Süddeutsche Zeitung

Fernsehen:Gipfelstürmer

Instinkt für die Berge, Instinkt fürs Geschichtenerzählen: Eine Dokureihe zeigt Reinhold Messners Leben. Das ist spannend - auch wenn man schon alles über ihn zu wissen glaubt.

In die Sonntagsmesse oder in die Berge? Diese Wahl ließ Mama Messner ihrem Sohn Reinhold. Das Kind zögerte keinen Augenblick, sich für das Bergsteigen zu entscheiden. Am Sass Rigais, einem Gipfel in der Geislergruppe, hatte der Junge sein Schlüsselerlebnis: Als Fünfjähriger stieg er zusammen mit dem Vater auf seinen ersten Dreitausender. Für die Arte-Dokumentation Reinhold Messner - Heimat. Berge. Abenteuer ist Messner jetzt noch einmal mit einem Filmteam zur Alm seiner Familie unterhalb der Geislerspitzen gewandert, dorthin, wo seine große Bergsteigerkarriere begann. Hier, in seiner Heimat in den Dolomiten, hat Messner sein Gespür für die Berge entwickelt: "Man braucht nicht nur Know-how, Kraft und Ausdauer, um im Fels klettern zu können, man braucht auch Instinkte."

Einen guten Instinkt für die Vermarktung seiner Bergabenteuer hat Reinhold Messner auch immer gehabt. Es gibt zig Bücher, Filme und Vorträge von ihm über Themen wie den Nanga Parbat, die Wüste Gobi, den Yeti, Risikomanagement, Europa, die Antarktis, den Mount Everest - und natürlich immer wieder Messner über Messner. Fast nie wird es einem dabei langweilig, denn er ist eben nicht nur der größte Bergsteiger unserer Zeit, sondern auch einer der besten Erzähler. Man könnte denken, so langsam sei alles über diesen Mann gesagt, auch von diesem Mann selbst, aber Reinhold Messner ist derzeit, rund um seinen 75. Geburtstag, wieder auf allen Kanälen präsent.

Ein Glück, dass der größte Bergsteiger unserer Zeit auch einer der besten Erzähler ist

Auch Arte beteiligt sich nun eben an den Messner-Jubiläums-Festspielen, mit jener fünfteiligen Dokumentation über seine Heimat Südtirol. In der aufwendig produzierten Mini-Serie nimmt Filmemacher Markus Augé das Publikum mit auf eine Entdeckungsreise durch die Dolomiten. Die erste Folge führt ins Villnößtal, wo Reinhold Messner mit acht Geschwistern aufwuchs. Man bekommt historische Aufnahmen von Free-Solo-Klettertouren in den Siebzigerjahren zu sehen, dazu immer wieder spektakuläre Luftaufnahmen und Interviews mit dem Meister selbst und seinen Weggefährten. Die Perspektive ist dabei bewusst subjektiv: zu sehen gibt es die Welt aus Sicht Messners. Und da gibt es allerhand dramatische Wendungen, Höhepunkte und Tiefsinniges. Schwindelfrei muss man vor dem Fernseher nicht unbedingt sein, aber bei manchen Szenen stockt einem schon der Atem. "Der Abgrund hat mich weiter nicht gestört", erzählt Messner lapidar über seinen ersten Dreitausender, "mehr beeindruckt hat mich das Zurückkommen auf diese Alm am späten Nachmittag - und hinaufzuschauen und zu sagen, ich war wirklich auf diesem Berg oben." In seiner Jugend kletterte er die schwersten Nordwände der Alpen, machte eher nebenbei 1966 das Abitur in Bozen und begann ein Studium des Hoch- und Tiefbaus in Padua. Seine Leidenschaft für das Hochalpine war aber stärker als jene für den Hochbau, sodass er sich auf immer schwerere Routen und Erstbegehungen konzentrierte. Neben seinen Bergtouren begann er, als Mathematiklehrer in der Mittelschule zu arbeiten - allerdings nur ein Jahr lang.

Für Reinhold Messner sind die Berge eine Abenteuerlandschaft im besten Wortsinn, eine Region, in die man aufbricht, um dort sich und seine eigenen Grenzen zu erkunden und auszuweiten. Natürlich bekommt Messner auch die Sinnfrage gestellt: Wozu überhaupt Bergsteigen? "Nützlich ist es nicht", antwortet er, "aber dadurch kann man zum Beispiel erkennen, dass das Leben generell absurd ist, weil es mit dem Tod endet."

Reinhold Messner - Heimat. Berge. Abenteuer, Arte, ab Montag 17.05 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 23.09.2019
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