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Fernsehfilm:"Wir sind sehr unterschiedlich"

Zwei Regisseure, ein Film - kann das gelingen? Ulrich Köhler und Henner Winckler zeigen mit "Das freiwillige Jahr" ein treffendes Porträt deutscher Befindlichkeit. Ein Gespräch über Arbeit im Duo.

Das freiwillige Jahr

Jette (Maj-Britt Klenke, r.) könnte nach dem Abitur zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr nach Costa Rica aufbrechen – so will das jedenfalls ihr Vater. Sie dagegen würde am liebsten bei ihrer Jugendliebe (Thomas Schubert, l.) bleiben.

(Foto: Sutor Kolonko/WDR)

Gehen oder bleiben? Das ist die Frage, vor der die 19-jährige Jette (Maj-Britt Klenke) nach ihrem Abitur steht. Ihr alleinerziehender Vater (Sebastian Rudolph) drängt sie zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr in Südamerika, doch Jette würde am liebsten bei ihrer Jugendliebe in der deutschen Provinz bleiben. Das freiwillige Jahr zeichnet ein beklemmendes Porträt deutscher Befindlichkeit. Gedreht wurde er unter außergewöhnlichen Umständen: Der Film wurde von zwei Regisseuren gemacht. Ulrich Köhler (In My Room) und Henner Winckler (Lucy) haben ihn geschrieben und inszeniert. Ein Gespräch über ein gelungenes Experiment.

SZ: Sie erzählen von einem Vater, Typ linksliberal, der im Umgang mit der eigenen Tochter gar nicht mehr liberal ist. Was reizte Sie an diesem Stoff?

Ulrich Köhler: Um ehrlich zu sein, stand am Anfang der Wunsch, die Zusammenarbeit mit Henner Winckler auszuprobieren. Dann hat sich ziemlich schnell herauskristallisiert, dass die Elemente, die unsere Biografien verbinden, auch Stoff für einen interessanten Film sein könnten: dass wir beide auf dem Land aufgewachsen sind, dass wir Eltern sind, dass wir Angst haben als Eltern zu versagen.

Henner Winckler: Inwieweit man Kinder zu etwas drängt, das nur den eigenen gescheiterten Träumen geschuldet ist.

Sie haben das Drehbuch gemeinsam geschrieben. Waren Sie schon vor Corona Zoom-erprobt?

Köhler: Mit Google Drive, um noch mehr Werbung für Google zu machen, kann man zeitgleich am selben Dokument arbeiten und sieht, was der andere macht. Das hat sich als gute Form der Zusammenarbeit herausgestellt, weil wir einen unterschiedlichen Lebensrhythmus haben, jeder zu seinem Zeitpunkt arbeiten konnte, ohne komplexe Abgleichungsprozesse.

Sie haben auch gemeinsam Regie geführt. Wie kann das gehen?

Winckler: Wir sind sehr unterschiedlich, was unsere Stärken und Schwächen angeht, das haben wir nicht erst beim Dreh gemerkt. Der große Vorteil war, dass wir eine Probenwoche hatten und auch schon beim Casting ausprobieren konnten, wie man sich die Arbeit am besten aufteilt. Weil unsere Angst natürlich war, dass wir beide gleichzeitig auf die Schauspieler einreden und unterschiedliche Sachen sagen.

Wer hat am Ende was gemacht?

Köhler: Die Erfahrung lehrt, dass einem von außen betrachtet Entscheidungsprozesse sehr viel leichter fallen. Das war bei uns die Grundidee: dass einer am Monitor sitzen kann und nicht so unter dem Druck steht, sofort reagieren zu müssen, während der andere mit den Schauspielern kommuniziert oder mit dem Kameramann. Einfach schon auf Grund der Tatsache, dass ich in diesem Fall der Erfahrenere war, weil ich eineinhalb Jahre zuvor In My Room gedreht hatte, habe ich oft das direkte, schnelle Kommunizieren übernommen. Henner war häufiger hinter dem Monitor.

Wie war die Motivsuche?

Köhler: Henner und ich haben sehr viel Zeit im Hochsommer in einem sehr kleinen Auto verbracht und nach Einfamilienhäusern gesucht.

Winckler: Wir haben eine Landschaft gesucht, die für uns eine typische westdeutsche Provinz bedeutet und ein Haus, in dem man sich eine glückliche Kindheit vorstellen kann. Das für ein 20-jähriges Mädchen aber nicht mehr das ideale Zuhause ist.

