Fernsehen Besser geht's nicht

Fernsehfamilie vorm Familienfernseher: Die Simpsons gucken noch ganz altmodisch in die Röhre.

(Foto: Fox)

Auf dem Höhepunkt des Serien-Hypes florieren auch die Hitlisten. "Sopranos" oder "Simpsons"? Die Sehnsucht nach Empfehlungen dient vor allem der Selbstbestätigung und Distinktion.

Von Benedikt Frank

Ein Glück, dass nun endlich Gewissheit herrscht: Die beste Serie, die jemals im TV zu sehen war, heißt Sopranos und handelt von dem gleichnamigen Mafiaclan. So steht es im amerikanischen Rolling Stone. Das Magazin hat dazu Menschen aus der Branche befragt, die müssten ja wissen, was Qualität bedeutet. Wer genau antwortete, erfährt man nicht, der Produzent und Regisseur Garry Marshall, bekannt für Pretty Woman, soll aber noch vor seinem Tod im Sommer seine Wertung abgegeben haben. Wenn der Rolling Stone das Ergebnis dann ganz bescheiden als "Die 100 besten Serien aller Zeiten" bezeichnet, was streng genommen die Zukunft miteinschließt, ist das also sogar aus dem Jenseits legitimiert. Wer wollte da widersprechen?

Mehr als 400 neue Serien sind 2015 alleine in den USA erschienen. Die kann selbst der größte Fan nicht mehr schaffen, ohne großzügig auszusieben. Gerade in einer Phase von so vielen hochwertigen Produktionen (und natürlich auch von viel Schrott), herrscht eine Sehnsucht nach Empfehlungen. Ein Kanon verspricht, die komplizierte Welt einfacher zu machen. Auf dem Höhepunkt des Serien-Hypes florieren deshalb auch die Hitlisten.

In den vergangenen Wochen sind zwei Bücher erschienen, die ebenfalls dieses Bedürfnis nach Orientierung bedienen. Zwei amerikanische Fernsehkritiker klären in TV (The Book) die Frage nach dem Olymp der Fernsehserien. Und ein Backstein von einem Buch behauptet sogar im Titel, es gäbe 1001 TV-Serien und Shows, die Sie sehen sollten, bevor das Leben vorbei ist.

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Es ist natürlich völlig aussichtslos, hier die eine Wahrheit zu finden. Ausgerechnet die zwei Kritiker aus New Jersey zum Beispiel, der Heimatstadt der Sopranos, widersprechen dem Rolling Stone. Alan Sepinwall und Matt Zoller Seitz schreiben seit 20 Jahren über das Fernsehen, und haben nun eine Rangliste erstellt - wie anmaßend das ist, wissen sie selbst. Die Werbung auf dem Titel, sie würden die besten Serien aller Zeiten präsentieren, schieben sie darum schnell beiseite: "Das ist unser Kanon; wir freuen und auf Ihren." Ein Punktesystem gibt der Liste dennoch einen objektiven Anstrich. Die Sopranos landen auch bei ihnen vorne, allerdings punktgleich mit Breaking Bad, The Wire, den Simpsons und der Sitcom Cheers. Den ersten Platz karten die Kritiker deshalb in einem zwanzigseitigem Streitgespräch aus. Ihr Favorit kommt bei Rolling Stone nur auf Platz sechs: Die Simpsons.

Eine gewisse Obrigkeitshörigkeit vorausgesetzt werden Hitlisten zu Vorlagen der Selbstbestätigung. Andere - Experten sogar! - bewerten das gut, was ich ebenfalls gut finde. Und wenn sie es nicht tun, dann kann ich wenigstens über ihre falsche Entscheidung schimpfen. Das klappt sogar hervorragend ohne die Hierarchie einer Bestenliste. Das Buch über die 1001 angeblich unverzichtbaren Serien zählt diese nur chronologisch auf. Wer in den vergangenen 50 Jahren einen Fernseher besessen hat, wird so garantiert Bekanntes finden - aber auch etwas, das für ihn niemals in eine solche Liste gehört.

Zeitgeist und Zielgruppe sind für alle diese Versuche am Kanon wichtiger als die Qualität, mit der die Titelzeilen werben. Viele der Serien sind aktuellere Produktionen, weil die noch im Gedächtnis sind, und natürlich interessiert amerikanische Branchenleute die Lindenstraße kein bisschen. Das 1001-Serien Buch ist eine Übersetzung der man ansieht, dass sie für das deutsche Zielpublikum erweitert wurde. The Walking Dead liegt bei Rolling Stone einen Platz hinter Late Night with Conan O'Brien. Ist die Serie deshalb schlechter als die Late-Night-Show? Was macht I Love Lucy für die beiden Kritiker besser - oder für Rolling Stone schlechter - als Star Trek? Bestenlisten vergleichen Unvergleichbares.

Über die Serien selbst sagen alle Listen letztendlich nur sehr wenig aus, sie liefern vielmehr einfache Schablonen für Identitäten: Hier die Leute, die gute Serien sehen, dort alle mit dem schlechten Geschmack. Und wer lange genug sucht, wird sicher eine Hitliste findet, dank derer er sich auf der richtigen Seite wiederfindet.