bedeckt München 23°

Docutainment-Formate:Die Regisseure steuern auf ein Ziel hin: die Darstellung eines Monsters

Was all diese Werke eint: Sie kommen zunächst einmal daher wie objektive, unvoreingenommene Projekte, doch das sind sie nicht. Wer zum Beispiel Surviving R. Kelly ein zweites, drittes, viertes Mal betrachtet, der dürfte bemerken, wie die Regisseure Nigel Bellis und Astral Finnie die Zuschauer emotional steuern und ihn auf das Ziel dieser Serie konditionieren: die Darstellung eines Monsters. Am Ende, da werden die Frauen gefragt, was sie R. Kelly sagen würden, sollte ihm diese Serie gezeigt werden.

Da sitzen Frauen, die über die schlimmsten Momente in ihrem Leben berichtet haben, vor einem schwarzen Hintergrund, es wird ihnen Zeit gegeben zum Nachdenken. Eine sagt: "Wie würdest du dich fühlen, wenn jemand deinen Kindern antun würdest, was du mir angetan hast?" Eine andere: "Ich hoffe, dass er Hilfe bekommt." Lisa Van Allen, die nach eigenen Angaben an der Produktion eines Sexvideos mit einem damals 14-jährigen Mädchen beteiligt gewesen ist, sagt mit Tränen in den Augen: "Er entwickelt sich zu einem immer schlimmeren Wesen. Ich hoffe, dass er endlich aufhört, diese Mädchen zu verletzen."

Die Anklägerinnen bekommen eine öffentliche Plattform, die ihnen bislang nicht gewährt worden ist. Sie erhalten einen Raum, in dem sie sich geborgen fühlen dürfen. Sie können ihre Geschichte, ihre Sicht der Dinge erzählen, ohne dass sogleich unangenehme Fragen gestellt oder sie gar verunglimpft werden - Victim Shaming, das Diskreditieren von Opfern, gehört zu den wichtigsten und moralisch verwerflichsten Strategien von Strafverteidigern und war kürzlich bei der Gerichtsverhandlung gegen den US-Schauspieler Bill Cosby eindrucksvoll zu beobachten. Die Frauen in Surviving R. Kelly müssen sich nicht rechtfertigen oder verteidigen, sie dürfen: erzählen. Nicht zuletzt die "Me Too"-Bewegung hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass Menschen in dieser Situation jemand zuhört. Jemand glaubt. Nicht mit den Frauen in der Dokumentation zu fühlen, ist nahezu unmöglich. Künstlerinnen wie Lady Gaga, Celine Dion und Ciara, die mit Kelly zusammengearbeitet hatten, distanzieren sich nun von ihm, die Staatsanwaltschaften in den US-Bundesstaaten Illinois und Georgia haben neue Ermittlungen eingeleitet.

Es findet eine Art öffentliche Verhandlung statt, eine verfilmte Paralleljustiz

Dokumentarfilme und -serien wie Surviving R. Kelly, Leaving Neverland oder The Jinx werden in den USA aufgrund der Dramatisierung und Zuspitzung auch "Docudrama" genannt, die cineastischen Kniffe der Regisseure sind keineswegs verwerflich. Die erfolgreichsten Dokumentarfilmer - Robert J. Flaherty etwa ( Nanook of the North, 1922), Leni Riefenstahl ( Triumph des Willens, 1935) oder Michael Moore ( Bowling for Columbine, 2002) - haben in ihren Werken inszeniert, bisweilen auch ideologisiert. Die Zuschauer sollten das wissen, und sie sollten wissen, dass die Aussagen der Frauen in Surviving R. Kelly nicht vor Gericht zulässig sind und die Staatsanwaltschaften in Georgia und Illinois deshalb mögliche Zeugen gebeten hat, sich zu melden und offizielle Aussagen zu machen. Die Leute sollten auch wissen, dass Elliot Tebele, Gründer der erfolgreichen Social-Media-Seite "FuckJerry", beim "Fyre Festival" für die Vermarktung auf sozialen Medien verantwortlich war - und dass er nun einer der Produzenten des Netflix-Films Fyre: The Greatest Party That Never Happened ist.

Es ist wichtig, dass es diese Dokumentarfilme und -serien gibt, als Plattformen für Opfer, als Anstoß für Debatten, als Auslöser für Ermittlungen. Diese Werke allerdings erheben jedoch bisweilen nicht nur die Anklage, es findet vielmehr eine Art öffentliche Verhandlung statt, eine verfilmte Paralleljustiz mit oftmals sehr deutlich ausgesprochenen Urteilen - und sie verführen den Zuschauer aufgrund der Dramaturgie dazu, dieses Urteil zu übernehmen, nicht selten verbunden mit dem Hinweis, dass sich Promis ohnehin durchs Justizsystem schlängeln würden, ohne jemals ernsthaft zur Verantwortung gezogen zu werden. Was im Fall von R. Kelly wirklich geschehen ist, müssen allerdings Ermittler klären, die wegen der Aussagen in der Serie ihre Arbeit aufgenommen haben, und es wird irgendwann zu einem Ergebnis und womöglich einem Urteil kommen.

Kriminalität Darum geht es bei den Vorwürfen gegen Bryan Singer

US-Regisseur

Darum geht es bei den Vorwürfen gegen Bryan Singer

Der Regisseur des Films "Bohemian Rhapsody" und mehrerer X-Men-Folgen wird beschuldigt, vor Jahren Minderjährige sexuell missbraucht zu haben. Er streitet die Anschuldigungen ab.   Von Jürgen Schmieder