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Corona und Fernsehproduktionen:Verärgerung trotz Millionenhilfe

Dreharbeiten 'Tatort' aus Münster in Corona-Zeiten

Mit Masken und Mindestabstand: "Tatort"-Dreh mit Jan Josef Liefers (links) und Axel Prahl.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Die Film- und Fernsehbranche bekommt Gelder für Ausfälle in der Pandemie. Produzenten geht das nicht weit genug. Sie warnen: Am Ende trifft es die Zuschauer.

Von Hans Hoff

Eigentlich sollte sich die Stimmung in der Film- und Fernsehbranche ein wenig aufgehellt haben, nachdem die Bundesregierung vor fast zwei Wochen angekündigt hat, im Rahmen eines Hilfs- und Investitionspakets 50 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um pandemiebedingte Ausfallkosten auszugleichen. Doch die Begeisterung bei den entsprechenden Akteuren hält sich in Grenzen, denn die Hilfen des Bundes sind nur für Kinofilme und hochwertige Serienproduktionen gedacht. Welche Serien dabei genau als hochwertig gelten, bleibt in der schwammigen Formulierung offen. Die meisten Fernsehproduktionen jedoch werden nicht in den Genuss von Bundeshilfen kommen.

Da tröstet es die Betroffenen auch wenig, dass Bayern und Nordrhein-Westfalen versprochen haben, mit zunächst rund 15 Millionen Euro in die Bresche springen zu wollen und auch andere Bundesländer über Hilfen nachdenken. Fragt man ein wenig herum in der Branche, hört man viel Verärgerung darüber, dass man es nicht nur mit einem löchrigen, aus Bundes- und Landesmitteln zusammengestoppelten föderalen Flickenteppich zu tun habe, sondern dass gleich auch die ewige Kluft zwischen Kino und Fernsehen noch mal ein Stück weiter aufgerissen wurde. Immer noch wird Kinoproduktionen automatisch eine höhere Wertigkeit zugeschrieben, ungeachtet der Tatsache, dass hochwertige Fernsehserien inzwischen immer präsenter sind.

Offiziell werden die in Aussicht gestellten Mittel allenthalben begrüßt. Doch wenn man hört, wie vornehm zurückhaltend sich die Produzentenallianz äußert, der Verband also, in dem sich rund 270 Unternehmen der Branche zusammengetan haben, spürt man gleich, dass die bislang ausgelobten Hilfsmittel allenfalls ein erster Schritt sein können. "Die Produzentenallianz favorisiert ein einheitliches Modell, also einen gemeinsamen Fonds, an dem sich Bund sowie Länder und Sender beteiligen", sagt Alexander Thies, Vorsitzender der Produzentenallianz.

Der Rettungsschirm sei hilfreich, greife aber nicht weit genug

Thomas Kufus, der Geschäftsführer der Firma Zero One, die im vergangenen Jahr die Bauhaus-Serie Die neue Zeit ins ZDF brachte, zeigt sich irritiert vom "Alleingang" der Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters. "Wir Produzenten verstehen nicht, wieso hier nicht die große Menge der Film- und Fernsehproduktionen mit einbezogen werden konnte und die Länder jetzt auch auf unseren Druck eigene Initiativen schaffen müssen", sagt er.

Auch Sebastian Werninger sieht in dem geplanten Ausfallfonds keine ausreichende Lösung für die Branche. "Ich finde es bedauerlich, dass die Politik - sowohl Bund als auch Länder - es an dieser Stelle nicht schafft, einen einheitlichen Weg zugunsten der gesamten Produktionsindustrie zu beschreiten. Wir dürfen uns als Branche an dieser Stelle nicht auseinanderdividieren lassen und drängen auf eine einheitliche Lösung", sagt der Geschäftsführer der Ufa-Fiction, die für Produktionen wie Unsere wunderbaren Jahre oder Sankt Maik steht. Der Deckungsumfang des Pakets sei zudem lückenhaft und reiche bei Weitem nicht aus. Im Vergleich zu Lösungen in anderen Ländern sieht Werninger "ein bisher leider enttäuschendes Situations-Ergebnis nach dieser langen Wartezeit."

