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Fernsehen:Die Kopftuch-Frage

Die große Reise -

Nach Eröffnung der Moschee wird Seyran Ateş auf Grund einer Vielzahl an Morddrohungen unter Polizeischutz gestellt. Sie darf ihre Wohnung nicht alleine verlassen.

(Foto: Susanne Salonen/ZDF)

Eine ZDF-Dokumentation über Seyran Ateş führt zu kontroversen Diskussionen bei einer Vorführung in einer Berliner Schule.

Nein, in so eine Moschee würden sie nicht zum Beten gehen. Azhar und die anderen jungen Frauen mit Kopftuch sind sich darin einig. In der Otto-Hahn-Schule im Berliner Stadtteil Neukölln wurde den Schülerinnen gerade die Dokumentation Die große Reise - Seyran Ateş und der Weg zu einem reformierten Islam vorgeführt. Fast 90 Minuten lang verfolgten sie, wie Seyran Ateş für einen liberalen Islam kämpft, wie sie Schwule und Lesben in der eigens gegründeten Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin empfängt und wie sie ohne Kopftuch dort betet. Die jungen Frauen zeigen dafür Respekt und Anerkennung, das schon. Aber ihre Meinung ändern, das kann der Film nicht.

Die Protagonistin der Doku, die international bekannte Feministin, Rechtsanwältin und Buchautorin Seyran Ateş aber nimmt sich Zeit, um mit den Schülerinnen und Lehrern in einem Sitzkreis zu diskutieren. Ihre Haltung hat der eineinhalbstündige Film bereits deutlich gezeigt. Die Berliner Filmemacherin Güner Balci hat Ateş zwei Jahre lang beim Aufbau der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin begleitet. Der Zuschauer lernt eine Frau kennen, die rigoros auftritt, die polarisiert und manchmal provoziert. Sie will einen gewaltfreien und toleranten Islam, der Frauen und Homosexuelle nicht benachteiligt. Dafür kämpft Ateş. Und damit hat sie sich weltweit Feinde gemacht.

Über die Eröffnung der Moschee im Juni 2017 war weltweit berichtet worden, selbst von der New York Times und der Washington Post. Während die Berichte aus der westlichen Welt meist sehr wohlwollend klangen, wurde Ateş in islamisch geprägten Ländern scharf kritisiert und angefeindet. Nach eigenen Angaben erhielt Ateş Tausende Hassbotschaften und Morddrohungen seit der Eröffnung, auch heute werde ihr Leben noch regelmäßig bedroht. Das Landeskriminalamt beschützt sie deshalb seit einigen Jahren rund um die Uhr. Zu der Schule in Neukölln wird die 56-Jährige an diesem Nachmittag eskortiert, drei Männer weichen ihr nicht von der Seite. Und von außen sichern Polizisten das Schulgebäude ab.

Die Dokumentation erzählt wie die gebürtige Türkin Seyran Ateş zu der Frau geworden ist, die sie heute ist. In Einspielern, die in Schwarz-Weiß gehalten sind, liest eine Sprecherin Passagen aus ihren Büchern vor. Sie erzählen von traumatischen Erlebnissen in ihrer Kindheit und Jugend in Berlin, von einem älteren Cousin, der sie geschlagen hat, und von Eltern, die sie nur als ihren Besitz angesehen und unterdrückt haben bis ihr Hass so groß war, dass sie abgehauen ist. Filmemacherin Balci kommt der Protagonistin sehr nahe. Sie "bewundert" Ateş, wie sie selbst sagt. Dem Film merkt man das auch an. Kritische Stimmen hört man nur sehr wenige.

Umso interessanter verläuft die Diskussion in dem Sitzkreis in der Otto-Hahn-Schule. Die meisten der muslimischen Schülerinnen werfen Ateş vor, zu pauschalisieren. Der Islam, den sie in ihren Moscheen und Familien kennengelernt hätten, sei viel offener, als Ateş immer behaupte. Die 18-jährige Azhar, die einen Nasenring trägt, ärgert sich über Ateş Haltung, keine Kopftücher in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen akzeptieren zu wollen. "Sie möchten Freiheit und Demokratie, aber gleichzeitig schränken Sie mich in meiner Berufswahl ein", kritisiert sie. Überhaupt ist das Kopftuch an diesem Nachmittag das bestimmende Thema. "Für mich als Feministin ist das Kopftuch die ultimative Markierung. Männer wollen nicht, dass andere ihre Frauen sehen", sagt Ateş. Sie hält Kopftücher bis zu einem Alter von 14 Jahren für unangebracht. "Man muss die Kinder Kinder sein lassen."

Hier in der Neuköllner Oberschule zeigt sich exemplarisch, wie kontrovers die Debatte über Glaubensregeln wie die Kopftuchpflicht ist, gerade im Islam. Ateş stößt mit ihren Aussagen bei den meisten Schülerinnen auf Widerstand. Die zwischen 17 und 18 Jahre alten Frauen fühlten sich durch sie "kleingemacht", wie sie sagen. "Sie stellt uns so dar, als würden wir von den Männern unterdrückt werden, aber das ist gar nicht so. Es ist unsere freie Entscheidung, ein Kopftuch zu tragen", erklärt eine der Schülerinnen. Und eine andere schließt an: "Ich trage das Kopftuch, weil ich Gott liebe." Eine junge Alevitin hingegen findet, dass der Islam sich für andere Sichtweisen mehr öffnen sollte. Oder Prince, ein 19-jähriger Christ findet es gut, dass Ateş Menschen einen Unterschlupf bietet, die nicht ins typische Bild des Islam passten.

Seyran Ateş packt am Ende der Dokumentation einen Koffer, ihre Reise zu einem reformierten Islam ist noch lange nicht zu Ende. Sie erzählt, dass sich ihre Eltern ihr später geöffnet haben, den Hass in ihr gebe es nicht mehr. Diese Offenheit wünscht sie sich von viel mehr Menschen. Sie wolle andere nicht bekehren, sagt sie. "Ich will nur, dass unsere liberale Moschee akzeptiert wird."

Die große Reise - Seyran Ateş und der Weg zu einem reformierten Islam, ZDF, Montag, 0.25 Uhr und danach in der ZDFmediathek.