Film und Fernsehen:Das Corona-Glücksspiel

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Film und Fernsehen: Produktionen sind aufwendig durchgeplant. Für ausfallende Drehtage kommen schnell hohe fünf- bis sechsstellige Verlustsummen zusammen.

Produktionen sind aufwendig durchgeplant. Für ausfallende Drehtage kommen schnell hohe fünf- bis sechsstellige Verlustsummen zusammen.

(Foto: Harald Hordych/SZ)

Film- und Fernsehproduzenten leiden unter der Pandemie. Bislang gab es einen Ausfallfonds, doch der ist ausgelaufen. Was nun?

Von Benedikt Frank

Im Supermarkt trifft man selten Menschen, die noch freiwillig Mund-Nasen-Schutz tragen. Für viele ist Corona vorbei, mögen auch die Infektionszahlen das Gegenteil belegen. Doch es gibt einen Berufszweig, den das Pandemiegeschehen nach wie vor extrem nervös macht - auch wenn man bei dem leidigen Thema nicht unbedingt zwangsläufig zuerst an ihn denkt: Die Rede ist von den Film- und Fernsehproduzenten.

Deren Sorge hat viel mit dem Wesen einer Filmproduktion zu tun, aber auch mit der Versicherungsbranche und mit den langsam mahlenden Mühlen des deutschen Föderalismus. Kino- und Fernsehfilme entstehen nach strengen Drehplänen. Der Ablauf jeder Szene, jede Kameraperspektive steht fest, lange bevor die Regie "Action" ruft. Am Set müssen dann alle Handgriffe sitzen. Dutzende Spezialisten arbeiten wie ein Uhrwerk zusammen, damit es möglichst zu keinen Verzögerungen kommt.

Den Ausfall eines Kabelträgers verkraftet eine professionelle Produktion noch. Wenn aber die Hauptdarstellerin nicht vor die Kamera kommen kann, dann können im schlechtesten Fall auch alle anderen Beteiligten nicht weiterarbeiten - bezahlt werden sie trotzdem, ebenso wie die Miete für Technik oder Drehorte. So kommen für ausgefallene Drehtage schnell hohe fünf- bis sechsstellige Verlustsummen zusammen.

Corona-Ausfälle übernehmen die Versicherungen nicht

Normalerweise schließen die Produktionsfirmen darum auch Versicherungen für solche Drehausfälle ab. Und sie würden dies gerne auch für durch Covid-19-bedingte Ausfälle tun. Doch während die Angst vor einer schweren Infektion in der breiten Bevölkerung offensichtlich gesunken ist, bleiben die Versicherungsgesellschaften bei ihrem Standpunkt: Die Pandemie ist höhere Gewalt, durch sie entstandene Schäden sind nicht versicherbar. Die Politik hatte deshalb mit dem sogenannten Ausfallfonds II eine Alternative zu dieser Versicherungslücke geschaffen. Doch die ist Ende Juni für TV-Produktionen ausgelaufen. "Für die Sicherheit von Film- und Fernsehproduktionen in Deutschland ist das eine Katastrophe", sagt der Geschäftsführer der deutschen Produzentenallianz Björn Böhning: "Produktionen werden so zu einem Corona-Glücksspiel."

Dabei hatte die Politik bereits eine Lösung gefunden, mit der auch die Produzenten gut leben konnten. Nach langem Ringen hatte man sich Ende 2020 auf zwei Ausfallfonds geeinigt. Diese funktionieren im Grunde wie eine Versicherung für Corona-bedingte Produktionsausfälle, nur dass nicht die Versicherungsbranche, sondern der Staat einspringt. Der Ausfallfonds I soll die Produktion von Kinofilmen und High-End-Serien absichern, also etwa auch von Serien wie Babylon Berlin. Dieser erste Fonds enthält 50 Millionen Euro, die vor allem der Bund stellt und zu dem die Länder beitragen. Der Bund verlängert den Ausfallfonds I bis Ende März 2023, kündigte die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien Claudia Roth im Juni an. Unsicherheit besteht hingegen bei dem zweiten Corona-Versicherungs-Programm, dem Ausfallfonds II.

Dieser Topf ist für Fernsehproduktionen vorgesehen und wird von den Bundesländern befüllt. Da er Ende Juni ausgelaufen ist und die Verlängerung noch immer ungewiss ist, sind TV-Produzenten nervös. Wie sollen sie in Zukunft ihre Fernsehproduktionen absichern?

