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Fernsehfilm:Spiel mir das Lied vom Pullunder

13 Uhr mittags

Showdown in Hedly mit (v.l.) Arnel Taci, Thomas Arnold, Milton Welsh, Rosalie Thomass und Jörg Schüttauf.

(Foto: Gordon Timpen/NDR)

Schrulliger Norden und Wilder Westen treffen im ARD-Film "13 Uhr mittags" sehr hübsch aufeinander.

Kaum ein Kleidungsstück verrät so viel über seinen Träger wie der Pullunder. Einen Pullunder trägt man nicht zufällig, ein Pullunder ist ein Statement, zeugt von einer Einstellung zum Leben, in der Gemütlichkeit eine - nun ja - tragende Rolle spielt. Wer Pullunder trägt, lässt es ruhig angehen. Aber so eindeutig wie der Pullunder als Kleidungsstück besetzt ist, kann Pullundertragen natürlich auch eine Finte sein, ein Täuschungsmanöver, so wie das brave Schleifchen an der Bluse der attraktiven LKA-Beamtin mit dem mondänen Namen Gracia Keller (Rosalie Thomass), die plötzlich im norddeutschen Kaff Hedly auftaucht und den Leiter der örtlichen Polizeidienststelle, Olaf Gabriel (Jörg Schüttauf), mit ihren ganzen Fragen zunehmend in Bedrängnis bringt.

Dieser Gabriel ist - das kommt nach der Vorrede womöglich nicht völlig überraschend - eingefleischter Pullunderträger. Das ist sein Freizeitlook, in dem er so schnell wie möglich raus will aus Hedly. Gabriel hat gekündigt, er möchte sich zur Ruhe setzen, mit seinem Wohnmobil auf Reisen gehen. Gut, das kann man ihm kaum verdenken angesichts eines Dorfes, in dem ein rassistischer Gastwirt und ein antiker Schienenbus, der Hedly einmal pro Stunde mit der Außenwelt verbindet, die größten Attraktionen sind. Dummerweise verbindet das Gefährt die Außenwelt aber auch einmal die Stunde mit Hedly, und von dort naht Ungemach mit dem 13-Uhr-Zug: Der am Morgen aus der Haft entlassene Simon Held (Thomas Arnold) ist mit seinen Getreuen unterwegs, um sich an Gabriel zu rächen, den Held für den Mörder seines nach einem gemeinsamen Banküberfall gestorbenen Bruders hält. Und dann ist da noch die Sache mit der verschwundenen Beute. Nur zu verständlich, dass Gabriel nicht mehr zu Hause sein möchte, wenn so ein Besuch vor der Tür steht, oder etwa nicht? Doch sein Nachfolger lässt auf sich warten.

13 Uhr mittags ist ein besonderer "Mittwochsfilm" im Ersten: zum einen weil andere Genres als Krimi und Komödie im deutschen Fernsehen einen schweren Stand haben, als schwer vermittelbar gelten, und 13 Uhr mittags nimmt, wie der Titel schon andeutet, unverkennbar Anleihen beim Western. Angefangen mit dem gelbstichigen Prärie-Look über die Bedrohung von außen bis hin zum finalen Showdown. Und mittendrin ein luschig wirkender Dorfsheriff und Paragrafenreiter, der von den Umständen gezwungen wird, über sich selbst hinauszuwachsen. Wenn Gabriel die Tochter des versoffenen Bestatters (Katharina Behrens als spätes Mädchen ohne Führer-, aber mit Waffenschein) nicht an seiner Seite wüsste, wäre er aufgeschmissen.

Regisseurin und Kamerafrau sind Zwillinge, sie würden gern als "Plura-Twins" berühmt

Bemerkenswert ist zudem, dass zwei ehrgeizige Zwillingsschwestern, Martina und Monika Plura, Jahrgang 1985, 13 Uhr mittags gedreht haben: Es ist der zweite gemeinsame Spielfilm der Regisseurin Martina und der Kamerafrau Monika, die ihre Zusammenarbeit ausbauen wollen. "Unser Ziel ist es, ein bisschen wie die Coen-Brüder uns als Plura-Twins einen Namen zu machen", sagen sie. Mit 13 Uhr mittags, dieser schwarzhumorigen Mischung aus schrulligem Norden und Wildem Westen, ist ein stilsicherer, vielversprechender Anfang gemacht. Ob es nicht vielleicht sogar noch ein bisschen durchgeknallter hätte werden dürfen, ist eine Geschmacksfrage. So fällt 13 Uhr mittags (Buch: Klaus Burck) zwar aus dem Rahmen - aber auch kein Zuschauer in Ohnmacht.

Rückgrat des Films ist das Dreieck der Hauptfiguren, die mit Jörg Schüttauf und Rosalie Thomass von zwei sehr bekannten deutschen Schauspielern verkörpert werden, und mit Thomas Arnold von einem (derzeit noch) weniger bekannten. Während Schüttaufs Gabriel Unsicherheit und aufsteigende Panik klein zu labern versucht, braucht Arnolds Held nicht viele Worte, um den Führungsanspruch in seiner Gang zu behaupten. Er verleiht der Figur eine Aura stiller Entschlossenheit - zum Fürchten! Auch in den Nebenrollen (Casting: Marion Haack) bekommen nicht nur die üblichen Verdächtigen eine Chance, was den erfrischenden Eindruck abrundet, den 13 Uhr mittags hinterlässt. Noch nicht mal die Musik nervt, die tatsächlich meistens so klingt, wie der Komponist Daniel Hoffknecht seinen Ansatz beschreibt: als würde "ein alter Mann auf seiner Veranda sitzen und zu dem Film spielen".

13 Uhr mittags, Das Erste, Mittwoch, 20.15 Uhr.