Fernsehjournalismus Sozialismus in Endlosschleife

Die Reporterin Natalia Margarita berichtet zu Jahresbeginn über Proteste von Anhängern eines früheren kolumbianischen Präsidentschaftskandidaten in Bogotá.

(Foto: Luis Acosta/AFP)

Der Sender Telesur ist einst als Nachrichtenkanal angetreten, wollte die freie Stimme Lateinamerikas sein. Mittlerweile ist daraus ein ideologischer Werbesender geworden.

Von Boris Herrmann

Man solle keine politischen Fragen stellen, hieß es im Vorzimmer des Büros von Patricia Villegas. Die Chefin werde sich dazu nicht äußern. Gemessen daran legt die Leiterin des lateinamerikanischen Nachrichtensenders Telesur dann recht politisch los. Etwa so: "Imperialistische Kräfte versuchen, Venezuela zu destabilisieren!" Und so: "Wir befinden uns in einer neuen Phase des Krieges!"

Der Krieg, den sie meint, ist auch ein Me-dienkrieg. Es geht um die Frage, wer die Schuld trägt an der verheerenden Wirt-schaftskrise in dem Ölstaat: Die sozialisti-sche Regierung von Nicolás Maduro oder der Klassenfeind in Washington, der mit der rechtskonservativen venezolanischen Opposition gemeinsame Sache macht? Telesur ist dabei weniger ein Beobachter als ein Protagonist dieses Streites. Denn der Sender ist vor zehn Jahren angetreten, um dem Meinungsmonopol der ewigen Gewinner aus den USA etwas Anspruchsvolles entgegen zu setzen. Von der freien Stimme Lateinamerikas war anfangs die Rede. Wahlweise aber auch vom CNN des Südens oder vom Al-Dschasira der Latinos, Al-Bolívar, was beides nicht freundlich gemeint war. Eine freie Stimme ist der Sender mittlerweile nicht mehr, eher ein sozialistischer Verlautbarungskanal. Und so kennen seine Zuschauer beim aktuellen "Krieg" nur die zweite Variante.

Erst vor kurzem hätten Faschisten ver-sucht, die Sendezentrale von Telesur in Caracas in die Luft zu jagen, sagt Villegas. "Wenn der Anschlag nicht vereitelt worden wäre, dann wären jetzt 800 Leute tot, die hier jeden Tag arbeiten." Diese Anschlagspläne hat es also wirklich gegeben? "Claro", sagt Villegas, "Maduro hat doch die Beweise dafür vorgelegt."

Beweise, nun ja. Es handelte sich um kryptische Fotos und skurrile Wackelvideos, die auch aus einer Satiresendung stammen könnten. Fest steht, dass der krisengeplagte Maduro mal wieder behauptet hatte, im letzten Moment einen Umsturzversuch vereitelt zu haben. Diesmal soll ein aus den USA finanzierter Putschisten-Trupp versucht haben, strategische Ziele aus der Luft zu bombardieren. Darunter den Präsidentenpalast Miraflores sowie die Studios von Telesur. Die Geschichte klang, gelinde gesagt, abenteuerlich. Das sahen nicht nur Regimekritiker so. Selbst Maduros Glaubensbrüder in Kuba, Ecuador und Bolivien schienen zu zweifeln; ihre Solidaritätsbekundungen fielen jedenfalls auffällig knapp aus. Bei Telesur aber wurde der Umsturzplan als reale Bedrohung präsentiert: Caracas kurz vor dem Bombenhagel. "Wir zeigen Dinge, von denen andere so tun, als würden sie nicht existieren", sagt Villegas.

Von der Existenz politischer Gefangener will man bei Telesur nichts wissen

Laut der Telesur-Chefin wütet in Venezuela also ein imperialistischer Wirt-schaftskrieg sowie eine blutrünstige Oppo-sition. Von der Existenz politischer Gefan-gener will sie dagegen nichts wissen. Und die Schlangen vor den Supermärkten? Die lassen sich schwer leugnen. Villegas findet sie "interessant und faszinierend". Dass die Leute für ihre Nahrungsmittel anstehen anstatt gegen die Regierung auf die Straße gehen, das sei weltweit einzigartig und als Solidaritätsbeweis für die bolivarische Revolution zu werten, diese Bewegung für eine Einigkeit und Unabhängigkeit Lateinamerikas im Geiste Simón Bolívars. Ungefähr so hört sich das auch in fast jedem Nachrichtenblock ihres Senders an.