Kulturstaatsministerin Monika Grütters

Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Mängel im Hilfspaket diagnostiziert gleichfalls Michael Lehmann. Der Geschäftsführer der Studio Hamburg Production Group, die neben dem Großstadtrevier auch Shows mit Johannes B. Kerner produziert, kritisiert, dass Schäden durch krankheitsbedingte Ausfälle nur anteilig berücksichtigt wurden, nicht jedoch die Folgen eines erneuten Lockdowns abgesichert werden. "Beim Produzenten bleiben also weiterhin große Risiken", urteilt er und möchte auch die öffentlich-rechtlichen Sender stärker in die Pflicht nehmen. Die haben zwar zugesagt, durch Verschiebungen und zusätzliche Hygienemaßnahmen entstandene Mehrkosten anteilig zu übernehmen, was aber als unzureichend erachtet wird. "Der Rettungsschirm der öffentlich-rechtlichen Sender ist hilfreich, greift aber nicht weit genug, da er zeitlich befristet und eben auf 50 Prozent der Schadenssumme gedeckelt ist", sagt Lehmann.

Umgeschriebene Drehbücher und wöchentliche Corona-Tests

Immerhin seien die Hilfen früh zugesagt und aktuell noch einmal bis Ende Juli verlängert worden, merkt Christine Strobl an, Geschäftsführerin der ARD Degeto. Man habe zudem durch das Vorziehen von Zahlungsraten den Produzenten in Sachen Liquidität geholfen.

Christine Strobl

ARD Degeto-Geschäftsführerin Christine Strobl.

(Foto: ARD Degeto/Laurence Chaperon)

Außerdem sei auch an Drehbüchern gearbeitet worden. "Wir gehen mit unseren Produzenten jede Szene akribisch durch und schauen, ob und wie wir zum Beispiel größere oder intimere Szenen anders erzählen oder drehen müssen", sagt Strobl. So habe man aktuelle Produktionen wie Tatort oder den Usedom-Krimi wieder aufnehmen können. "Da sind wir gemeinsam auf einem guten Weg, der aber eine Verteuerung mit sich bringt, die nirgendwo etatisiert oder eingeplant ist."

Auch Strobl plädiert für eine gemeinsame Hilfe von Bund und Ländern, um den Produzenten zu helfen, wieder Filme herstellen zu können. "Das werden sie aber nicht tun, wenn das Corona-Risiko nicht abgesichert wird", sagt sie und verweist auf ein Vorbild aus der Nachbarschaft. "Österreich hat es uns ja vorgemacht. Dort trägt der Staat das Risiko der Corona-Pandemie, und die Sender übernehmen die zusätzlichen Kosten für die Hygiene- und Abstandsmaßnahmen."

Solange allerdings die Wunschliste der Produzenten an die Adresse der Politik eine ebensolche bleibt, wird das Geschäft der Film- und Fernsehherstellung ein finanziell gefährliches bleiben, eines, bei dem viel schiefgehen kann.

Glück hatte man bei Zero One, wo gerade ein TV-Spielfilm von Andres Veiel fertiggestellt wurde. Eigentlich sei das Team schon im April einsatzbereit gewesen, aber dann kam Corona dazwischen. Mit Kurzarbeitsregelungen habe man das Team "am Start" gehalten, berichtet Thomas Kufus. Dazu habe es wöchentliche Tests, Abstandsregeln und aufmerksame Hygienebeauftragte gegeben. Weggefallen sind Pressetermine und sonstige Besuche am Set. "Selbst das Abschlussfest fand mit aller Vorsicht und unter freiem Himmel statt", berichtet Kufus.

Trotz des aktuellen Drehglücks sieht Kufus keineswegs froh in die Zukunft. "Was wir jetzt nicht entwickeln können, können wir im nächsten Jahr nicht produzieren und kommt im übernächsten Jahr nicht ins Kino oder ins Fernsehen", prophezeit er. Das werde Konsequenzen haben für Weltvertriebe, Verleiher, Einkäufer und Kinos. Das Urteil klingt einigermaßen niederschmetternd. "Die Krise wird unsere Branche zeitversetzt erwischen", sagt Kufus, der allerdings auch mit einer positiven Aussicht aufwarten kann. "Alle müssen sich neu ausrichten, und das bringt die Bewegung in die deutsche Filmlandschaft, die wir uns ja alle schon lange wünschen."

© SZ/ebri

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