Fake News Meisterlich falsch

Wie eine herrenlose Website zur Waffe gegen Clinton wurde, mit der ein College-Absolvent ohne Job gut 20000 Dollar einnahm. Er sei zwar Republikaner, sagte der Mann, er habe auch für Trump gestimmt, aber das sei nicht sein Motiv gewesen. Es ging ihm ums Geschäft.

Von Willi Winkler

Es geht nichts über eine messerscharfe Analyse: Hillary Clinton, ihren Feinden seit je als "Feminazi" bekannt, korrupt bis ins Mark und sowieso von Goldman Sachs gekauft, würde alles daran setzen, um die Wahlen zu gewinnen. Ihr Gegenkandidat wusste es ohnehin: Die Wahlen werden manipuliert, alles Schiebung, wie er seinen Anhängern bei jeder Gelegenheit einschärfte. Alles, was es noch brauchte, war ein Beleg, der schlagende Beweis, das Clinton-Lager auf frischer Tat ertappt bei der Wahlfälschung. Cameron Harris lieferte ihn gerne.

Der 23-Jährige hatte Politik studiert, das College absolviert, aber keine Arbeit. Er brauchte ein Geschäftsmodell. Im Herbst 2016 kam ihm eine Idee: Sie ist einfach, sie ist durchdacht und auch noch lukrativ. Die New York Times nennt das Ergebnis ein "Meisterwerk an Fake News". Harris selber spricht von einem "soziologischen Experiment". Juristisch dürfte es den Tatbestand des Betrugs erfüllen, doch wird der Vorgang kaum je vor Gericht gelangen. Für fünf Dollar kaufte sich Harris die herrenlose Website The Christian Times Newspaper, bei der schon der Name für die nötige Seriosität bürgen würde. Über sie verkündete er, was den gemeinen Verschwörungstheoretiker in seinen schlimmsten Befürchtungen bestätigte: In einem Lagerhaus in Columbus im Bundesstaat Ohio habe sich das Material zu Clintons Betrug gefunden, die Polizei ermittle.

Weil ein Bild noch viel besser lügt als tausend Worte, fischte er sich aus dem Internet ein Foto, das einen Unbekannten mit großen Kisten zeigte, die der Aufschrift nach Wahlzettel enthielten. Harris gab dem Mann einen Namen und behauptete dreist, das seien die gefälschten Stimmzettel, die den Zählern am Wahltag untergeschoben werden sollten. Mit Hilfe von sechs Facebook-Konten, die er sich einrichtete, jagte Harris seine sensationelle Geschichte ins Netz, und Hillary Clinton war als Wahlfälscherin entlarvt. Donald Trump übernahm die Geschichte begeistert; sechs Millionen Klicks können nicht irren.

Zwar sei er Republikaner, erklärte Harris dem staunenden Reporter der Times, er habe für Trump gestimmt, aber das sei nicht sein Motiv gewesen, es ging ihm ums Geschäft. Mit sehr wenig Einsatz, fünf Dollar, konnte er Anzeigen und gut 20 000 Dollar generieren und hätte noch viel mehr verdient, wenn ihm Google nicht die Werbung entzogen hätte. Am 8. November erhielt Hillary Clinton die Mehrheit der Stimmen. Donald Trump hatte es gleich gewusst: die Wahl ist geschoben. Cameron Harris kann sich eine Zukunft als politischer Berater vorstellen.