Süddeutsche Zeitung

Talkmaster Domian:Die Chance nutzen, die er nicht hat

  • 20 Jahre lang war der Kult-Moderator Jürgen Domian mit seiner nächtlichen Anrufsendung im WDR zu sehen.
  • Nun kehrt der Talkmaster nach einer schöpferischen Pause zurück ins Fernsehen.
  • Die Chancen auf einen Erfolg stehen schlecht: Nur vier Ausgaben wird es vorerst geben. Beeinflussen lässt sich Domian davon nicht.

Im WDR kursieren immer noch diese tollen Geschichten von der früher eher unkonventionellen Genehmigungskultur. Gerne wird erzählt, wie in den Siebzigern der Rockpalast-Redakteur Peter Rüchel zu seinem Chef ging und vorschlug, ein Musikfestival als Rockpalast-Nacht live in etliche Eurovisionsländer zu übertragen. Antwort: "Peter, das ist eine gute Idee." Auch Jürgen von der Lippe hat solch eine Geschichte parat. Als er Ende der Achtziger mit Donnerlippchen aufhören wollte, sagte ihm der WDR-Showchef: "Dann lassen Sie sich mal was einfallen."

Es folgten zwölf Jahre Geld oder Liebe. Einen ähnlichen Freifahrtschein bekam Jürgen Domian Mitte der Neunziger vom damaligen Intendanten mit auf den Weg: "Halten Sie sich an die Gesetze, und machen Sie, was Sie wollen", sagte Fritz Pleitgen, als er den Plan einer nächtlichen Anrufsendung genehmigte. Die Sendung hieß wie der Moderator, lief über 20 Jahre und war in ihrer Einzigartigkeit so etwas wie ein Vorläufer der heute boomenden Podcasts.

Man hört die Geschichte mit Erstaunen, weil man sich dieser Tage kaum noch vorstellen kann, dass Wünsche im WDR so lapidar erfüllt werden. Man kann das Erstaunen doppelt gut verstehen, wenn man schaut, wie zaghaft der WDR heute neue Sendungen anschiebt: Da entschließt sich Jürgen Domian, seine Karriere als Talker fortzusetzen, nicht mehr nur im Radio und im nächtlichen Tele-Abseits, sondern auf einem halbwegs prominenten Sendeplatz nach dem Kölner Treff, und was lässt ihn der WDR machen? Vier Sendungen. Schlappe vier Ausgaben Domian live hat man ihm vorerst genehmigt.

Kaum eine Chance auf Erfolg

Glücklicherweise lässt sich der Namensgeber der Sendung davon nicht beeinflussen. Er ist menschenfreundlich und neugierig wie immer, und er weiß, auf welchen Apparat er sich einlässt. Er weiß wahrscheinlich auch, dass er nur eine kleine Chance hat, das neue Format auf so kurzer Distanz zum Erfolg zu führen. Aber er will die Chance nutzen, die er eigentlich nicht hat.

"Für mich ist es reizvoll, dass ich meine Gäste endlich mal sehen kann", sagt er der SZ und betont, dass jede Sendung für ihn eine Art Überraschungsei wird. Er kennt die Gäste, die ihm die Redaktion zuführt, vorher nicht. Er muss sich einlassen auf kleine und große Probleme, sich einfühlen, spüren, wo die Dinge im Argen liegen. Dass er das gut kann, steht außer Zweifel. Ob es in der WDR-Kantine funktioniert, wo die Sendung nach den Essenszeiten produziert wird, muss sich zeigen.

Es sei eine behutsame Weiterentwicklung der Nachtsendung, sagt Jürgen Domian und hält das Themenspektrum bewusst weit offen: "Man kann über alles reden, solange man reden kann." Dass er das kann, muss der 61-Jährige nicht mehr beweisen. Dafür hat er lange genug einen zweiten weisen Rat des damaligen Intendanten beherzigt. "Reden Sie so mit den Leuten, als wäre es privat", hat Fritz Pleitgen ihm gesagt und in Jürgen Domian damit recht nachhaltig eine Erkenntnis implementiert. "Man braucht für ein solches Format starke Chefs", sagt der Talkmaster.

Domian live, WDR, Freitag 23.30 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 08.11.2019
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