Fernsehkritikerin Ponkie "Es ist zum großen Teil läppisch"

Die Kritikerin mit der Fliegenbrille: Ilse Kümpfel-Schliekmann alias "Ponkie" in ihrem Wohnzimmer in München-Solln. Auf dem kleinen Foto sieht man Helmut Dietl (l.) und Helmut Fischer am selben Ort.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Ponkie ist die dienstälteste Fernsehkritikerin Deutschlands: Ihre Kolumne erscheint seit 1956 in der "Abendzeitung". An diesem Samstag wird sie 90 Jahre alt. Ein Treffen in München.

Interview von David Denk und Benedikt Frank

Der Spitzname steht sogar auf dem Klingelschild des Einfamilienhäuschens in München-Solln - ihr Pseudonym, unter dem Ilse Kümpfel-Schliekmann, Jahrgang 1926, seit unfassbaren sechs Jahrzehnten Film- und Fernsehkritiken für die Münchner Abendzeitung schreibt: Ponkie. Dass sie mit dem Grimme-Preis für ihr Lebenswerk geehrt wurde, ist auch schon wieder 25 Jahre her. Und Ponkie schreibt weiter: Drei Mal pro Woche erscheint ihre Kolumne "Ponkie sieht fern". Ponkie ist eine Marke, wegen ihrer pointenreichen Schreibe und nicht zuletzt wegen der stubenfliegenartigen Brille, die sie auch trägt, als sie im braunen Samthausanzug zum Interview empfängt. Eigentlich meidet Ponkie die Öffentlichkeit, seit die Beine nicht mehr so mitspielen umso mehr, aber angesichts ihres 90. Geburtstags macht sie eine Ausnahme. In der engen Sitzgruppe im Wohnzimmer, in der auch eine Enkelin von Ponkie und eine der Schwiegertöchter Platz nehmen, gibt's Kuchen und Tee. Die Schwiegertochter stellt ihr iPhone auf den Flügel daneben und filmt das Gespräch fürs Familienarchiv.

SZ: Ponkie, angeblich erleben wir derzeit das "goldene Zeitalter des Fernsehens". Können Sie das als langjährige Beobachterin des Mediums unterschreiben?

Ponkie: Das habe ich ja noch nie gehört. Wenn ich nach dem gehe, was ich im deutschen Fernsehen sehe, finde ich das so golden nicht.

Es geht vor allem darum, dass sich in den USA Drehbuchautoren, Regisseure und Schauspieler vom Kino ab- und dem Fernsehen zuwenden.

Davon kommt meinem Eindruck nach wenig im deutschen Fernsehen an.

Aber vor allem im Privatfernsehen laufen doch viele US-Serien.

Das Privatfernsehen klammere ich in meinen Kritiken weitestgehend aus, weil es mir zu albern und zu primitiv ist.

Im Ernst?

Sie können es mir gern als Bildungsbürgerhochmut ankreiden, aber ich finde nicht, dass diese Sender die Wahrnehmung wert sind. Ich halte mich im wesentlichen an die Hauptsendezeiten bei ARD und ZDF. (zur Enkelin, die daraufhin die Fernsehzeitschrift aus dem Nebenraum holt) Was läuft denn heute um 20.15 Uhr?

Im Ersten ein "Commissario Brunetti" nach Donna Leon und im ZDF Lotta und der dicke Brocken.

Ach, Komödien-Scheiße ist das.

Deutsche Komödien sind schwierig?

Ja, alleine, wie die Figuren präsentiert werden! Die Frauen hüpfen meist wie Quiekfiguren umeinander. Es ist zum großen Teil läppisch. Englische Komödien haben dagegen einen ganz anderen Biss. Ich weiß, ich produziere hier gerade Vorurteile, aber die haben ja alle irgendwo ihren Grund.

Auch vom deutschen Unterhaltungsfernsehen halten Sie nicht viel. Was stört Sie daran?

