Kritik an Sendezeiten:Aufstand bei der ARD

Anja Reschke

Die Pläne, die Sendeplätze von Politikmagazinen, etwa "Panorama" mit Anja Reschke, zu reduzieren, stoßen auch auf Kritik.

(Foto: NDR/Hendrik Lüders)

Dort könnten bald die Sendezeiten für Politmagazine reduziert und der "Weltspiegel" abgeschoben werden. Dagegen wehren sich nun: Redaktionsleiter, Korrespondenten und freie Mitarbeiter.

Von Claudia Tieschky

Im Ersten will man das Programm umbauen. Aber dagegen regt sich nun innerhalb der ARD ungewohnt deutlicher und prominenter Widerstand. In mehreren offenen und internen Schreiben geht es derzeit zur Sache. Vor allem der geplante Umbau der Politmagazine und des Auslandsmagazins Weltspiegel - zweier öffentlich-rechtlicher Kernmarken - sorgt für Unruhe und heftige Appelle an die Intendanten und Programmverantwortlichen.

Mit der geplanten Verlegung des Weltspiegels vom Sonntag vor der Tagesschau auf Montag nach den Tagesthemen hatten Programmchefin Christine Strobl, ihr Stellvertreter Florian Hager und ARD-Chefredakteur Oliver Köhr zunächst die aktiven Auslandskorrespondenten aufgebracht. 45 Unterzeichner wehrten sich in der vergangenen Woche in einer Stellungnahme gegen die Pläne, die einzige Sendung im Ersten, in der längere Auslandsbeiträge ihren Platz haben, in die "Todeszone", wie es hieß, zu verlegen. Am Montag nun haben ehemalige Korrespondenten einen "Appell" verschickt, der der SZ vorliegt.

Zu den Unterzeichnern gehören TV-Persönlichkeiten, die Information und politische Berichterstattung im Ersten, wie man sie heute kennt, geprägt haben: Der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen, ehemaliger Korrespondent und Studioleiter der ARD in Moskau, Washington, New York, zählt dazu, Sonia Seymour-Mikich, frühere ARD-Studioleiterin in Moskau und Paris sowie spätere WDR-Chefredakteurin, Jörg Armbruster, Ex-Studioleiter der ARD in Kairo - und sogar ein Verbündeter vom öffentlich-rechtlichen Konkurrenzsender aus Mainz: Claus Kleber, Moderator des Heute-Journals im ZDF, der das ARD-Studio in Washington leitete.

Claus Kleber

Verbündeter vom ZDF: Claus Kleber unterzeichnete den Protest gegen die "Weltspiegel"-Verschiebung.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

Sie sehen in den Plänen eine "Marginalisierung der Auslandsberichterstattung". Durch eine Beschädigung der Sendeplätze von Weltspiegel, Weltspiegel Reportage und Weltspiegel Extra würde die ARD "ihre Reputation als öffentlich-rechtlicher Sender selbst empfindlich beschädigen", und das in Zeiten "einer erneuten Diskussion um die Legitimation dieses Rundfunks und die Gebührenakzeptanz", heißt es in dem Schreiben, das sich liest wie der Einwurf eines öffentlich-rechtlichen Ältestenrats.

Programmchefin Strobl erklärt dagegen auf SZ-Anfrage, man wolle "gerade das einzigartig breite Netz der Korrespondentinnen und Korrespondenten" nach den Tagesthemen dafür nutzen, die Themen aus dem Nachrichtenformat direkt im Anschluss zu vertiefen und zu erläutern. Der Weltspiegel bleibe Kern der ARD-Auslandsberichterstattung, deren Umfang gestärkt werden und um filmische Formate wie 30-minütige Dokus erweitert werden solle. Die ARD-Mediathek brauche in der Konkurrenz mit internationalen Streaming-Angeboten einen auch für jüngere Menschen attraktiven Doku- und Reportage-Bereich, der die Welt im Blick habe.

Die Programmspitze des Ersten - Strobl, Hager und Köhr - ist im Frühjahr mit der Mission angetreten, mit dem Gemeinschaftsprogramm der ARD-Sender stärker als bisher auch jüngere Zuschauer zu erreichen. Da die mit dem klassischen Fernsehprogramm nur noch schwer zu kriegen sind, kommt eine besondere Rolle der Mediathek zu, aber auch der Verbreitung von Programmen auf Social Media. Ein neues Gesetz, das noch dieses Jahr beschlossen werden soll, sieht vor, dass ARD, ZDF und Deutschlandradio selbst entscheiden können, welche Programme sie überhaupt noch als klassisches TV und welche sie online zur Verfügung stellen - ausgenommen ist ein kleiner Pflichtkanon, der weiter linear gesendet werden muss. Es ist kein Geheimnis, dass die neuen Programmwelten Geld kosten werden, das anderswo eingespart werden muss.

