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ARD-Doku "Expedition Arktis":Eine Welt verschwindet

ARD Themenwoche 2020 '#WIE LEBEN - BLEIBT ALLES ANDERS'

Der deutsche Eisbrecher "Polarstern" bei seiner Expedition in der Nähe des Nordpols.

(Foto: rbb/AWI/Stefan Hendricks)

Faszinierend und erschreckend zugleich: Die Dokumentation "Expedition Arktis" zeigt den Nordpol, wie er noch nie vom Sofa aus zu sehen war - und wie er wohl bald endgültig Geschichte sein wird.

Von Vivien Timmler

Und plötzlich ist da Licht. Ein halbes Jahr lang war die Polarstern, dieser gewaltige Eisbrecher, in völliger Dunkelheit durch das ewige Eis gedriftet, festgefroren an einer gigantischen Eisscholle. Ein halbes Jahr lang war die Crew bei Nacht aufgestanden, hatte bei Nacht geforscht, war bei Nacht wieder zu Bett gegangen. Und dann, Anfang März, wich die Polarnacht dem -tag und die Sonne ging auf.

Es sind die wohl beeindruckendsten Bilder des Films Expedition Arktis, der neue Maßstäbe setzt bei der Dokumentation des Klimawandels in Bild und Ton. Über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr hat ein Kamerateam die insgesamt 300 Wissenschaftler aus zwanzig Nationen der Expedition Mosaic bei ihrer Forschung im ewigen Eis begleitet. Herausgekommen ist ein Dokumentarfilm, der nicht nur ein Fest fürs Auge ist mit seinen spektakulären Zeitraffern, Makro- und Nachtaufnahmen. Nein, er ist schon jetzt auch ein Stück Filmgeschichte, auf das man verweisen wird, wenn man in ein paar Jahren zeigen will, wie es mal aussah, da oben am Nordpol.

Nirgends zeigt sich der menschengemachte Klimawandel dramatischer als in der Arktis. Die Temperaturen klettern höher und höher, das Eis wird dünner und dünner. Und doch weiß niemand so recht, was genau das bedeutet für die Arktis - und für die Erde. Was fehlt, sind Daten.

Am Nordpol ist es zu spät, um etwas aufzuhalten

Die Ozeanographen, Meereisphysiker und Atmosphärenchemiker an Bord der Polarstern haben es sich zum Ziel gesetzt, genau diese zu liefern. Sie wollen messen und dokumentieren, wie es steht um den "lebensfeindlichsten Lebensraum der Erde", wie sie sagen. Kaum ein Superlativ kann dem gerecht werden, was das Kamerateam um Regisseur Philipp Grieß da in der dunklen, weißen Eiswüste eingefangen hat. Ihre Arbeit macht Kräfte sichtbar, von denen der Zuschauer nicht einmal weiß, dass sie existieren. Sie zeigt die Wucht, mit der in der Dunkelheit Eismassen ineinander krachen, gewaltige Krater aufbrechen und Stürme darüber hinweg toben. Man hört das ewige Eis knirschen und ächzen und knarren - und mittendrin wuseln winzig anmutende Menschen in roten Overalls umher, deren Wimpern sich vor Eiskristallen nur so biegen. Expedition Arktis nimmt die Zuschauer mit an einen Ort, der eher einem fremden Planeten gleicht als einem Platz auf der Erde, so unwirklich erscheint der Nordpol inmitten der Polarnacht. Mehr als 500 Stunden Material haben die Kameraleute vor Ort gedreht. Man würde sie am liebsten alle ansehen.

Doch es sind nicht nur beeindruckende Bilder, die das Team da vom Nordpol mitbringt, es sind auch traurige. Expedition Arktis schafft es wie kaum eine andere Dokumentation ihrer Art, den Klimawandel festzuhalten - zumindest in Bild und Ton. Denn wenn dem Zuschauer nach 90 Minuten eines bewusst wird, dann dass es am nördlichsten Punkt der Erde längst zu spät ist, noch irgendetwas fest- oder gar aufhalten zu wollen.

Somit ist die Dokumentation zwar der fulminante Auftakt zur ARD-Themenwoche "Wie wollen wir leben?". Gleichzeitig muss klar sein: Diese Frage stellt sich in der Arktis nicht mehr. Denn auch wenn die Ergebnisse der Mosaic-Expedition erst in einigen Monaten vorliegen werden: Der Film zeigt überdeutlich, was der Klimawandel am Nordpol bereits angerichtet hat. Projekte wie Mosaic werden in absehbarer Zeit nicht mehr möglich sein. Weil die Eiswüste verschwindet.

Expedition Arktis, ARD, Montag, 16. November, 20.15 Uhr und danach 30 Tage lang in der ARD-Mediathek

© SZ
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