Samstagabendshows sind zum Davonlaufen. Die Macher argumentieren ja zu Recht "Wir machen die Samstagabendshows fürs Publikum und nicht für euch sauertöpfische Fernsehkritiker"; der Grundkonsens, wie man mit dem Publikum umgeht, als wäre es im Kindergarten nämlich, stört mich trotzdem. Da kriege ich Gänsehaut. Das konnte nur einer, nämlich der Gottschalk. Der ist ein Ausnahmetalent gewesen.

Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ein anderer Moderator mit Wetten, dass ..? erfolgreich wäre - und sollten Recht behalten. Ist das eine Genugtuung?

Was heißt Genugtuung? Wenn ich in einen Kinofilm gehe, dann will ich ja auch nicht, dass der schlecht ist, nur damit ich mich drüber aufregen kann.

Aber Verrisse haben doch ihren Reiz.

Ja, aber eigentlich möchte man doch, dass es ein Vergnügen ist - auch im Fernsehen. Aber dem steht die Einstellung der meisten Programmmacher entgegen. Und das sogenannte Publikum ist dämlich genug, das zu wollen, was dann am Bildschirm erscheint.

Ihr Ideal wäre also, dass die Macher dem Publikum mehr zumuten?

Ich würde mir schon wünschen, dass es mehr Wagnisse gibt und weniger Rücksicht auf die sogenannten Sehgewohnheiten des Publikums. Bis in die Siebzigerjahre hinein war das Fernsehen noch ein interessantes Medium. Der Gesamteindruck war: Man kann ab und zu Qualität sehen. Und das ist dann abgeflacht, als das Fernsehen, nicht zuletzt durch die Privatsender, zum reinen Unterhaltungsmedium wurde.

Wann und wie ging das bei Ihnen mit dem professionellen Fernsehen los?

Das muss Anfang der 60er gewesen sein. Der damalige Feuilletonchef der Abendzeitung, Karsten Peters, sagte: "Über Fernsehen muss jetzt auch geschrieben werden. Mach du mal." Dabei hatte ich, wie viele damals, lange die Einstellung: Ein Fernseher kommt mir nicht ins Haus. Fortan klebte das an mir.

Sie schrieben da bereits seit 1956 oder 1957 Kinokritiken. War Fernsehen nicht unter Ihrer Würde?

Nicht soweit es politisch war oder anspruchsvolle Literaturverfilmungen zeigte, und das war damals eben noch häufiger der Fall als heute.

Wie steht es um die Film- und Fernsehkritik in Deutschland?

Also wir waren ja als junge Kritiker alle Schüler von Gunter Groll, damals eine Säule der Süddeutschen. Er war der Papst, allenfalls noch Friedrich Luft in Berlin kam da heran. Er lebte in Münsing am Starnberger See, der Groll war unser Vorbild.

Verzeihung, die Frage war, wie es heute um die Film- und Fernsehkritik steht.

Das weiß ich jetzt gar nicht. Ich lese wenig, weil meine Augen so schlecht sind. Ich brauche immer irgendeinen Sklaven, der so nett ist, mir vorzulesen, was ich mit der Lupe nur mühsam entziffern kann. Ich habe keine Schwierigkeiten, einen Film zu sehen, aber alles, was mit Buchstaben zu tun hat, ist schwierig.

Wie sieht Ponkie fern?

Der Fernseher drüben läuft eigentlich den ganzen Tag. Wenn ich Nachrichten sehen will, schaue ich da auch tagsüber mal vorbei. Ansonsten setze ich mich heute Abend hin und schaue mir Donna Leon an. Da hat man als Kritikerin gute Vergleichsmöglichkeiten: Es waren bessere und weniger gute dabei. Aber von der Grundebene her war das Niveau in Ordnung.

Nüsschen?

Nein, grundsätzlich nicht. Ich habe meistens eine große Kanne Tee neben meinem Fernsehsessel stehen. Aber ansonsten ist es für mich kein großes Vergnügen.

Wann schreiben Sie Ihre Kritiken und wie lange dauert das für gewöhnlich?

Ich bin immer ein Langsamdenker und Langsamschreiber gewesen. Insofern habe ich eigentlich immer mehr Zeit gebraucht, als mir eigentlich zustand für die Arbeit. Und die Kritiken, die die Leute für besonders gelungen halten, sind in der Regel die, die einem nicht so leicht von der Hand gegangen sind.

