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ESC-Song von Jendrik Sigwart:In der Weichkäse-Werbung

Musical-Sänger und Liedermacher Jendrik

Jendrik Sigwart, Hamburger Musical-Darsteller und Singer-Songwriter

(Foto: picture alliance/dpa/NDR)

Jendrik Sigwarts Wahl zum deutschen ESC-Vertreter ist fast schon revolutionär. Alles stimmte - Story, Message, Viralität. Nun hat er seinen Song vorgestellt.

Von Quentin Lichtblau

Bevor die Suche nach dem Impfstoff sämtliche anderen wissenschaftlichen Herausforderungen aus dem Fokus der Öffentlichkeit verdrängte, galt - zumindest in europäischen Sphären - die Lösung einer Frage schon fast als Weltformel: Wie lässt sich vorhersagen, welcher Künstler die besten Chancen beim Eurovision Song Contest hat? Und wen schickt man ins Rennen? Ganz früher ging man dabei nach dem Prinzip trial and error vor, Entscheidungen wurden nach dem Bauchgefühl von Menschen wie Ralph Siegel getroffen. Diese lagen dabei manchmal unfassbar falsch oder überraschend richtig, andere wiederum kopierten einfach den Vorjahres-Sieger.

Im Zeitalter allumfassender statistischer Berechenbarkeit hat sich zuletzt eine Methodik als einigermaßen aussagekräftiges Orakel etabliert: die Analyse der Trends im Netz. Google konnte mit seinem "Eurosearch Song Contest" mittels der Häufigkeit von Suchbegriffen und anderer Metriken in den vergangenen Wettbewerben 2017, 2018 und 2019 immerhin zwei Mal den Gewinner vorhersagen, 2018 siegte mit Israel der prophezeite zweite Platz.

Zumindest angesichts dieser doch recht passablen Treffsicherheit ist der diesjährige deutsche ESC-Kandidat, gewählt von 100 Menschen aus allen Ecken Deutschlands und einer 20-köpfigen Expertenjury, eine nahezu brillante Wahl: Der 26-jährige wasserstoffblonde Jendrik Sigwart zimmert sich nämlich schon seit vergangenem Juni eine Followerschaft auf der Videoplattform TikTok zusammen, gut 12000 Menschen folgen ihm dort. Der virale Buzz, das digitale Von-Sich-Reden-Machen, ist also bereits vorhanden. Der Kanal des gebürtigen Hamburgers baut dabei auf der Geschichte auf, der Musical-Darsteller habe während des öden Corona-Sommers dazu entschlossen, sich beim ESC zu bewerben und dafür ein Musikvideo zu drehen.

Die Botschaft: Man braucht weder Geld noch sonstige Privilegien, sondern ein bisschen Crazyness

Die "Arbeit" an diesem Video, unter anderem der Transport von einem Dutzend Waschmaschinen ins improvisierte Studio in einer Kirche, das Basteln eines Mittelfingers-Kostüms und andere essenzielle Schritte zum Erfolg, kann man sich bei TikTok in einzelnen Clips ansehen. Die sind allesamt sehr witzig, maximal unterhaltsam, wie auf Speed geschnitten und erinnern in ihrer "Ich bin mittellos und ohne Plan, aber ich mach' einfach mal"-Inszenierung stark an den Youtube-Heimwerker Fynn Kliemann. Der verkauft auf seinem Kanal ebenfalls die Phantasie, dass man für diese Art von Projekten weder einen Haufen Geld noch sonstige Privilegien braucht, nur ein paar Freunde und ein bisschen Crazyness.