Telesur feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum. Patricia Villegas, 40, die ursprünglich aus Cali in Kolumbien stammt, war schon 2005 als Moderatorin dabei, als Maduros verstorbener Vorgän-ger Hugo Chávez diesem multinationalen Fernsehprojekt seinen Segen gab. Fünf Jahre später stieg sie zur Intendantin auf. Sie sagt: "Telesur ist nicht nur meine Arbeit, das ist mein Leben." Das nimmt man ihr gerne ab, wenn man sieht, wie sie abends um halb acht mit einer Kanne Kaffee gegen ihre Übermüdung ankämpft und wie ihr Sohn Simon neben ihrem Schreibtisch mit Bauklötzchen spielt. Sie geht praktisch nur zum Schlafen nach Hause und wenn die Familie sie sehen will, muss die Familie eben ins Büro kommen. Das Wettrennen um die Deutungshoheit duldet keinen Aufschub.

Telesur hat sich dabei offenbar verrannt. Die einstmals schöne (und längst überfällige) Idee dieses Senders war es, die Welt aus dem Blickwinkel Lateinamerikas zu erzählen, dem Kontinent der sich aufs Verlieren spezialisiert hat, wie der jüngst verstorbene Schriftsteller Eduardo Galeano einmal schrieb. Neben Venezuela beteiligten sich auch Kuba, Argentinien, Bolivien, Ecuador und Uruguay an der Finanzierung. Angesehene linke Intellektuelle wie der Uruguayer Eduardo Galeano oder der argentinische Nobelpreisträger Adolfo Maria Pérez Esquivel ließen sich als Beiräte einspannen. Es war von Anfang an ein politisches Projekt, der erste Sendetag (24. Juli) fiel nicht zufällig mit dem 222. Geburtstag des Befreiers Bolívar zusammen.

Das große Problem fast aller Massenme-dien in Lateinamerika ist, dass es keine Zwischentöne gibt. Nur Gut oder Böse, Rechts oder Links, Schwarz oder Weiß. Telesur verspricht ausdrücklich, die "matizes" zu zeigen, die Graustufen. Tatsächlich hat der Kanal, der neuerdings auch in Washington D.C. zu empfangen ist, in einzelnen Fällen wertvolle journalistische Arbeit geleistet. Etwa bei des Hintergründen des real existieren Putsches in Honduras 2009.

Im Grunde aber ist Telesur heute weniger ein Nachrichtenkanal als ein Dauerwerbesender für den Sozialismus. In einem Blog über internationale Politik wurde eine typische Nachrichtensendung sehr treffend so zusammengefasst: 1. Die Regierung Maduro baut zehn Millionen neue Wohnungen. Alle Menschen jubeln. 2. Russland trifft sich mit Vertretern lateinamerikanischer Staaten. Alle sind sich einig, dass der Westen den Weltfrieden gefährdet. 3. In den USA wurde ein Kind erschossen. Ein Experte erklärt die Grau-samkeit amerikanischer Waffengesetze.

Diese Art von Journalismus hat auch zu Verwerfungen innerhalb des Netzwerkes geführt. Der aus Uruguay stammende Telesur-Gründer Aram Aharonian trat als Vizepräsident zurück. Er kritisiert schon lange, dass der Sender seine Ideale verraten habe, dass er zu einem Sprachrohr der venezolanischen Regierung mit multinationalem Anstrich verkommen sei. Villegas entgegnet auf solche Vorwürfe: "Wir sitzen hier nicht im Konferenzraum und überlegen, wie wir Maduro helfen können." Genau so sieht es aber aus, wenn man Telesur guckt und sich von seinen Social-Media-Angeboten berieseln lässt.

"Wir sind sehr nah dran an dem Sender, von dem wir träumen", sagt Patricia Ville-gas. Wovon sie träumt, das lässt sich an dem Bild erkennen, dass vor ihrem Büro hängt. Es ist ein Porträt von Hugo Chávez. "Por siempre Comandante", steht da. Kommandant für alle Ewigkeit.