Neue Serie "Ethno":Comedy von Migranten für Migranten

Ethno âÄ" Made by RebellComedy

Ben (Benaissa Lamroubal, l.) - und der komische Typ, den er lange selber nicht sieht, das ist sein Migrationshintergrund (Waldemar Kobus).

(Foto: WDR/RebellComedy)

Die Serie "Ethno" macht sich über den viel beschworenen Migrationshintergrund lustig - und zwar so, dass auch Migranten lachen.

Von Marija Barišić

Ben sagt es leise, mit gesenktem Blick: "Ich studier nicht mehr." Sein Vater sitzt ihm am Esstisch gegenüber, er sieht ihn vorwurfsvoll an. "Eure Mutter und ich haben unser Land und unsere Familien zurückgelassen. Wofür? Für eure Zukunft!", brüllt er seinem Sohn entgegen.

Es ist dieser eine Satz, den jeder Mensch mit Migrationshintergrund kennt. Einer, der immer dann kommt, wenn man es nicht schafft, den hohen Ansprüchen seiner Eltern gerecht zu werden, und nun mit diesem schrecklich-unangenehmen Gefühl zurückgelassen wird, nicht nur sein eigenes, sondern auch ihr Leben verschwendet zu haben.

Diese Szene zwischen Ben und seinem Vater - sie tut weh, aber sie ist echt. Und zeigt, dass die neue Serie Ethno von Menschen produziert wurde, die wissen, wie es ist, als Kind von Migranten aufzuwachsen.

Benaissa Lamroubal, Babak Ghassim, Massoud Doktoran, sie alle sind Teil von Rebell Comedy, einem deutschen Stand-up-Comedy-Ensemble, das seit einigen Jahren durch Deutschland tourt und mit seinem Programm auch im WDR schon zu sehen war. Nun hatten die Comedians (alle mit Migrationshintergrund) die Idee für eine Serie, die sich mit genau diesem Migrationshintergrund beschäftigt. Aber anders. "Wir wollten einen authentischen Blick in unsere Welt geben, ohne darauf zu achten, wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft das empfinden würde", sagt die Producerin Laila Bounouar. So haben alle Schauspieler denselben Migrationshintergrund wie ihre Rollen. Und das Wohnzimmer des Protagonisten Ben ist so eingerichtet, wie es in marokkodeutschen Wohnungen üblich ist, und nicht so, wie Deutsche glauben, dass es eingerichtet sein könnte, mit Shisha und Billigmöbeln vom Discounter etwa.

Der Protagonist Ben (Benaissa Lamroubal) hat sein Studium abgebrochen und muss nun seine Bafög-Schulden zurückzahlen. Mit seinem Nebenjob im Callcenter und einem Konto im Minus ist das nahezu unmöglich, das weiß Ben, weshalb er beschließt, sich bei einem Wettbewerb als Stand-up-Comedian zu versuchen, um dort hoffentlich das ausgeschriebene Preisgeld zu gewinnen. Sein Vater, ein Marokkaner, der ausgewandert ist, um seinen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, will davon nichts wissen.

Gleich zu Beginn der Serie taucht ein komischer, fettleibiger Mann mit Bart und Bärenkostüm auf, der die ganze Zeit hinter Ben hergeht und um seine Aufmerksamkeit buhlt. Doch mit Ausnahme von Bens bestem Kumpel Ramon scheint niemand diese fragwürdige Figur im Hintergrund zu bemerken, auch Ben nicht. Nur den Zuschauern stellt der bärtige Mann sich gleich in der ersten Folge vor: "Ey, jetzt tut mal nicht so, als würdet ihr mich nicht sehen! Ich bin's! Früher ein richtiger Star und heute? Bin ich so ein verdammter Migrationshintergrund!"

Mal taucht er auf, um Ben zu erklären, was denn seine deutsche Agentin meint, wenn sie sagt, dass die Leute "Ethno Comedy" von ihm erwarten: "Du sollst mich nutzen, du Idiot!" Mal gibt er damit an, er habe Ben ja überhaupt erst berühmt gemacht. Tatsächlich wird Ben schlagartig zum TV-Star, nachdem er das deutsche Publikum mit Terroristenwitzen versorgt hat - inklusive Salafistenturban und Sprengstoffgürtel. So ganz wohl fühlt er sich in dieser Rolle natürlich nicht, aber sie bringt Geld und nebenbei auch noch Ruhm und Erfolg, also: Warum eigentlich nicht?

In Wahrheit steckt dahinter eine Frage, die sich jeder Mensch mit Migrationshintergrund schon einmal gestellt hat: Bin ich lieber so, wie ich bin - oder so, wie die Mehrheitsgesellschaft mich haben möchte? Und: Kann ich trotzdem Erfolg haben, wenn ich mich für Ersteres entscheide? Allein wegen dieser Überlegungen ist es gut, dass es die Serie gibt. Abgesehen davon ist die Idee, diesen Migrationshintergrund in eine lebende Figur zu verwandeln, ja wirklich lustig. Wenn man es dann auch noch schafft, dabei keine rassistischen Klischees zu bedienen, ist es nicht nur lustig, sondern auch erleichternd. Endlich kann man über diesen verdammten Migrationshintergrund lachen - und zwar ganz ohne Häme.

Ethno, zu sehen im WDR Youtube Channel Comedy & Satire und in der ARD-Mediathek. Am 12. November folgt die Ausstrahlung im Ersten und am 13. November bei One.

© SZ/ebri/tyc
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