Dass TV-Produktionen bangen, liegt am Föderalismus

Die Frage ist auch relevant für Menschen, die nur ins Kino gehen und bereits seit Jahren keinen Fernseher mehr im Wohnzimmer stehen haben. Denn deutsche Kino- und TV-Produktionsfirmen sind untrennbar miteinander verflochten und voneinander abhängig. Zudem ist der Markt für deutsche Fernsehproduktionen deutlich größer als der für deutsche Kinoproduktionen. Eine einzelne Kinoproduktion ist zwar in der Regel teurer als die durchschnittliche TV-Produktion. Doch insgesamt machen die Produktionsunternehmen mit Kino einen Umsatz von rund 500 Millionen Euro pro Jahr, mit Fernsehen sind es rund zwei Milliarden Euro. Entsprechend gibt es beim Fernsehen auch mehr mögliche Ausfälle, die es zu versichern gilt.

Die Kinoproduzenten können nun also bereits relativ entspannt auf die nächsten Monate blicken. Dass ihre TV-Kolleginnen noch bangen, liegt am Föderalismus. Denn der Rundfunk, und damit auch das Fernsehen, ist Ländersache. Und wie so oft im Föderalismus wird die Sache schnell kompliziert, kleinteilig, und gemeinsame Entscheidungen lassen auf sich warten. Der Ausfallfonds II lief bereits Ende Juni aus. Auf der Website der Filmförderanstalt heißt es seitdem, dass "einige" der bisher beteiligten Länder eine Verlängerung anstreben. Welche das sind, ist unklar.

Fernsehproduktionen waren auch bisher nur in denjenigen Bundesländern gegen Corona-Ausfälle versichert, die sich finanziell am Ausfallfonds II beteiligt hatten. Von Dezember 2020 an waren das Bayern, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Baden-Württemberg und Thüringen stießen später dazu.

Gemeinsam stellten die Länder 48,5 Millionen Euro für den Ersatz von Produktionsausfällen bereit. Produktionsfirmen, die ihren Hauptsitz nicht in einem der beteiligten Bundesländer hatten, gingen im Schadensfall leer aus. Zudem waren die Hilfen pro Bundesland auf den jeweiligen Anteil des Lands am Gesamtpaket gedeckelt. So steuerten beispielsweise die großen Medienstandorte Nordrhein-Westfalen und Bayern mit 16 beziehungsweise 15 Millionen Euro den Großteil der Summe bei, während der Beitrag Thüringens bei einer Million lag. Nachdem der Ausfallfonds II im September 2021 erstmals verlängert wurde, schied Thüringen ganz aus.

Für die Bundesländer war der Ausfallfonds II bisher relativ günstig

Mit dem Geld sollte bis zu 57,5 Prozent der Schadenssumme bei Corona-bedingten Drehausfällen beglichen werden, 32,5 Prozent hatten die Auftraggeber zu tragen. Auf den restlichen 10 Prozent, mindestens aber 10 000 Euro, bleiben die TV-Produktionsfirmen sitzen. Für die Bundesländer war der Ausfallfonds II bisher relativ günstig, verglichen mit den Mitteln, die sie dafür reserviert hatten. Ein Sprecher der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen gibt an, dass seit Beginn des Ausfallfonds II in seinem Bundesland etwa 500 000 Euro ausgezahlt wurden. Es stand also 32-mal mehr Geld zur Verfügung. Produzent Björn Böhning erklärt den Umstand, dass die staatliche Corona-Versicherung relativ wenig in Anspruch genommen wurde mit den hohen Hygienestandards, die am Set durchgesetzt werden. "Zudem leistet der Produzent ja einen finanziellen Eigenbeitrag und wird trotz aller Risiken immer versuchen, durch Umstellungen die Produktionen stattfinden zu lassen", fügt er hinzu: "Er wird also die Ausfallmittel nur beantragen, wenn er diese Versicherung wirklich braucht."

Etwa drei Wochen nachdem der Ausfallfonds II ausgelaufen ist, zeigt Böhning Unverständnis, dass die Länder, besonders die starken Produktionsländer Bayern und Nordrhein-Westfalen, vor dem Hintergrund des für sie begrenzten Risikos weiter zögern. Immerhin deutet sich eine Entscheidung in der Ferne an. "Ich bin froh, dass Länder wie Berlin und Hamburg signalisieren, dass sie bereitstehen, den Ausfallfonds II zu verlängern", sagt der Produzent. Aus der Staatskanzlei NRW heißt es, die finale Entscheidung über eine weitere Beteiligung sei noch nicht getroffen. Aus Bayern heißt es, die Verlängerung werde noch geprüft. Man habe vor, die Film- und TV-Produktion weiterhin zu unterstützen. Falls die Länder sich einigen sollten, könnten die Absicherung auch rückwirkend beantragt werden.

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