazon als "unvergesslich" - das ist genau das, was alle Produzenten erreichen wollen: dass sich der Aufwand auszahlt und die gefeierte Serie irgendwo im Kopf der Jury-Mitglieder herumschwirrt, wenn sie abstimmen.

Am Donnerstagmorgen werden Anna Chlumsky (Veep) und Shemar Moore (Criminal Minds) im Wolf Theatre im Norden von Los Angeles die Nominierten verkünden. Sind das dann wirklich die aufregendsten Serien, die besten Schauspieler, die talentiertesten Regisseure und die kreativsten Autoren der Saison - oder doch jene, die in den vergangenen Wochen am heftigsten beworben worden sind? Wer im vergangenen Jahr 259 200 Minuten damit verbracht hat, sämtliche Serien dieser Spielzeit zu gucken, der werfe den ersten Stein.

© SZ vom 13.07.2017
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