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Fortsetzungszwang bei Erfolgsserien:"Ein Schauspieler hat keinen Einfluss auf die Entwicklung einer Figur"

Nur: Wurden nicht eben diese Strukturen in den vergangenen Jahren durch Bezahlender und Streamingportale aufgebrochen? Eine Folge darf auch mal länger dauern als gewöhnlich, durch die Bereitstellung sämtlicher Episoden einer Staffel muss keine künstliche Spannung kreiert werden. Eine Spielzeit enthält genau so viele Folgen, wie nötig sind, um eine Geschichte zu erzählen. Serien gelten genau deshalb als Kunst, Showrunner als Künstler, die den Zuschauern das Leben, das Universum und den ganzen Rest erklären.

"Es ist das Medium der Autoren", sagt etwa Taylor Schilling, Hauptdarstellerin von Orange Is The New Black: "Ein Schauspieler hat keinen Einfluss auf die Entwicklung einer Figur, von dieser Illusion muss man sich schnell verabschieden und loslassen." Alle Macht liege bei den Autoren.

Genau das galt als positive Entwicklung - Schauspieler, die nicht mehr wegen der Aussicht auf Preise oder ihres überdimensionierten Egos Einfluss auf die Handlung nehmen. Weil die Regisseure wechseln, setzt es die nun quasi alleinverantwortlichen Autoren aber zusätzlich unter Druck. Wie Filme werden Serien bei künstlerischem oder kommerziellem Erfolg über Fortsetzungen so lange wie möglich gemolken, auch wenn die Handlung längst auserzählt ist und sich auf dem Schachbrett keine Figuren mehr befinden. Finanziell ist das freilich sinnvoll, weil es auch das Auskommen von Autoren sichert: Sie hüpfen nicht so flink von Projekt zu Projekt wie Schauspieler, sondern basteln oft jahrelang an einer Idee wie etwa Nic Pizzolatto an True Detective.

Wenn Tote auferstehen

Das begründet auch den Trend, bekannte Projekte wie The X-Files, Wet Hot American Summer oder Full House wiederzubeleben und führt zur wohl skurrilsten Geschichte dieses Sommers: Prison Break, das ohnehin nur zwei statt vier Staffeln hätte dauern sollen, wird neu aufgelegt, wie der Sender Fox am Donnerstag verkündete. Protagonist Michael Scofield ist wieder dabei - ein Wunder, muss die im Serienfinale gestorbene Figur dafür doch von den Toten auferstehen. Sowohl dem Sender als auch Erfinder Paul Scheuring scheint das eher egal zu sein.

Viele Autoren wünschen sich, das ist bei den Gesprächen in Beverly Hills deutlich zu hören, langfristigere Garantien für ihre Projekte. "Das würde uns die Sicherheit geben, eine Geschichte von A bis Z erzählen zu können - ohne die Furcht, bei F oder R nicht weitermachen zu dürfen", sagt der Erfinder einer Show, der seinen Namen keinesfalls in der Zeitung lesen will. Daryl Hannah, Darstellerin in der Serie Sense8, ergänzt: "Es wäre schön, diese Figur weiterentwickeln zu dürfen - und zu erfahren, was letztlich aus ihr wird."

Freilich sind langfristige Verträge ein gewaltiges finanzielles Risiko für Sender und Streamingportale - doch scheinen die zunehmend gewillt zu sein, den Autoren künstlerische Sicherheiten zu gewähren, um dem drohenden goldenen Käfig zu entfliehen. Bei Sense8 etwa sollen sich die Verhandlungen nicht nur um eine zweite Spielzeit drehen, sondern womöglich gar um drei weitere. J. Michael Straczynski sagte kürzlich, dass er und seine Mit-Erfinder, die Geschwister Andy und Lana Wachowski, einen Handlungsbogen für fünf Staffeln hätten. Am 8. August könnte deshalb mehr als nur eine zweite Spielzeit verkündet werden.

Schreib weiterhin so genial wie bisher!

Es dürfte übrigens auch eine dritte Spielzeit von True Detective geben, egal, ob man das jetzt für gerechtfertigt hält oder nicht; "Nic Pizzolatto ist einer der faszinierendsten Autoren überhaupt", sagt HBO-Programmchef Michael Lombardo, der seinem Star luxuriöse Arbeitsbedingungen bietet: "Ich habe ihn angerufen und gesagt: 'Nic, wenn du eine dritte Staffel machen willst, dann lass' uns reden.' Es wird keine Anmerkungen oder gar Regeln geben."

True Detective

Ray Velcoro (Colin Farrell) in True Detective: Wie können sich die Figuren nach mehreren Staffeln noch weiterentwickeln?

(Foto: AP)

Zudem verkündete Lombardo, dass Game of Thrones - eine der Serien, die immer besser werden -, mindestens acht Staffeln dauern werde und man bereits über ein Prequel nachdenke. Nur: Für noch mehr Staffeln fehlt der Stoff, weshalb der Komiker "Weird Al" Yankovic bereits auf der Emmy-Verleihung Autor George R. R. Martin aufforderte: "Schreib schneller!"

Das ist natürlich Quatsch, die Botschaft an Martin sollte vielmehr lauten: Schreib weiterhin so genial wie bisher!