Sigwarts Reihe namens "How to Make ein Musikvideo" umfasst 20 Teile, die zweite "How to make Bewerbung für den ESC obwohl man sich nicht bewerben kann" erzählt dann in weiteren Folgen, mit Englisch jetzt auch zweisprachig, wie er - ganz plötzlich - eine Anfrage von einem Menschen mit Kontakt zu ESC-Verantwortlichen beim NDR im Mail-Postfach gehabt habe. Diese Tellerwäscher-Story wirkt in ihrer Gesamtheit dann doch ein ganz klein bisschen zu glatt. Kurz erwischt man sich bei der Frage, ob hier nicht doch eine findige Agentur ihr Meisterstück im sogenannten digitalen PR-Storytelling abliefern will, der Disziplin also, in der jedes noch so fade Produkt über Heldengeschichten und mit Rücksicht auf relevante Algorithmen verkauft wird.

Brutal platt, aber ganz falsch ist die Botschaft ja nicht, sieht schon noch irgendwie gut aus

Aber wer im Pop, oder gerade beim ESC, so etwas Unmögliches wie Authentizität sucht, der soll halt portugiesischen Jazz hören, und wahrscheinlich ist Sigwart eben einfach ein Genie. Ein ganz bisschen nervig ist allerdings, dass er seine Gabe mit allen Mitteln kleinredet, das Rumgereite auf dem Junge-von-nebenan-Image äußert sich besonders in seinem bevorzugtem Instrument: der Ukulele. Deren Klänge fristen außerhalb von Hawaii seit Jahren ein trauriges Dasein als Konsenshintergrundgedudel für Rezeptvideos und Werbeclips. Gleichzeitig dient sie all jenen als holzgewordener Vorschlaghammer, die ganz groß hinaus, aber auch unbedingt darlegen wollen, dass sie ja eigentlich überhaupt nichts können und damit genau so sind wie wir alle. Diesen Spagat aus Anmaßung und Demut bringt Sigwart - wieder maximal treffsicher - auf den Punkt, indem er sein kleines bescheidenes Ukulelchen mit funkelnden Strasssteinen besetzt hat, was laut TikTok-Video natürlich auch wieder ein Haufen Do-It-Yourself-Arbeit war.

Musical-Sänger und Liedermacher Jendrik

Auch das mit der Ukulele, diesen Spagat aus Anmaßung und Demut bringt Sigwart treffsicher auf den Punkt.

(Foto: picture alliance/dpa/NDR/picture alliance/dpa/NDR)

Das Resultat des besagten Videodrehs zum ESC-Song "I Don't Feel Hate", feierte am Donnerstagabend in der ARD Premiere. Zu sehen: Die Waschmaschinen und ein paar bruchstückhaft angerissene Geschichten über Menschen, die aufgrund ihres Geschlechts, ihres Körperbaus oder ihres Kopftuchs beleidigt werden, dann ihre jeweiligen Peiniger verprügeln und am Ende fröhlich in einem Holi-Farben-Meer tanzen. Brutal platt, aber ganz falsch ist die Botschaft ja nicht, sieht schon noch irgendwie gut aus, das alles - und der ESC ist ja auch keine Adorno-Lesegruppe.

Spätestens beim nun erstmals hörbaren Song kommt aber dann doch die Tragik von Sigwarts Unterfangen zum Vorschein: Die meisterhaften TikTok-Videos, ihren Humor, die digitale Virtuosität, all das beherrscht er mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Die Hülle ist makellos, für ESC-Verhältnisse frisch und vielversprechend, sie enthält alle Faktoren für eine erfolgreiche Produkt-PR: Story, Message, Viralität.

Aber bei einem Song Contest geht eben doch nicht allein um die beste Leistung im Schreiben digitaler Geschichten. Es ist eine traurige Ironie, dass Sigwarts unendlich scheinendes Genie ausgerechnet beim Lied selbst an seine Grenzen stößt. Die Klatscher, das Gepfeife, die abertausendfach gehörten Ukulele-Akkorde, man fühlt sich hier leider weniger in einem validen Song, sondern eher gefangen in einer Weichkäsewerbung auf Youtube, bei der man den Skip-Button nicht findet. Wie schade. Und so erlangt man beim Hören genau den Gefühlszustand, den Sigwarts Stimme einem in die Ohren trällert: "I don't feel hate, I just feel sorry."

© SZ/cag
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