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Fernsehen:Nie ist Fernsehen so sehr Tapete wie an Silvester

Silvesterstadl aus Graz

Was gibt es da, das man keinesfalls versäumen darf?Den "Silvesterstadl" in der ARD vielleicht, aus Graz gesendet und von Jörg Pilawa moderiert?

(Foto: dpa)

Die Grundfrage am Silvesterabend lautet: Wo geht man hin, wenn es überall furchtbar ist?

Mit der Frage, warum Menschen an Silvester den Fernseher anschalten und warum es da drin dann große Shows gibt, verhält es sich ein bisschen wie mit der Henne-Ei-Problematik. Niemand weiß wirklich, was zuerst da war: der Zuschauer oder die Show. Schauen die Menschen das, was geboten wird, weil sie es wirklich wollen oder einfach nur, weil es da ist und Alternativen fehlen? Und wird das, was die Sender an Silvester abspulen, aus freien Stücken und tiefster Überzeugung produziert, um den Menschen zu verführen, oder nur, weil man vor den Empfangsgeräten Menschen mit entsprechendem Bedarf vermutet? Wie man es dreht, es ist kompliziert.

Es gibt ja die Theorie, dass niemand an Silvester freiwillig fern sieht, dass eigentlich alle lieber unter Menschen wären, Spaß hätten, aber entweder nicht eingeladen wurden oder es schlicht an der Motivation fehlt, sich von den Sofakissen zu lösen. Niemand entscheidet sich demnach in vollem Bewusstsein für das Angebot der großen Sender. Oder kennt irgendjemand irgendwen, der sich in seiner Hör zu oder in seinem Gong angekreuzt hat, dass er zum Jahresende auf keinen Fall verpassen möchte, wie die ARD die traurigen Reste des Musikantenstadls unter dem Tarnnamen "Die Silvestershow mit Jörg Pilawa" verscherbelt? Was gibt es da, das man keinesfalls versäumen darf? Die großen Auftritte der Amigos, von Roberto Blanco, von Bernhard Brink? Oder kann es jemand gar nicht erwarten, die Performance von Yared Dibaba und den Schlickrutschern zu erleben?

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Was ist bei solch einem Angebot die normale Reaktion eines Zuschauers? Richtig, der Griff zur Fernbedienung. Rüber ins Zweite. Dort wartet die Rettung, die möglicherweise keine ist, weil sie in Form von Johannes B. Kerner und Andrea Kiewel daherkommt und Künstler auf dem Zettel hat, die man sonst kaum mal erlebt wie die Höhner, die Spider Murphy Gang oder Oli P.. Und dann flitzt als Ich-mach-für-Geld-alles-Mann noch Lutz van der Horst durch die Menge der Partybiester am Brandenburger Tor und reißt den einen oder anderen Witz.

Im Prinzip wirkt das Silvesterangebot wie eine einzige Werbung fürs Bezahlfernsehen

Ein bisschen muss sich das für den Durchschnittszuschauer anfühlen, als habe der Erfinder der Zwickmühle just ihn zum Versuchskaninchen erkoren. Die Grundfrage am Silvesterabend lautet: Wo geht man hin, wenn es überall furchtbar ist?

Zu den Privaten. Na klar. Etwas Besseres als den Quatsch finden wir überall, hätten sich wohl die Bremer Stadtmusikanten gesagt und wären, zack, in Olli Geissens Beliebigkeitsfalle gerannt. Die heißt natürlich nicht Beliebigkeitsfalle, sondern "Die ultimative Chart Show" und flutscht in der gleitcremigen Geissen-Art durch die beliebtesten deutschen Singles der letzten 40 Jahre. Mit von der Party sind unter anderen Peter Maffay, Adel Tawil und Kerstin Ott. Und natürlich die zaubernden Ehrlich Brothers, ohne deren Anwesenheit ein RTL-Showprogramm ja quasi ungültig ist.

Sat.1 hat sich längst ergeben und zeigt kostengünstig bereits gesendete Sketch-Comedy-Formate, während Pro Sieben ein paar Filmschinken erneut in die Auslage presst.

Nicht mal für die genaue Uhrzeit braucht man das Fernsehen mehr

Im Prinzip wirkt das Silvesterangebot wie eine einzige Werbung fürs Bezahlfernsehen. Spricht man Menschen aus Sendern auf diese kollektive Qualitätsverweigerung an, dann zucken sie meist mit den Schultern und reden sich raus mit dem Argument, dass es der Zuschauer nicht anders wolle und dass ja an Silvester eh niemand hinschaut.

Vorbei die Zeiten, da in den Sechzigerjahren alle zwei Jahre zu Silvester "Schimpf vor Zwölf" lief, der kabarettistische Jahresrückblick der Münchner Lach- und Schießgesellschaft. Bissig, aktuell, lange vorbei.

Vorbei auch die Zeiten, da das Fernsehen in Ermangelung wirklich genau gehender Uhren spätestens kurz vor Zwölf angeschaltet und als Zeitreferenz genutzt wurde. In Zeiten digitaler Allgegenwärtigkeit von Chronometern ist das völlig überflüssig geworden.