Wie sieht denn Ihre Schreibroutine aus?

Früher habe ich immer nachts geschrieben, heute setze ich mich morgens um acht hin und bin dann meistens gegen zehn so weit, dass ich den Text mailen kann. Das Mailen ist ja eine ungeheure Erleichterung, man drückt auf den Knopf und dann haben die in der Redaktion ihren Text und ich meine Ruhe.

Wagen es die Kollegen, Ponkie zu redigieren?

Redigieren gibt's nicht. Punkt. Das ist ein Privileg, das ich in der alten Abendzeitung sehr bald hatte und auf das ich heute noch viel Wert lege. Mein Name steht schließlich unter dem Text, und damit trage ich auch die Verantwortung dafür, dass das inhaltlich in Ordnung ist.

Demzufolge liefern Sie immer auf Zeile.

Ich liefere immer auf Zeile, ja.

Wie viele Filmemacher reden wegen einer Kritik nicht mehr mit Ihnen?

Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe die Gesellschaft von Filmemachern eigentlich nie gesucht und nur wenige persönliche Bindungen gehabt. Bei Schauspielern und Regisseuren hat der Kritiker nichts verloren.

Darf man als Kritiker Lieblinge haben?

Ja. Man muss nur so gewissenhaft sein, trotzdem einen objektiven Maßstab anzulegen. Mir war es immer wichtig, dem Dietl ins Gesicht sagen zu können, was ich ganz hervorragend, aber auch was ich misslungen fand.

Seit beinahe 60 Jahren - über die Insolvenz hinaus - halten Sie der Abendzeitung die Treue. Wie erklären Sie sich das?

In der Ära der Verlegerfamilie Friedmann in den 60ern hat da eine Gemeinschaft von Journalisten zusammengefunden, die einfach gut zueinander gepasst haben. Auch heute bin ich voller Respekt für die Kollegen, die sich im Feuilleton abrackern. Die verstehen ihr Handwerk, auch unter widrigen Bedingungen. Mir war immer klar, dass ich nur für eine Zeitung arbeiten kann, die linksliberal ausgerichtet ist. Ich will mich beim Schreiben nicht verbiegen.

Sie schreiben über ein Medium, das sich aus Ihrer Perspektive zu seinem Nachteil verändert hat, leben in einem Bundesland, regiert von einer Partei, von der sie - gelinde gesagt - nicht sonderlich viel halten. Aber Sie sind München und dem Fernsehen immer treu geblieben. Haben Sie eine masochistische Ader?

Masochistisch ist gut, ja. Ich bin ein altes SPD-Mitglied, ich wähle und schreibe sozialdemokratisch. Resignieren jedenfalls kommt nicht infrage.

Wegzuziehen oder nicht mehr über Fernsehen zu schreiben wäre Feigheit vor dem Feind?

Genau, und das machen wir nicht.

Dürfen wir Sie fragen, ob Sie trotzdem manchmal ans Aufhören denken?

Solange meine Texte noch Leser finden und solange die Zeitung mich dafür bezahlt, dass ich meine Stammleser befriedige, solange mache ich das halt. Aber um ehrlich zu sein: Ich kann wahrscheinlich gar nicht aufhören. Da steckt man einfach so drin. Man quatscht ständig drüber. Kritiker zu sein, ist eine Lebensform.

Wenn Ihnen am Anfang Ihrer Karriere jemand gesagt hätte, dass Sie irgendwann die dienstälteste (Fernseh-)Kritikerin Deutschlands sind - was hätten Sie dem erzählt?

Die dienstälteste Fernsehkritikerin - wer soll das sein?

Na, Sie, mit weitem Abstand! Sie schreiben mittlerweile seit 60 Jahren, länger als die meisten Leute überhaupt arbeiten.

Da müsste man vielleicht mal eine Glosse drüber schreiben. Wissen Sie, was ich mache? Ich werde einfach eine Voraus-Glosse schreiben, die die Abendzeitung in zehn Jahren, an meinem 100. Geburtstag, zu drucken hat. (zur Schwiegertochter) Kannst du das mal notieren?