European Championships im Fernsehen Gemeinsam erfolgreich gegen die Übermacht des Fußballs

Mehr als vier Millionen Zuschauer schalten in der Spitze bei dern Leichtathletik-Wettkämpfen unter anderem mit Kristin Gierisch ein.

(Foto: dpa)
  • Zum ersten Mal finden die Europameisterschaften verschiedener Sportverbände gebündelt statt.
  • Das Fernsehen profitiert enorm davon und auch die Sportler bekommen mehr Aufmerksamkeit.
  • Es ist ein Konzept, das sich im Wintersport schon lange bewährt hat.
Von Martin Schneider

Vor ein paar Wochen, es war ein Samstag, sah man an zwei Zahlen die Kräfteverhältnisse im deutschen Sport. Es lief die Fußball-Weltmeisterschaft, die deutsche Nationalmannschaft war schon lange ausgeschieden, und die ARD sendete das Spiel um Platz drei, England gegen Belgien. Das Spiel um Platz drei wollen meist die Spieler selbst gar nicht mehr spielen. Aber zuschauen, das wollten viele Deutsche trotzdem. Es schalteten mehr als acht Millionen ein, so viele wie bei einem guten Tatort. Zur gleichen Zeit sendete das ZDF das Wimbledon-Finale mit Angelique Kerber, die als erste deutsche Tennis-Spielerin seit Steffi Graf 1996 das Rasenturnier gewann. Das wollten im Schnitt zwei, in der Spitze drei Millionen sehen.

Auch bei bestem Badesee-Wetter reichte die Quote an die des Wintersports heran

Auch wenn es ein paar mildernde Umstände gibt (Wimbledon lief bis zum Finale nur auf dem Pay-TV-Sender Sky) sind diese beiden Zahlen nahezu erschütternd. Und das ist nur ein Beispiel für die erdrückende Dominanz des Giganten Fußball in der Zuschauergunst. Seit Jahren sind Fußballübertragungen die meistgesehenen Sendungen in Deutschland, 27 Millionen Menschen, also 32 Prozent der deutschen Bevölkerung, sahen das WM-Vorrundenspiel Deutschland gegen Schweden, das WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien mehr als 20 Millionen, Spartensender übertragen auch noch die vierte Liga live, selbst im vergangenen Jahr war das Endspiel des sogenannten Confederations Cup zwischen Deutschland und Chile die meistgesehene Fernsehsendung der Republik. Gibt es für andere Sportarten überhaupt noch Hoffnung?

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In diesen Tagen jedenfalls funktioniert ein neues Konzept für die olympischen Sportarten aus Fernsehsicht geradezu herausragend gut.

Zwischen dem 2. und dem 12. August finden in Glasgow und in Berlin die European Championships statt, manche nennen sie Mini-Olympia, und eigentlich trifft es das ganz gut. Es sind die Europameisterschaften der Sportarten Schwimmen, Radfahren, Turnen, Golf, Leichtathletik, Triathlon und Rudern, die in Berlin (Leichtathletik) und in Glasgow (alle anderen Sportarten) stattfinden. Der Brite Paul Bristow und der Schweizer Marc Jörg hatten das Projekt als Gründer der veranstaltenden Organisation 2011 angeschoben mit dem Gedanken, dass einzelne Sportarten zusammen mehr Interesse erzeugen als jede Sportart für sich. In diesem Jahr also wurde diese Idee mit den gebündelten European Championships erstmals umgesetzt.

Früher veranstaltete jede einzelne dieser Sportarten ihre eigene Europameisterschaft zu dem Zeitpunkt, an dem es dem jeweiligen Verband am besten passte - und die Zuschauer bekamen es nicht mit oder schalteten weg. Als 2014 die Schwimm-EM in Berlin stattfand, fuhr die ARD unterdurchschnittliche Quoten ein - die Sportart drohte aus dem Programm zu fliegen. Und wenn eine Sportart nicht mehr im Fernsehen übertragen wird, springen Sponsoren ab, dann wiederum gibt es weniger Geld, dann wiederum werden die Leistungen schlechter und so weiter.

Die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender in Europa (European Broadcasting Union, kurz EBU) haben ein Interesse daran, dass sich die einzelnen Sportverbände so koordinieren, dass man Langzeit-Sendestrecken daraus machen kann. Sprich: Erst Schwimmen zeigen, dann Turnen, dann Radfahren, dann Rudern, dann wieder Schwimmen. Und fertig ist der Binge-watching-Tag, der bislang kalte Wintersonntage auszeichnete.