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Fernseh-Fußball:Bleibt alles anders

Der neue Star der Bundesliga: die Taktiktafel von Eurosport.

(Foto: Eurosport)

Die Eurosport-Taktiktafel und verschärfter Wettbewerb hinter der Bezahlschranke: Was sich in der Weltordnung des TV-Fußballs im letzten Jahr schon geändert hat - und wie es weitergeht.

Von Ralf Wiegand

Das erste Jahr der neuen Weltordnung im Fernsehfußball geht zu Ende, der vermeintliche Höhepunkt steht freilich noch bevor. Das Champions-League-Finale von Kiew an diesem Samstag ist vorerst das letzte, das wie selbstverständlich im frei empfangbaren Fernsehen übertragen wird. Das ZDF verabschiedet sich mit dem Spiel Real Madrid - FC Liverpool aus der Königsklasse, in der es seit der Spielzeit 2012/2013 das Runde ins Eckige gebracht hat. Noch einmal wird Béla Réthy die Twitter-Gemeinde erfreuen, die auf den thesenstarken Kommentator ja traditionell besonders stark reagiert. Einmal noch - dann ist auch dieses Kapitel beendet.

Die europäische Champions League, von Klubs, Sendern und Verbänden gern als Premiumprodukt verkauft, verschwindet ab der Saison 2018/19 komplett im Bezahlfernsehen. Sky und in Sublizenz der Streamingdienst Dazn teilen sich dann den Wettbewerb auf, es wird neue Anstoßzeiten geben (18.55 und 21 Uhr) und ein offenbar ebenso ausgeklügeltes wie rahmensprengendes Verfahren dafür, wer von beiden Zugriff auf welche Spiele hat. Kurz: Es wird komplizierter. Aber das traf in der letzten Saison auf die Bundesliga auch schon zu. Und, tat's weh?

Das Zauberwort der Pay-TV-Branche heißt Exklusivität. Sie gibt zunehmend den Ausschlag, ob die Sender im Rechtepoker groß einsteigen oder das Blatt hinwerfen. So hat Sky das bei der Formel 1 getan, die weiter frei bei RTL läuft. Sky stieg aus. Dass nun niemand mehr die Champions League für lau im ZDF sehen kann, war für die Münchner offenbar das stärkste Argument, dabei zu bleiben.

Dafür wird der Wettbewerb nun hinter der Bezahlschranke härter. Schon in der abgelaufenen Bundesligasaison hat sich in der Statik des Fernsehfußballs einiges verändert, nicht nur zum Schlechteren. So stieß im Sommer Eurosport in den erweiterten Kader der Fußballsender, überträgt seitdem Freitags- und Montagsspiele über den eigenen Eurosport-Player. Beziehungsweise anfangs eben nicht, als diese Internet-Glotze technische Probleme machte. Eurosport musste Kunden entschädigen und Spott ertragen. "Das würde mir auch auf den Keks gehen, wenn ich zu Hause sitzen würde und es nicht funktioniert", sagte etwa Markus Gisdol, damals noch Trainer des Hamburger SV, und meinte ausnahmsweise mal nicht das Spiel seiner Mannschaft.

Als er dann tatsächlich zu Hause zugucken konnte - Gisdol wurde im Januar beim HSV entlassen -, ging im Bezug auf Eurosport schon ein anderes Thema steil: Experte Matthias Sammer und die Taktiktafel. Der oft scharfsinnige, mit dem analytischen Blick eines Trainers gesegnete, dabei überraschend romantische Ex-Spieler und seine fast anachronistische Magnetwand sind die heimlichen Stars des neuen TV-Zeitalters. Als stünde er selbst in der Kabine, schiebt Sammer die bunten Buttons auf der weißen Wand zu immer neuen taktischen Varianten zusammen. Die Fans lieben ihn dafür, die Magnettafel ist schon Kult. Ob es die Übertragungen generell auch sind, sagt Eurosport nicht: Der Sender nennt keine Zuschauerzahlen, garantiert aber, dass Sammer, obwohl er als Berater bei Borussia Dortmund einsteigt, "in vollem Umfang unser Experte bleiben wird". Die Tafel bleibt auch.

Sky scheint indes von der neuen Konkurrenz unbeeindruckt, die vergangene sei die erfolgreichste Saison bisher überhaupt gewesen, trotz Konkurrenz und eher langweiliger Meisterschaft. Der Sender, um ein paar Übertragungen geschrumpft, zelebriert nach wie vor seine Größe mit einer riesigen Expertenrunde, der Samstag heißt weiter "Super Samstag", die Zahlen sind es auch. 4,91 Millionen Zuschauer (Samstag und Sonntag) bedeuteten am 30. Spieltag einen Allzeit-Rekord, ebenso wie die 1,94 Millionen Zuschauer allein bei der Neun-Spiele-Konferenz des letzten Spieltags. Eine sichtbare - und sehr lobenswerte - Neuerung gab es aber doch: Die krawatten- und sakkolosen lila Hemden, in denen die Sky-Experten aussahen wie Sträflinge beim Straßenbau, sind Geschichte.

© SZ vom 26.05.2018
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