Locarno Film Festival 2019

"Man sieht ja nie, wie andere Regisseure arbeiten": Ulrich Köhler (links) und Henner Winckler haben ein Experiment gewagt.

(Foto: Urs Flueeler/dpa)

War es anders, fürs Fernsehen zu drehen?

Köhler: Auf einer psychologischen Ebene war es für mich schon anders. Zum einen weil die Verantwortung geteilt war und zweitens, weil mein persönlicher Hang zum Perfektionismus und zum Kontrollierenwollen gebremst war und ich mich befreiter gefühlt habe.

Winckler: Weil es Fernsehen war, oder weil es ein gemeinsames Projekt war?

Köhler: Die Verantwortung war kleiner und dadurch die Risikobereitschaft größer.

Winckler: Bei mir auch, aber nicht unbedingt, weil es Fernsehen war, sondern weil klar war, dass es etwas Experimentelles hat, so etwas zusammen zu machen.

(an Köhler) Ihre Filme waren früher sehr durchkomponiert.

Köhler: Ja, das hat sich geändert, ich suche zunehmend Situationen, in denen der Kontrollfreak in mir ausgehebelt wird. Etwa ein Drittel von Das freiwillige Jahr spielen im Auto, da sind die Kontrollmöglichkeiten sehr beschränkt, auch weil wir mit real fahrenden Darstellern gedreht haben. Außerdem war die Notwendigkeit von Kontrolle geringer, weil wir im Vergleich zu anderen Filmen höher aufgelöst haben, also die Szenen mit vielen Einstellungen gedreht haben. Im Schnitt kann man noch viele Probleme lösen, die man bei einer Plansequenz nicht mehr lösen kann.

Sie haben oft lange ungeschnittene Einstellungen, also Plansequenzen, gedreht. Fiel der Abschied davon schwer?

Köhler: Eigentlich nicht. Allerdings fiel es mir schwer zu akzeptieren, dass Einstellungen nicht so perfekt sein müssen wie Plansequenzen.

Winckler: Ein Unterschied zu meinen anderen Filmen war, dass wir bei den Proben improvisiert haben. Die Schauspieler bekamen ein Drehbuch ohne Dialoge, wir haben in der Probenwoche die Szenen durchgespielt und das Ergebnis eingearbeitet. Das war ein interessanter Arbeitsprozess.

Nach welchen Kriterien haben Sie die Schauspieler ausgesucht?

Winckler: Wir haben nach einer Konstellation gesucht, die uns berührt, bei der wir die Übergriffigkeit des Vaters glauben und man trotzdem mit ihm sympathisieren kann. Bei der Tochter hatten wir eigentlich einen etwas anderen Charakter im Kopf, jemanden, der sich alles gefallen lässt, vom Vater und vom Freund. Die Stärke, die Maj-Britt eingebracht hat in die Figur, hat uns am Anfang überrascht. Aber dadurch wurde sie komplexer und interessanter.

Köhler: Wenn man nicht nach Typ besetzt, hat man sofort eine spannendere Konstellation.

Wer ist die Hauptfigur des Films, der Vater oder die Tochter?

Winckler: Eine gute Frage. Je nachdem, wer den Film schaut, würde ich sagen.

Köhler: Henner und ich beraten manchmal andere Menschen in Sachen Dramaturgie. Und eigentlich sagen wir immer, wenn ein Autor diese Frage nicht beantworten kann, ist das Drehbuch nicht gut. Aber es gibt Gegenbeispiele. Oder Fälle, in denen der Autor die Frage vor dem Dreh anders beantwortet hätte als nachher.

Wird es noch eine weitere Zusammenarbeit von Ihnen beiden geben?

Köhler: Wir haben darüber noch nicht geredet, ich würde es nicht ausschließen.

Winckler: Ich fand es total lehrreich, man sieht ja nie, wie andere Regisseure arbeiten.

Arbeitet eigentlich einer von Ihnen an einem Corona-Film?

Winckler: Mein erster Impuls war schon, auf die Situation zu reagieren und in den leeren Straßen etwas zu drehen. Aber ein Drehbuch zu schreiben, wäre mir schwer gefallen, wo man das noch gar nicht richtig begriffen hat.

Köhler: Filme müssen nicht tagesaktuell politisch sein. Auch während des Ersten Weltkriegs sind von Monet ganz tolle Seerosen-Bilder entstanden.

Das freiwillige Jahr. Das Erste, 20.15 Uhr.

© SZ vom 27.05.2020
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