Schwankende Sendungszahl "nach Kassenlage"? Dagegen wehren sich die Magazin-Chefs

Vor diesem Hintergrund bekommen auch die durchgesickerten Pläne der neuen Programm-Macher für die ARD-Politmagazine besondere Brisanz, von denen zuerst das Magazin Übermedien berichtete. Sie sind das zweite große Aufreger-Thema. Die sechs Politmagazine im Ersten - Panorama, Monitor, Kontraste, Fakt, Report Mainz und Report München - kommen von verschiedenen ARD-Anstalten mit ihrer jeweils eigenen Handschrift unter jeweils eigenem Label auf zwei Sendeplätzen pro Woche im Ersten. Die Politmagazine gelten auch als Hort der ARD-internen politischen Vielfalt. Sie gehören zum Gründungsinventar des öffentlich-rechtlichen Auftrags und widmen sich oft Themen, die wenig gute Laune machen (vorigen Donnerstag kommentierte Monitor unter anderem das Thema "Euro 2020: Scheiterhaufen der Moral" ).

Nun wird offenbar überlegt, ihre Schlagzahl von 90 Sendeplätzen pro Jahr auf 66 zu reduzieren, für einen Teil der weggefallenen Magazinsendungen könnten die Redaktionen den Auftrag zu längeren Doku-Beiträgen erhalten. Programmchefin Strobl teilte auf Anfrage mit: "Wir wollen die politische Berichterstattung im Ersten und der Mediathek ausbauen und einen neuen Schwerpunkt ,investigativen Journalismus' schaffen." Die Politikmagazine spielten da eine zentrale Rolle. Jeden Dienstag und Donnerstag werde es um 21.45 Uhr weiter investigative Recherchen und Berichterstattung zu politischen Themen geben, neben Magazinbeiträgen sollten die Redaktionen zusätzlich "wichtige Themen intensiv und detailliert behandeln - mit Dokumentationen, Reportagen oder anderen filmischen Formaten, die fürs klassische Fernsehen und die ARD- Mediathek sehr wichtig sind". Auch hier wieder: Es gehe auch um jüngere Zielgruppen.

Georg Restle; Monitor ARD Georg Restle

Warnt vor einer Trivialisierung des Programms: "Monitor"-Chef Georg Restle.

(Foto: WDR/Herby Sachs)

Georg Restle, im WDR Chef von Monitor, kritisiert dagegen, dass die Magazine in den Mediatheken bisher "nicht kuratiert beworben" worden seien. So hätten sie sich dort auch nicht etablieren können. Restle warnte Ende Juni in der SZ vor einer "Entpolitisierung und Trivialisierung" des Programms. Er und die anderen Leiter der Politmagazine werden dazu jetzt in einer schriftlichen Stellungnahme an das Trio Strobl/Köhr/Hager ebenso verbindlich wie deutlich. Der Brief wurde vorige Woche verschickt und liegt der SZ vor.

Man begrüße die Stärkung der Mediatheken, heißt es da, der non-lineare Erfolg der Magazine sei "absolut zentral", die angedachten neuen Langformate seien "eine gute Idee". Allerdings sollten alle Sendeplätze erhalten bleiben, "das würde auch der Diskussion vorbeugen, dass die politische Berichterstattung in der ARD geschwächt werden soll". Eine jährlich schwankende Ausstrahlung "nach Kassenlage" dürfe es nicht geben.

Noch ein Protestbrief ging diesen Montag raus: Mehr als achtzig freie Journalistinnen und Autoren der Politmagazine und des Doku-Formats Story im Ersten fordern die Intendantinnen und Direktoren der ARD auf, die Pläne "nicht in dieser Form umzusetzen". Die Rolle der Magazine sei wichtiger denn je als Gegengewicht zu Desinformation und Fake News, und das in einer Zeit, "in der die Feinde der Demokratie Rückenwind spüren". Die Redaktionen bräuchten Rückendeckung der Verantwortlichen. Die Unterzeichner schreiben, dass sie sich "eine breite Debatte über diese weitreichende Reform" wünschen.

Der Streit hat längst begonnen. Für die Direktorensitzung der ARD an diesem Dienstag und Mittwoch dürfte es jedenfalls genug Diskussionsstoff geben. Es geht um nicht weniger als das Selbstverständnis der ARD.

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