bedeckt München 13°

Ferdinand von Schirach::"Der Fernsehabend geht weiter - die Wirklichkeit nicht"

sueddeutsche.de: Was fasziniert uns denn an einem Verbrechen?

von Schirach: Ich glaube, es ist so eine Stellvertretergeschichte. Nicht wir, ein anderer begeht das Verbrechen. Wir liegen unter der warmen Bettdecke, sehen uns das im Fernsehen an oder lesen einen Krimi und können uns ein wenig gruseln. Es ist ungefährlich, aber aufregend. Es ist das Gegenteil unseres normalen Lebens. Wer hat sich nicht einmal einen ganz perfekten Bankraub oder den perfekten Mord überlegt?

Unsere eigene Welt ist meistens ziemlich langweilig, alles ist festgelegt. Schon wenn man morgens in die S-Bahn einsteigt, gibt es zwanzig Verbotsschilder und die in allen Sprachen. Alles in unserem Leben scheint verboten. Sie dürfen nicht rauchen, nicht die Fenster öffnen oder nicht die Fenster schließen, Sie müssen den Müll trennen, sich anschnallen, nicht beim Fahren telefonieren, Sie müssen bei Rot halten, dürfen nur an bestimmten Stellen parken und so weiter. Bis die meisten von uns an ihrer Arbeitsstelle morgens angekommen sind, mussten sie 100 Ge- und Verbote beachten.

Der Verbrecher hält sich an all das nicht. Er ist frei, so kommt es uns vor. Er ist zügellos. Das fasziniert uns, wir wissen, dass er scheitert, wir sehen ihm gerne zu. Ich hatte mal einen Mandanten, der wegen Mordes angeklagt war. Er saß in einer Verhandlungspause hinter der Panzerglasscheibe im Gerichtssaal und zündete sich eine Zigarette an. Er hatte eine lange Haftstrafe zu erwarten und saß bereits sieben Monate im Gefängnis. Der Wachtmeister lief auf ihn zu und sagte: "Sie dürfen hier nicht rauchen!" Mein Mandant antwortete: "Was wollen Sie machen? Wollen Sie mich verhaften?"

sueddeutsche.de: Die Faszination an Verbrechern und ihren Grenzüberschreitungen greifen TV-Krimis auf. Sind dort Gerichtsdarstellungen realistisch?

von Schirach: Oft schreiben Drehbuchautoren von anderen Drehbuchautoren ab. Zum Beispiel hat kein Richter in Deutschland ein Hämmerchen, um für Ruhe zu sorgen. Und es gibt auch keinen Strafverteidiger, der aufsteht und zu einem Zeugen geht, um ihn zu befragen und anzuschreien. Der Anwalt sitzt auf seinem Platz und da bleibt er auch. Auch die Dramatik in den Prozessen ist meist eine völlig andere, sie ist schwierig zu zeigen. Und natürlich ist das Problem die falsche Gewaltdarstellung: Wenn Sie jemandem mit dem Baseballschläger auf den Kopf hauen, dann fällt der um und ist in der Regel tot.

sueddeutsche.de: Im TV steht er nach zwei Minuten wieder auf und kämpft weiter?

von Schirach: Genau. Wenn Sie aber mal bei einer Obduktion waren, wenn Sie sehen, wie dem Toten die Kopfhaut abgezogen wird, wenn Sie dabei die schmatzenden Geräusche hören, wenn Sie die Lunge vor sich liegen sehen oder das Projektil, das in einer Schüssel liegt, dann hat das mit TV-Krimis nichts mehr zu tun.

Die Obduktion ist nicht mit Musik unterlegt, es gibt dort keine Witzchen der Gerichtsmediziner. Alles geht ziemlich lange, das Blut wird mit Schöpfkellen dem Körper entnommen, die Organe werden gewogen, sie liegen in Edelstahlbecken. Das Herz eines Toten hat nichts Romantisches. Sie sehen überdeutlich die Haare des Opfers, hören Worte wie Kopfschwarte oder Schmiere, Sie sehen den Mageninhalt, alles riecht grauenhaft. Der Fernsehabend geht weiter - aber in Wirklichkeit ist der Tote tot. Nicht für zehn Minuten bis zur Werbepause. Er ist es für immer.

© sueddeutsche.de/berr/bgr/cat
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema