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Fernsehreporter Michel Abdollahi:"Die Menschen haben ein großes Bedürfnis über dieses Aber zu sprechen"

Draußen vor dem Café erinnert ein Plakat daran, wie aus Abdollahi, 33 Jahre alt, in Teheran geboren, in der Ödnis von Hamburg Eidelstedt aufgewachsen, Jura- und Iranistikstudium, der Entertainer Abdollahi wurde. Auf einem Stromverteilerkasten wird für den "Kampf der Künste" geworben. Ein Poetry-Slam-Wettstreit, vor zehn Jahren von Abdollahi und seinem Freund Jan-Oliver Lange erstmals organisiert: Die besten Sprech-Poeten Deutschlands müssen sich an verstorbenen Lyrikern messen lassen; Schauspieler des Theater-Ensembles lesen Villon, Brecht oder Kästner. Wer besser ist, entscheidet das Publikum. Moderiert werden die Abende, natürlich, von Abdollahi. "Conférencier" nennt er sich und belehrt das Publikum über die Finessen persischer Dichtkunst.

Poetry-Slams waren zuletzt bundesweit Thema, als Julia Engelmann dort Carpe Diem in naive, deutsche Worte übersetzte. Es sind eigentlich verschwitzte Veranstaltungen, wo auf jedes vorgetragene Gedicht drei Pils kommen, und wo Typen, die zu schüchtern sind für Hip-Hop und noch nicht bereit für ihren ersten Roman, Texte vortragen. Abdollahi entwickelte daraus eine Veranstaltung, die regelmäßig die größten Theatersäle der Stadt ausverkauft. 1000 Plätze, Plüsch und Loge.

Ähnlich anarchisch wie Pocher oder Schlegl

Aus etwas eher Derbem etwas Feines machen - was Abdollahi für den Slam gelang, macht er nun für den Straßenreporter. Ähnlich anarchisch wie Joko und Klaas, Tobias Schlegl, Oliver Pocher, oder wie all die blonden Jungs nun heißen, aber ohne die Klassenkasper-Hysterie. Die Rolle des freundlichen Neubürgers hatte vor ihm zwar schon Emmanuel Peterfalvi als begriffsstutziger Umfrage-Heini Alfons bei Extra 3, aber Abdollahis Fragen sind weniger bösartig. Fragt Alfons "Hätten sie eine Multikulti-Gesellschaft lieber mit Ausländern oder nur mit Deutschen?", antworten die Menschen: "Nur mit Deutschen." Abdollahi stellt sich, wie gesagt, lieber mit einem "Ich bin Muslim"-Schild in die Fußgänger-Zone und wartet was passiert.

Und das, was dann passierte, ist relevant. Weil dieses Schild eben nicht nur witzig ist, sondern eine Reaktion auf die große Collage aus Abers, die in der Mitte der deutschen Gesellschaft umherraunen: Ich habe nichts gegen Ausländer/Flüchtlinge/Muslime, aber . . . "Die Menschen haben ein großes Bedürfnis über dieses Aber zu sprechen", sagt Abdollahi.

Mit dem Muslimschild über dem Kopf bot er den Aberpredigern eine ideale Einladung. "Selbstsprengungen, dass kleine Kinder abgerichtet werden, das gibt es sonst in keiner Glaubensrichtung, aber das gibt es hier. Und darüber, sollten Sie mal nachdenken." - der weißhaarige Herr zeigt im Wechsel auf das Schild und Abdollahi und dreht sich zum Gehen, wie einer, der einem Kind mitgeteilt hat, dass es selber Schuld ist, wenn es ohne Nachtisch ins Bett muss.

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"Sie sprechen so gut Deutsch, man denkt, Sie sind ein Deutscher", sagt die Dame mit den blonden Strähnchen. "Oh, Danke." "Sind sie hier geboren?" "Nein", sagt Abdollahi und strahlt und schweigt. Auf das geduldige Erklären, dass es deutsche Muslime, ebenso wie im Iran geborene Deutsche gibt, verzichtet er. Ein kurzes Filmchen, fünf Minuten, das das Herumgeeier auf den Punkt bringt, in das viele Deutschen geraten, wenn sie versuchen zu begreifen, dass das Land in dem sie leben, sich geändert hat, und weiter ändern wird und muss.

Abdollahi werden fünf Minuten in Zukunft nicht mehr ausreichen. Der nächste logische Schritt, sagt er, sei eine eigene Show. "Ich bin arrogant genug, um zu wissen, dass ich das kann." Eine Late-Night soll es werden, Harald Schmidt als ungefähre Zielmarke. Die Frage sei nicht mehr ob, sondern wann.