Fernsehen Begehrenswerte Güter

Liken, daten, löschen: Eine Dokumentation versucht zu ergründen, wie Internet Partnersuche und Sexualität verändert.

Von Julian Dörr

Es gibt ein Meme, das in den vergangenen Monaten immer wieder durch verschiedene soziale Medien flatterte, und dieses Meme ist sehr interessant, weil es sich zum einen über altmodische Vorstellungen von Dating, Sex und Liebe lustig macht, ihnen aber gleichzeitig ein klein wenig reumütig nachtrauert. "Erstes Date: Sex", heißt es da. "Zweites Date: Treffen bei Tageslicht. Drittes Date: Gegenseitig Kindheitstraumas erzählen." Soll heißen: Heute wird zuerst gevögelt, dann kennengelernt.

So ähnlich sieht das auch Heike Melzer. Sie ist Sexualtherapeutin und eine von vielen unterschiedlichen Stimmen, die in der sehr ausgewogenen und sehr schlauen Dokumentation von Constanze Grießler und Franziska Mayr-Keber zu Wort kommen. Mit "Liken, Daten, Löschen - Liebe und Sex in Zeiten des Internets" versuchen die Filmemacherinnen zu ergründen, wie Online-Dating Leben, Partnersuche und Sexualität von Menschen verändert hat.

Auf ihrer Suche treffen Grießler und Mayr-Keber unter anderem eine Sexualtherapeutin, die vor einer übersexualisierten Gesellschaft warnt (jene Heike Melzer), einen selbsternannten "Datedoktor", der einer Frau rät, ein bisschen bei Alter, Größe und Gewicht zu mogeln, und den Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, der eine chronische Unsicherheit angesichts der Unüberschaubarkeit möglicher Beziehungen diagnostiziert.

Nach etwas schleppendem Beginn dieser Doku, in dem viel erklärt und wiederholt wird, arbeiten sich Grießler und Mayr-Keber zu sehr vielen, sehr relevanten Themen durch. Und zerlegen den ein oder anderen Mythos. Das Internet habe die Romantik zerstört, ist so einer. Algorithmen und Liebe, das ginge einfach nicht zusammen. Quatsch, sagt diese Doku und erzählt davon, wie man schon in den Fünfzigerjahren mit Hilfe von ausgeklügelten Fragebögen auf der Suche nach dem "Code der Liebe" war. "Dating war schon immer ein Geschäft", sagt die Historikerin Moira Weigel. Nicht erst seit Tinder inszenieren sich Menschen als "begehrenswerte Güter". Die ach so moderne Welt des Online-Datings, in ihr reproduzieren sich alte gesellschaftliche Probleme und Ungerechtigkeiten.

Auch in der durchökonomisierten Warenwelt des Datings gibt es sozial Abgehängte. "Die Schere geht immer weiter auf", sagt Sexualtherapeutin Melzer, "zwischen den Unberührten, die sich in virtuellen Welten versorgen, und denen, die sich durch die Betten tindern." Für mindestens fünf Prozent der Männer gibt es in der digitalen Welt keinen Partner oder Partnerin, heißt es. Was mit diesen Abgehängten passieren kann, zeigt die Incel-Bewegung.

Am Ende liegen auch die Probleme des Online-Datings in den festgefahrenen Vorstellungen von Geschlechterrollen: Der Männern ansozialisierte Zwang, immer den ersten Schritt machen zu müssen, die mögliche Zurückweisung, die Anonymität im Netz, sagt Whitney Wolfe, Mitbegründerin von Tinder und CEO der Dating-App Bumble. Die gleichzeitig tröstende und niederschmetternde Erkenntnis dieser Doku: Ob online oder offline, die Probleme sind überall die gleichen.

Liken, daten löschen - Liebe und Sex im Zeitalter des Internets, 3 Sat, 20. 15 Uhr.