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Ex-Chefredakteurin der New York Times:Großartige Journalistin, schlechte Managerin

JILL ABRAMSON

Eigenschaften, die einen Mann als führungsstark auswiesen, würden einer Frau vorgehalten, kritisiert Jill Abramson.

(Foto: Augusto Casasoli/A3/contrasto/laif)

Bis zu ihrem Rauswurf war Jill Abramson die erste Frau an der Spitze der "New York Times". Sie sieht sich als Opfer der Medienkrise, doch um den Journalismus ist ihr nicht bange. Ein Treffen mit einer wütenden Optimistin.

Diese Frau ist wütend, und sie zeigt es. Wütend über Leute wie den 27-jährigen Matt Boyle, Breitbart-Korrespondent im Weißen Haus, die noch nichts gerissen haben im Journalismus und nun in rechten Medien Propaganda machen.

Wütend auf Facebook und Google, weil die Portale kilometerweise teure Recherchen der großen Tageszeitungen veröffentlichen, ohne dafür einen einzigen Cent zu bezahlen. Und wütend auf Journalisten, die mit oberschlauen Kommentaren nur ihre persönliche Marke pflegen, statt hinauszugehen, zu recherchieren und mit Menschen darüber zu reden, was sie wirklich bewegt.

Jill Abramson, 63, ehemalige Chefredakteurin der New York Times und dort vor drei Jahren "gefeuert", wie sie gerne betont, doziert auf einem Podium in der American Academy in Berlin darüber, was derzeit nicht stimmt im Journalismus. Aber als dann ein Gewitter aufzieht draußen über dem Wannsee, muss sie doch schmunzeln. "Wir haben Wut und Zorn!", kommentiert sie das Donnergrollen, um dann später zu bekunden: "Ich bin eine Optimistin."

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Vor allem, sagt sie, sei sie noch am Leben, das sei das Wichtigste. Und wer jetzt sofort "Aha!" denkt, liegt schon mal falsch. Denn damit spielt sie keineswegs auf ihren Rauswurf aus dem Olymp des Journalismus im Jahr 2014 an.

Zehn Jahre sei es jetzt her, als ein Lieferwagen sie am New Yorker Times Square niedergemäht habe, erzählt sie, es sei knapp gewesen. Danach habe sie neu laufen lernen müssen. So eine Kündigung dagegen, na ja, so etwas passiere vielen. Auch ihr Publikum scheint das locker zu sehen. Mehr als 200 Gäste sind an diesem Abend an den Wannsee gekommen, um ihr zuzuhören, der Saal ist voll.

Unter ihrer Führung gewann das Blatt acht Pulitzer-Preise. Diese Bilanz kann ihr niemand nehmen

Abramson liebt Sprache. Sie lässt sich Zeit mit ihren Sätzen, ihre Stimme knarzt etwas und hallt nach, ob sie auf der Bühne steht oder ob sie, wie später, mit einem Glas Weißwein auf einem Sofa hockt.

Sie ist eine von den Körpermaßen her kleine Frau, die Sprache hat sie groß gemacht. Erste Büroleiterin in Washington, erste geschäftsführende Redakteurin, erste Chefredakteurin der New York Times, die unter ihrer Führung acht Pulitzer-Preise gewonnen hat - diese Bilanz nimmt ihr niemand, auch wenn das Ende jäh und unschön war.

Verleger Arthur Sulzberger hatte Abramson nach drei Jahren an der Spitze der Redaktion entlassen. Vor allem Kritik an ihrem ruppigen Führungsstil drang nach draußen. Sie selbst sagt dazu: "Ich wurde als stur betrachtet und nicht enthusiastisch genug dabei, mit der Redaktion Produkte zu entwickeln, die der Zeitung Geld bringen."