Fernsehen Holztisch und Fähre

Nachdem er mit 15 „Schuld und Sühne“ gelesen hatte, stand für Paul Auster fest, Schriftsteller zu werden.

(Foto: Luis Alvarez/dpa)

Ist das noch sein Leben oder schon Fiktion? Arte zeigt ein flirrendes Porträt über den amerikanischen Schriftsteller Paul Auster.

Von Anke Sterneborg

Was wäre wenn? Wie viele verschiedene Möglichkeiten stecken in einem einzigen Leben? Diesen Gedanken hat Paul Auster in seinem 2017 erschienenen Roman "4321" durchgespielt, in dem er seinen Helden, Archie Ferguson in vier verschiedene Versionen splittet. Mal ist er Baseballspieler, mal Übersetzer, mal Schriftsteller. "Ich bin nicht Ferguson", sagt der Autor über seinen multiplen Helden, der Geburtsjahr und Wohnorte mit ihm gemeinsam hat: "Die vier Figuren teilen sich die Chronologie und die Geografie mit mir. Aber sie sind völlig andere Persönlichkeiten." Die Berührungs- und Schnittpunkte zwischen den Lebensläufen nutzt Sabine Lidl in ihrem sehr besonderen Portrait Paul Auster - Was wäre wenn für ein vielschichtig oszillierendes Spiel. Statt sich von der Wiege bis zur Bahre chronologisch abzuarbeiten, knüpft sie assoziative Verbindungen zwischen Leben und Werk, zwischen Realität und Fiktion, die sich im Film inhaltlich und formal in ganz ähnlicher Weise durchdringen, wie in den Romanen von Auster.

Lidl begleitet den Autor, löst sich aber auch immer wieder von ihm. Die Szenen, die sie in seiner Heimatstadt New York gedreht hat, illustrieren die Texte nicht, sie treten in einen flirrenden Dialog mit ihnen, zusammen mit Home Movies und Fotos aus der Studentenzeit. Wenn der Schauspieler Aaron Altaras durch New York streift, an der Schreibmaschine vor dem Fenster tippt oder sinnend an Deck einer Fähre steht, dann ist er immer zugleich Ferguson und Auster. Wenn der Autor zuhause am schweren Holztisch sitzt und mal aus seinem Buch liest, mal aus seinem Leben erzählt, entsteht ein dichtes Geflecht von Informationen, über künstlerische Initiation, über den Schaffensprozess, aber auch seine konkrete Arbeitsweise und darüber, wie seine Ansichten über das Leben, die Liebe und sein Land in seine Werke einfließen. Schon als neunjähriger Junge hatte er ein Schlüsselerlebnis, als ihn die ersten Frühlingsgefühle zu einem Gedicht inspirieren, das wohl nicht sonderlich gut war, ihm aber doch die Erfahrung gab, tiefer mit der Welt verbunden zu sein, indem er sie in Worte fasste. Als er dann mit fünfzehn "Schuld und Sühne" von Dostojewski las, war es endgültig besiegelt: "Das hat mich so berührt, aufgewühlt, erschüttert und inspiriert, dass ich augenblicklich wusste: Wenn ein Roman das kann, dann will ich Romane schreiben."

Sein Schreibprozess sei ein körperlicher Akt, vergleichbar mit Atmen und Laufen

Zur Unterstützung hat sich die Regisseurin allen voran die Ehefrau und Schriftstellerin Siri Hustvedt geholt, die den Schreibprozess als körperlichen Akt beschreibt, als Rhythmus, der mit dem Atmen und Laufen vergleichbar sei. Aber auch befreundete Künstler, wie die Fotografin Donata Wenders und den Maler Sam Messer. Der hat Austers Schreibmaschine in einer Serie von Bildern auf überraschende Weise als Persönlichkeit porträtiert, als lebenden Organismus mit ganz unterschiedlichen Gefühlen, Stimmungen und Leidenschaften.

Erstaunlich, wie nah man dem 72-jährigen Autor in 55 Minuten kommen kann, wie viele Gedanken so ein kleines Porträt anstoßen kann, nicht nur über Paul Auster selbst, auch über Amerika, über den Sexismus im Literaturbetrieb und über die flirrende Verbindung von Realität und Fiktion. Spürbar hat die Regisseurin das Vertrauen des Autors gewonnen, und wahrt dennoch Distanz.

Paul Auster - Was wäre wenn. Arte, Mittwoch, 21.15 Uhr.