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Organisation Pinkstinks:"Es ist ein strapaziöses Grundrauschen"

Porträt Dr Stevie Meriel Schmiedel DEU Deutschland Hamburg 25 01 2017 Dr Stevie Meriel Schmied

"Stapaziöses Grundrauschen" nennt Stevie Schmiedel die Anfeindungen, die sie erhält. Die Gründerin von Pinkstinks hat die Leitung der Organisation nach acht Jahren abgegeben.

(Foto: Carsten Dammann/imago images)

Stevie Schmiedel, die Gründerin von Pinkstinks, hat die Leitung der feministischen Organisation abgegeben. Im Interview erzählt sie, warum Angriffe aus den eigenen Reihen die anstrengendsten sind.

Von Magdalena Pulz

Die Brigitte des Feminismus soll Pinkstinks sein, findet Stevie Schmiedel. Die Organisation macht mit einem Online-Magazin, mit Arbeit in Schulen und Kitas und mit prominenten Großkampagnen auf Sexismus in Werbung und Medien aufmerksam, zum Beispiel bei der jährlichen Modelsuche von Heidi Klum. Viele Aktionen hat sich Stevie Schmiedel ausgedacht. Sie hat zu Genderforschung promoviert, vor acht Jahren Pinkstinks gegründet und seither geleitet. Jetzt hat sich die 49-Jährige von der Leitung von Pinkstinks verabschiedet; freie Kreativdirektorin und Ansprechpartnerin für die Presse bleibt sie.

SZ: Für Sie hat alles mit einem Protest gegen die Sendung Germany's Next Topmodel angefangen. Nervt es Sie, dass das Format noch immer existiert und erfolgreich ist?

Stevie Schmiedel: Ich habe nie gedacht, dass wir diese Show absetzen. Dazu machen die viel zu viel Geld damit. Aber immerhin: Heidi Klum hat beim Castingaufruf angekündigt, dass sich jede - egal wie dick, groß, alt - bewerben dürfe. Dass das nur ein Feigenblatt ist, wissen wir auch. Aber es wird immerhin darüber gesprochen, und die Kritik an Heidi Klum ist unglaublich gewachsen. Generell würde ich mir von den Medien wünschen, dass bestimmte Themen, wie etwa Feminismus, mit mehr Ruhe erklärt werden.

Das Motto von Pinkstinks lautet: "Die Zeiten gendern sich." Stimmt das, wird unsere Gesellschaft geschlechtergerechter?

Nicht wirklich. Die feministische Landschaft ist komplett polarisiert. In den Großstädten und im studentischen Umfeld fangen viele junge Menschen an zu gendern und sich für Geschlechtervielfalt einzusetzen. Bei großen Modeketten kann man T-Shirts kaufen, auf denen "Feminist" steht - das hat es vor wenigen Jahren noch nicht gegeben. Und gleichzeitig haben wir einen unglaublichen Backlash durch das Erstarken des rechten Randes und Vorstellungen von "das wird man ja noch sagen dürfen". Insofern: Ja, wir haben einen Fortschritt, aber gleichzeitig dürfen wir den Rückschritt nicht unterschätzen.

Wann war der Moment, an dem Sie gesagt haben: Jetzt reicht's, ich muss aufhören?

Das war ein schleichender Prozess. Ich bin seit Jahren am Rand der Erschöpfung und wusste, irgendwann brauche ich mal eine Pause von dieser One-Woman-Show. Ich habe Fundraising, Marketing, Kampagnen, Text und Geschäftsführung gemacht. Jetzt hat Pinkstinks Rücklagen und ist für das nächste Jahr gut finanziert. Ein passender Moment, um Verantwortung auf verschiedene Schultern zu verteilen.

Es gibt auch handfeste Drohungen gegen Sie. Welche Rolle spielen die für Ihren Rücktritt?

Die Drohungen gibt es eigentlich schon immer. Aber nach den Attentaten von Hanau und Halle wissen nicht nur wir, dass solche Täter neben Muslimen und Juden auch Feministen im Visier haben. Seit etwa einem Jahr wird mir deswegen auf Vorträgen Personenschutz angeboten, und ich nehme das auch an. Ich bin, wie auch Katarina Barley und Heiko Maas, auf der rechten "Judas-Watch"-Liste. Da stehen zwar viele drauf, aber trotzdem denkt man bei jeder Großveranstaltung: Mensch, ich habe zwei Kinder. Das geht so nicht mehr.

Haben Sie diese konstanten Anfeindungen ausgehöhlt?

Es ist ein strapaziöses Grundrauschen. Aber was für mich die größte Anstrengung war, ist der Spannungsbogen in der linken Szene. Wenn wir aggressiv aus den eigenen Reihen angegriffen werden, weil wir etwa eine Gruppe nicht in einem Text mitgedacht haben, dann kann das sehr weh tun. Wir bemühen uns, inklusiv zu sein, die Probleme von Persons of Color und queeren Menschen mitzudenken, und intersektionalen Feminismus zu betreiben.

Intersektionaler Feminismus?

Ein Gesamt-Feminismus, der auch migrantische Frauen, Transfrauen und weitere diskriminierte Gruppen mitdenkt, und für deren Sichtbarkeit kämpft - wir alle sollten gemeinsam gegen das Patriarchat angehen. Das ist sehr wichtig, aber Pinkstinks hatte immer das Ziel, die Brigitte des Feminismus zu sein: Also Lieschen Müller zu erklären, warum wir die Welt verändern möchten. Und da muss man sprachlich manchmal verkürzen.

Manche Frauen sagen: Das generische Maskulinum stört mich ja gar nicht. Da fühle ich mich mitgemeint!

Schön für sie, wenn es sie nicht stört. Aber trotzdem finden auch diese Frauen es normalerweise interessant, von den Studien zu hören: Dass sich Kinder etwa unter einem Arzt keine Frau vorstellen und sich Mädchen dann oft nicht in einer solchen Position sehen. Manche haben dann vielleicht Eltern, die sie fördern oder ein weibliches Vorbild in ihrem Leben. Aber es gibt eben auch andere Umfelder, in denen eine gendergerechte Sprache einen großen Unterschied machen könnte.

Was war denn Ihr letzter feministischer Aha-Moment?

Ich werde nächstes Jahr selber 50 Jahre alt und habe gerade einen Text über die Wechseljahre geschrieben. Da kamen viele Zuschriften von jungen Frauen, dass sie das nicht hören wollen. Dass sie das Thema ganz unangenehm berührt, weil sie nicht darüber nachdenken wollen, dass sie da so biologisch festgeschrieben sind. Es fühle sich wie eine Falle an, Frau zu sein. Und ich glaube, dass genau diese Angst, als Frau älter zu werden, junge Feministinnen davon abhält, für die ältere Generation zu kämpfen. Und damit auch für ihr zukünftiges Ich.

Aber waren Sie auch mal positiv von der Welt überrascht?

Sicher! Ich hatte etwa einmal eine sehr schöne Begegnung mit Atze Schröder, den eine Freundin von mir inkognito in einem Café beim Frühstücken erkannt hatte. Da habe ich mich einfach zu ihm gesetzt und gesagt: "Du hast doch diesen richtigen Mist gebaut!" Mir ging es um eine schlimm sexistische Wiesenhof-Werbung. "Können wir darüber mal reden?" Da hat er mich angeschaut, und gesagt: "Du, das tut mir so leid. Das war so daneben, das ist mir bis heute peinlich." Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.

© SZ/avob/ebri
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