bedeckt München 29°

Fernsehen und soziale Medien:Operation Shitstorm

Neuaufnahmen im Duden

"Shitstorm" wurde 2013 neu in den Duden aufgenommen. Die heiklen Kommentare in Internetportalen beschäftigten auch die Öffentlich-Rechtlichen.

(Foto: dpa)

Vor wenigen Jahren war die Hemmschwelle für kritische Äußerungen von Lesern und Zuschauern noch hoch. Inzwischen kann jeder ohne großen Aufwand kommentieren, auch anonym. Nicht selten entlädt sich dabei ein Shitstorm. Wie die öffentlich-rechtlichen Sender damit umgehen.

Der bisher vielleicht unangenehmste Tag für die Onlineredaktion des ZDF lag im Frühjahr 2012. Heute-Journal-Anchor Claus Kleber war in den Iran gereist, um den damaligen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad zu befragen, eine ebenso exklusive wie umstrittene Veranstaltung. Was zu kurz kam: dass der Ex-Diktator - irre wie er ist - fleißig den Holocaust leugnet. Über Kleber entlud sich ein "Shitstorm", ein Sturm voll Scheiße.

"Nachdem wir das Interview ins Netz gestellt haben, liefen über Nacht 1000 Kommentare auf", erinnert sich Andreas Rother. Er betreut mit einer übersichtlichen Mannschaft die Auftritte des Mainzer Senders in sozialen Netzwerken. Bei Facebook, Twitter, Google Plus und Youtube kann sich erst mal jeder äußern - damit eben auch Propagandisten. Damals bejubelten sie Ahmadinedschad und ließen ihrem antisemitischen Irrsinn freien Lauf.

Meist sei die digitale Kommunikation kein Problem, berichtet Rother, allenfalls mal primitiv. Doch bei politisch heiklem Material wie jenem Aufeinandertreffen in Teheran oder unlängst zur Alternative für Deutschland (AfD) erhalte eine Diskussion rasch Schlagseite. Vor allem auf dem Videoportal Youtube, das vor anonymen Kommentatoren bisher nur so strotzt - hemmungslose Notizen inklusive. Nach den Hass-Attacken auf Klebers Interview hat sich die Redaktion dafür entschieden, neue Einträge dazu manuell zu veröffentlichen.

"Manches dort ist jedenfalls nur schwer zu ertragen"

Keine zehn Jahre ist es her, dass die Hemmschwelle für kritische Äußerungen noch hoch lag: Zuschauer und Leser, die ihre Meinung kundtun wollten, mussten einen Schriftsatz verfassen - erst per klassischem Leserbrief, dann per elektronischer Post. Ob diese Zeilen überhaupt je das Licht der Öffentlichkeit erblicken würden, war außerdem äußert fraglich. Das lag in den Händen der Redaktionen, die so als Zensoren oder Verstärker fungierten.

Inzwischen lässt sich im Netz aber nahezu alles kommentieren. Für Medienmacher ist das Fluch und Segen zugleich. Vor allem der Videodienst Youtube, der Teil der Google-Familie ist, war bisher nicht nur prädestiniert für Belanglosigkeiten ("Erster! ;-P"), sondern auch für Pöbeleien. Die Plattform macht es Nutzern leicht, sich hinter Kunstnamen zu verstecken - mit entsprechenden Folgen für die Debattenkultur unter den einzelnen Clips. "Wenn ich mir eine Stunde lang Kommentare bei Youtube durchlese, habe ich erst mal das Bedürfnis, duschen zu gehen", sagt Rother. "Manches dort ist jedenfalls nur schwer zu ertragen."

Zumindest etwas gemäßigter gehe es bei den anderen Plattformen zu, die als klassische soziale Netzwerke wiederum auf Klarnamen setzen. Aber auch hier können sich Nutzer in die Anonymität flüchten, denn bei der Registrierung fragt schließlich niemand nach einem Personalausweis. Allein der Aufwand für gefälschte Profile ist etwas größer. Deshalb sind bei Facebook und Co. viele tatsächlich mit ihrer wahren Identität unterwegs. Da überlegt man sich zweimal, ob es angebracht ist, ungehalten zu werden. Das fördert Qualität.

Durch wie viele Kommentare sich seine Leute täglich kämpfen müssen, kann Rother nicht genau beziffern. Doch allein auf dem Facebook-Profil der Heute-Nachrichten laufen etwa 300 am Tag auf - es ist ein kleineres von vielen Auftritten des Senders im Web 2.0, in dem Nutzer mitreden können. Die ARD wiederum legt sich für ihren Kanal bei Youtube fest: Ein Mitarbeiter sichte dort pro Monat mehr als 6000 Kommentare, sagt Heidi Schmidt, Chefin von ARD.de, das ebenfalls in Mainz angesiedelt ist. Schmidt bleibt nüchtern: "Häme gegenüber der ARD und harsche Kritik am Rundfunkbeitrag sind uns nicht unbekannt." Gelöscht werde aber nur, wenn Kritik justiziabel werde oder ins Extremistische abrutsche.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite