Fernsehen Kochsendungen sind wie Pornographie

Die Küchenschlacht: Johann Lafer mit Gast Nina Maier.

(Foto: ZDF und Gunnar Nicolaus)

Man sieht die Stars des kulinarischen Hardcores zwar in voller Aktion, nimmt ihnen die Leidenschaft aber nicht ab. Stattdessen gibt es Belehrungen aller Art.

Gastbeitrag von Karl-Markus Gauß

Kürzlich hatte die Magengrippe, die seit Wochen im Land umging, auch mich niedergeworfen, und wie immer in solchen Fällen habe ich mir vom Hausarzt einen Fernsehtag verschreiben lassen. Denn nichts lenkt von Übelkeit und ziehendem Schmerz besser ab, als von früh bis spät von einer Kochsendung zur nächsten zu zappen. Wer sich noch nie auf diese Weise kuriert hat, wird es nicht glauben, aber man findet von der Früh bis Mitternacht immer einen Sender, in dem gerade Gemüse geschnitten, Fisch filetiert, Fleisch angebraten und als Beilage eine Portion gut durchgekochter Lebenszuversicht serviert wird.

Bis Mittag geht es eher volksbildnerisch zu, als müssten Langzeitarbeitslose, Pensionisten und Magenkranke, die sich zu diesen Stunden vor dem Fernseher versammeln, endlich in die Geheimnisse des Hobelns von Trüffeln eingeführt werden. Später am Tag springen die Artisten der Kochkunst hingegen gern verwegen durch ihre Zirkusküchen. Der Fernsehkoch von heute ist nämlich nicht mehr der beleibte Genießer der Fünfziger- und Sechzigerjahre, der sich ausdrücklich an die Hausfrau wandte, um sie davon zu unterrichten, was dem werten Gemahl nach den Hungerjahren zu einer wachsenden Wampe verhilft. Ebenso wenig hat er aber auch mit dem kochenden Fitnesstrainer zu tun, der vor fünf, zehn Jahren den Kochlöffel drohend schwang, als wollte er die Fernsehgemeinde nicht zum Essen verführen, sondern zur Einsicht bekehren, dass das richtige Leben eine Frage der richtigen Diät wäre.

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Nein, die Fernsehköche pflegen mittlerweile geradeso aufzutreten, wie man sich einen Künstler oder Abenteurer vorstellen mag: Ihr flackernder Blick in Töpfe und Kameras zeugt von Genialität, der Bart ist kühn gezwirbelt und der Haarschopf statt von der Kochmütze unter einem Piratentuch verborgen. Kurz, in der medialen Fernsehküche tummeln sich lauter radikale Individualisten, die in ihrer pflichteifrigen Zwangswitzelei kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind. Bei so viel Trash und Comedy haben es jene schwer, die auf brachial gute Laune verzichten; wie etwa der herrlich unaufgeregte Vincent Klink, der seine Arbeit in der Küche mit Witz und kulturhistorischem Wissen kommentiert und übrigens bezaubernde Bücher wie "Ein Bauch spaziert durch Paris" verfasst hat.

Freilich wird niemand dazu genötigt, sich der täglichen "Küchenschlacht" - so der Titel einer seit Jahren beliebten Kochshow - zu stellen. In dieser treten von Montag bis Freitag im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das schließlich seinem Bildungsauftrag nachzukommen hat, gelehrige Kochschüler jeden Alters unter der wachsamen Autorität eines Sternekochs gegeneinander an. Was sie auf den Teller bringen, wird dann von einem Juror gekostet und bewertet. Die öffentliche Kostprobe, auf die die Sendung dramaturgisch zuläuft, gerät meist zum sprachlichen Desaster, denn was den Juroren, nachdem sie das Fleisch vorsichtig von den Knochen geschabt und es sich häppchenweise einverleibt haben, an ultimativem Lob einfällt, ist meistens nur: "lecker". Was nicht lecker geraten ist, fällt hingegen unter das Verdikt: "nicht besonders lecker". Solcher sprachlicher Feinsinn wird aufgeboten, um den deutschen Geschmackssinn zu verfeinern.

Wo die Wörter fehlen, können auch die Bilder nicht vermitteln, worum es beim Kochen und Essen geht: den sinnlichen Reiz des Zubereitens, den Genuss des Verzehrens. Was Reiz und Genuss anbelangt, handelt es sich bei den Kochsendungen um reine Pornografie, die bekanntlich nicht eben die Hohe Schule der Liebeskunst vermittelt. Wir sehen die Stars des kulinarischen Hardcores zwar in voller Aktion, aber die Leidenschaft, die sie mimen, nehmen wir ihnen nicht ab.

Den Zuschauern wird sozial rohe Kost serviert: Lebensmittel, die für sie unerschwinglich sind

Dass die Küchenpädagogik so beliebt geworden ist, hat weniger mit Lebenskunst als mit sozialer Belehrung zu tun. Die populärsten Kochsendungen sind ausgerechnet jene, bei denen man einer ganzen Kochmannschaft, bestehend aus Starköchen und sogenannten Prominenten, dabei zusehen kann, wie sie vor einem folgsam applaudierenden Studiopublikum irgendwelche Menüs zubereitet, die kaum einer wird nachkochen können oder wollen.

Geht man davon aus, dass es nicht gerade die Gutverdiener sind, die tagsüber vor dem Fernseher sitzen, verblüfft es, wie weit die Kochshows an der sozialen Lage und den finanziellen Mitteln ihres Publikums vorbeiproduziert werden: Da kommen nur die teuersten Stücke Fleisch, von weit her eingeflogener Fisch, Muscheln von extra Güte samt exotischen Beilagen auf den Tisch, die sich die allermeisten Zuseher keineswegs leisten werden. Was das betrifft, wird den Leuten in den Kochshows eine spezielle Form von Rohkost, sozial roher Kost, serviert, als gälte es in ihnen die Sehnsucht just nach Dingen zu wecken, die für sie nicht erschwinglich sind. Das Leben ist ein Traumschiff, auf dem andere durch die Südsee fahren.

Das Format der Kochshow bietet den Sendern auch die günstige Gelegenheit, dieselbe ambulante Truppe von bereits aus dem Fernsehen bekannten Gesichtern noch einmal zu verwerten. Kaum dass die Kochshow zu Ende ist, begegnen wir ihnen allen in irgendeiner Talkshow wieder, wo sie als ausgewiesene Unkenner über die Reform des Sozialstaats, die Krise des Finanzsystems, die Überalterung der Gesellschaft, das transatlantische Verhältnis schwadronieren. Denn nach dem Essen kommt die Moral. Aber vorher wird im Fernsehen so viel gekocht, wie man auch ohne Mageninfektion unmöglich vertragen kann.

Kolumne von Karl-Markus Gauß
Gauß

Karl-Markus Gauß, geboren 1954 in Salzburg, ist österreichischer Schriftsteller und Essayist. Er ist Herausgeber der Zeitschrift "Literatur und Kritik" und Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Alle Kolumnen von ihm lesen Sie hier.