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BR-Film über Südtiroler Separatisten:Auf dem Sprengstoff saß ein Kind

Sprengstoffanschläge in Südtirol, 1961

Aktivisten vom "Befreiungsausschuss Südtirol" verübten 1961 zahlreiche Sprengstoffanschläge - hier in der Nähe von Bozen.

(Foto: UPI/SZ Photo)

"Bomben gegen Rom" erzählt ein fast vergessenes, tödliches Kapitel der Südtiroler Nachkriegsgeschichte - und von Partisanen, die in Bayern Unterschlupf fanden.

Von Willi Winkler

Eine aufregende Zeit sei das damals gewesen, sagt der alte Mann, unter der Woche habe man gearbeitet, aber "am Wochenende waren wir Krieger". Claudius Molling ist Künstler, zusammen mit seiner Frau Herlinde hat er beispielsweise eine "stimmungsvolle Erzählung" über den Kaiser Maximilian herausgebracht. In der Geschichte werden die bronzenen Grabwächter des "letzten Ritters" lebendig und marschieren durch das weihnachtliche Innsbruck. Es geht aber alles gut.

Vor fast sechzig Jahren haben sie Bomben gebastelt und waren Teil einer Verschwörung gegen den italienischen Staat. Mit großer Liebe zum Detail erzählt Herlinde Molling, dass es darauf ankam, die Sprengstoffpakete sorgfältig mit der Knallzündschnur zu verbinden, um sie gebrauchsfertig zu machen. Dutzendweis wurden damit die Hochspannungsmasten rund um Bozen in die Luft gejagt.

Zu Zeiten von Franz Josef Strauß sel. wäre bei so viel Aufmerksamkeit für Terroristen der inzwischen wieder abgeschwächte §129a StGB wirksam geworden, Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, bis zu fünf Jahre Haft. Der galt aber für Veröffentlichungen der linksradikalen RAF und ihrer Sympathisanten, nicht für Menschen, die, auch wenn sie mit den gleichen Mitteln vorgingen, in Bayern und Österreich als Freiheitskämpfer galten.

Das Ehepaar Molling gehörte mit anderen Innsbrucker Akademikern und Geschäftsleuten zum "Befreiungsausschuss Südtirol", der seit Ende der Fünfziger darauf hinarbeitete, den seit dem Ende des Ersten Weltkriegs abgetrennten Landesteil mit dem nördlichen wiederzuvereinigen, selbstverständlich auch mit Gewalt.

Die Staatsführung in Rom reagierte mit aller Brutalität

Der BR-Film Bomben gegen Rom von Astrid Halder und Helga van Ooijen hat in den Südtiroler Medien für einiges Aufsehen gesorgt. Er erinnert an ein so gut wie vergessenes Kapitel der Nachkriegsgeschichte, das aber für nicht wenige lebensentscheidend war. Im Wein- und Wanderparadies ist es heute kaum mehr vorstellbar, dass noch vor wenigen Jahrzehnten dieser erbitterte Kleinkrieg um ein freies oder befreites Tirol stattfinden konnte. Der Literaturkritiker Reinhard Baumgart erwähnt in seinen Memoiren Damals (2003), dass er seinen zweiten Roman "in einem von Sommergewittern und vor allem Bombenanschlägen erschütterten, also weitgehend touristenfreien Südtirol" schreiben konnte.

Bei diesen Anschlägen wurde nicht nur die Stromversorgung unterbrochen. Es gab zwischen 1961 und 1969 Tote auf beiden Seiten; je nach Zählung starben dabei zwischen zwanzig und 36 Menschen. Die Staatsführung in Rom reagierte mit aller Brutalität: Gefangene wurden an der Kette vorgeführt, sie wurden gefoltert und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Der Aufstand begann mit Kundgebungen und dem demonstrativen Zeigen des Tiroler Adlers. Aktivisten sprengten 1961 das scheußliche Reiterdenkmal in Waidbruck, das dort für Benito Mussolini errichtet worden war. In der "Feuernacht" am 11. Juni des gleichen Jahres krachte es so gewaltig, dass die Attentäter den volkstümlichen Namen "Bumser" erhielten. Zwei davon, Siegfried Steger und Heinrich Oberleiter, sind die Protagonisten dieses Films, der eine wilde, gar keine bsuffne Geschichte aus der sonst sicher weggeschlossenen Vergangenheit holt.

