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Serie "Exit" im ZDF:Kotzbrocken

Vier Freunde im Dauerrausch: Jeppe (Jon Øigarden, v.l.), Adam (Simon J. Berger), William (Pål Sverre Hagen) und Henrik (Tobias Santelmann).

(Foto: Ingeborg Klyve/ZDF)

Vier Freunde aus der Hochfinanz lügen, betrügen und demütigen. Die norwegische Serie "Exit" basiert auf dem wahren Leben - und ist unglaublich erfolgreich.

Von Kai Strittmatter

Norwegen. Land der Fjorde und der Geschlechtergleichheit, Land der Hurtigruten und der aufgeklärten Bürger. Außerdem Land von Adam, William, Jeppe und Henrik. Vier Freunde, die lügen, betrügen, demütigen und auch prügeln, bis Blut fließt. Gierig, rotzfrech, skrupellos, ohne Respekt für irgendjemanden oder irgendetwas, mit Ausnahme vielleicht des neuesten Porsches. Vier der größten Kotzbrocken, die das Fernsehen in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat.

Exit ist eiskaltes Nordic Noir. Aber nein, Exit ist nicht eine weitere Serie aus der Welt der Vorstadtgangs, sondern spielt im Osloer Westen, dort wo die Oberwelt zu Hause ist. Adam, William, Jeppe und Henrik, alle in ihren Dreißigern, kommen daher, mit rosa Einstecktuch im Jackett. Hochfinanz. Wo man Gier "ökonomische Ambition" nennt, der Kapitalismus eine Religion ist und der reiche Schurke als Hohepriester verehrt wird. "Ich werde angebetet", sagt Investor William sichtlich erschüttert in einem seltenen Moment der Klarheit.

Für ihre Drogen- und Sex-Exzesse haben die vier Freunde heimlich eine Villa gemietet

Exit ist eine der erfolgreichsten Serien, die Norwegens öffentlich-rechtlicher Sender NRK je produziert hat. Nie wurde eine Serie in dem Land häufiger gestreamt. Deutsche Zuschauer können nun im ZDF zusehen, wie die vier Geld verdienen und verlieren, ihre Frauen verraten, den neuesten Kick suchen in Orgien von Sex, Drogen und Gewalt und überhaupt stets das Schlechteste ineinander hervorbringen.

Vier Männer im Dauerrausch, auch von sich selbst. Ein faszinierter Rezensent in Norwegen nannte die vier "frauenverachtend", in Wirklichkeit aber verachtet jeder der vier wohl jeden Menschen außer sich selbst. In den Ehen herrscht gegenseitiger Ekel und Hass. Und die eigenen Kinder? "Die brauch ich nicht. Erst, wenn sie größer sind", sagt Jeppe. Die Familie ist "die schreckliche sozialdemokratische Hölle", der man entfliehen muss. Also haben die vier Freunde heimlich eine Villa gemietet für ihre Drogen- und Sex-Exzesse.

Roter Faden in der ersten Staffel ist die Geschichte von Adam und seiner Frau Hermine. Adam ist ein narzisstischer, manipulativer Soziopath (ausnehmend fies in dieser Rolle: Simon J. Berger), der seiner sich nach einem Kind sehnenden Frau jahrelang verheimlicht, dass er sich längst hat sterilisieren lassen. Hermine findet das heraus, und rächt sich.

Vielleicht das schockierendste Detail an Exit ist der Vorspann: "2017 erzählten uns vier Börsenmakler aus Oslo ihre Geschichten", heißt es da. Ganze 70 Prozent des Drehbuchs, behauptet Autor und Regisseur Øystein Karlsen, seien direkt aus den Interviews eingeflossen: wahres, dunkles norwegisches Leben also. Die große Herausforderung sei es dann gewesen, dem Publikum eine Serie vorzusetzen ohne einen einzigen Sympathieträger.

Wenn das funktioniert, dann vor allem aus diesem Grund: Man fiebere mit, weil man die fiesen Kerle "entlarvt und eingebuchtet" sehen wolle, schrieb die linke Zeitung Klassekampen. Wenn schon nicht in der Wirklichkeit, dann im Fernsehen. In Norwegen hatte Anfang des Jahres schon die zweite Staffel Premiere. Bislang laufen allerdings auch in Exit noch alle frei herum.

Exit, acht Folgen in der ZDF-Mediathek

© SZ/cag
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