Die beiden wurden wegen ihrer Partisanentätigkeit in Abwesenheit zu jeweils lebenslanger Haft verurteilt; dass sie Carabinieri ermordet hätten, wie ihnen vorgeworfen wurde, bestreiten sie bis heute. Sie versteckten sich in den Bergen, lebten zeitweise vom Wildern und konnten sich nach Norden, ins befreundete Österreich, durchschlagen und ließen sich schließlich in Bayern nieder, wo sie vor einer Strafverfolgung sicher sein konnten.

Steger freut sich noch immer über die "teuflische Watschn", die sie den Italienern verpassen konnten

Die Sympathie für die "Bumser" war im österreichischen Tirol und in Bayern groß, wo mehr oder weniger stille Hilfe für die Aufständischen geleistet wurde. In Mittenwald, so erzählt es der Film, wurde der Sprengstoff nach einem konspirativen Weißwurstessen angeliefert, Quelle angeblich unbekannt. Die Uhren für den Zeitzünder wurden in München gekauft, damit sich die Spur nicht nachverfolgen ließ. Die Mollings fuhren den Nachschub im sportlichen Karmann-Ghia über den Brenner, auf dem Sprengstoff saß zur Tarnung ein Kind. Vertraute Szenen aus dem Westberliner Untergrund, hier aber aus einem ganz anderen Dunkel ans Licht geholt.

Die Italienisierung der ursprünglich fast ausschließlich deutschsprachigen Region verletzte den Heimatstolz nicht nur von Steger und Oberleiter. Sie fühlten sich rechtlos und unterdrückt, während die Italiener nicht vergessen hatten, dass Oberitalien nach Mussolinis Absetzung 1943 von der deutschen SS terrorisiert wurde. Der Zeithistoriker Michael Gehler betrachtet die deutsche Sympathie für den Freiheitskampf der Südtiroler als "Kompensationsprodukt" für den verlorenen Osten. Nach Schlesien und Ostpreußen konnte man nach 1945 nicht mehr zurück, dafür aber über die Alpen ins auch irgendwie besetzte Südtirol.

Nicht nur die Mollings erinnern sich mit leuchtenden Augen an ihre wilde Jugend. Steger freut sich noch immer über die "teuflische Watschn", die sie den Italienern damals verpassen konnten. Selbst wenn er heute begnadigt würde, wenn das "lebenslänglich" aufgehoben würde, er würde nicht nach Italien zurückwollen, "da lass i mi davor daschiassn". Zu seinem Achtzigsten 2019 kamen sie aus Südtirol herauf; die Schützenjugend trug ein Gedicht auf den Jubilar vor. Tirol hat nicht nur Andreas Hofer in seiner Heldengalerie.

Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass der italienische Geheimdienst die Umstürzler unterwanderte, es ist auch nicht ausgeschlossen, dass einzelne Mordtaten von dort aus taktisch verübt wurden, um die italienische Volksseele gegen die Partisanen aufzubringen. Der Befreiungsausschuss gab auf, als sich auch Deutschnationale und Rechtsradikale der Freiheitsbewegung bemächtigten. 1992 erhielt die Region die Autonomie, der Europäische Einigungsprozess tat ein Übriges, und am Ende kamen mehr Touristen als je zuvor.

Bomben gegen Rom: Bayern und der "Freiheitskampf" in Südtirol, BR-Mediathek

© SZ/tyc/hy
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